2018-01 Heinrich Böll und Dietrich Bonhoeffer

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Jänner 2018!

Ich wünsche Euch allen und unserem Verein Gottes Segen für das neue Jahr. Friede wünsche ich Euch auch, so wie es in einem neueren geistlichen Lied heißt: „Friede soll mit Euch sein, Friede für alle Zeit. Nicht so wie ihn die Welt Euch gibt, Gott selber wird es sein.“ Um Frieden geht es auch bei Heinrich Böll und Dietrich Bonhoeffer.

Am 21. Dezember 2017 war der hundertste Geburtstag des Schriftstellers, Humanisten und Nobelpreisträgers für Literatur, Heinrich Böll (1917 – 1985). Seit seinem Tod hat es wohl in Deutschland keinen vergleichbaren öffentlichen Intellektuellen mehr gegeben. Böll legte sich mit der politischen Linken wie der Rechten an, mit der katholischen Kirche ebenso wie mit der Presse.

Am 10. Oktober 1981 hielt Böll im Hofgarten der damaligen deutschen Hauptstadt Bonn eine Friedensrede anlässlich einer Demonstration für Frieden in Europa:

„Es sind ein paar seltsame Dinge in diesem Land geschehen. Das erste war, daß man einen Fernsehfilm, der den Krieg von der sowjetischen Seite zeigen sollte, schon abgeschossen hatte durch Leserbriefe, bevor einer ihn hat sehen können. Den Krieg, wie die Sowjetunion ihn erlebt hat, möchte offenbar keiner mehr sehen. Das zweite Seltsame war, daß diese Demonstration, diese Kundgebung, diese Veranstaltung, auf der wir uns zeigen - demonstrieren heißt ja sich zeigen - denunziert wurde, bevor sie stattfand, und daß offenbar

Politiker und Bundestagsabgeordnete schon wußten, wer hier was sprechen würde, bevor überhaupt gesprochen worden ist. Ein sehr merkwürdiges Ereignis. Dann wurden wir einer Bundestagsdebatte gewürdigt, und wir können dies nachträglich als Ehre empfinden. Immerhin hat diese Bundestagsdebatte etwas gezeigt, was uns überrascht: Alle Bundestagsabgeordneten sind Pazifisten - ALLE! Und ich hoffe, daß die Wähler der CDU/CSU es auch gemerkt haben, daß sie Pazifisten gewählt haben. Angst? Wir verbreiten keine Angst! Wir drücken auch gar nicht Angst aus. Die Politiker sollten doch wissen, wenn sie in die Arsenale ihrer Armeen sehen und in die Planungen, in die geplanten Systeme, die da alle sich überschlagen, daß sie die Angst verbreiten. Die Politik der Regierung Reagan ist auch in den USA nicht unumstritten. Wir wollen uns klar darüber sein, daß im Augenblick sogar im amerikanischen Kongreß und im amerikanischen Senat ein Hin und Her stattfindet, daß Waffensysteme vorgeschlagen, verworfen werden, daß Summen genannt werden für die Rüstung, deren End-Nullen man gar nicht mehr zählen kann. Wir sind nicht anti-amerikanisch, wenn wir uns gegen eine bestimmte Politik einer bestimmten amerikanischen Regierung wehren. Regierungen sind ja nicht ewig! Und es ist gar nicht klug, sich auf die Politik einer Regierung, die zunächst für drei oder vier Jahre noch im Amt ist, einzustellen. Unumstritten ist die amerikanische Politik in der Fraktion der CDU/CSU in unserem Bundestag. Dort ist sie weniger umstritten als in Amerika selbst. Die Blindheit, mit der man dort in dieser Fraktion nach jeder Waffe greift, noch bevor sie auf dem Markt ist, eine Waffengier, fast ein Waffenjubel, der sollte doch die Wähler dieser Partei nachdenklicher machen, wenn sie sich klar darüber werden, daß hier Waffenverseuchung mit Waffenpest bekämpft wird. Die Vereinigten Staaten von Amerika verdanken ihre Existenz einer Revolution, einem Aufstand. Das wollen wir nicht vergessen. Und deshalb wollen wir dankbar sein, daß nicht unsere Opposition im amerikanischen Senat sitzt und nicht die politischen Redakteure einiger Zeitungen, sondern daß dort Amerikaner sitzen - mir immer noch lieber, als über-amerikanische Deutsche. Wir kennen die amerikanische Kultur; ich spreche hier als Autor, und ich kann auch im Namen meiner Kollegen sprechen: wir sind auch von der amerikanische Literatur befreit worden. Wir wollen das nicht vergessen! Von Saroyan bis Salinger und von Hemingway bis Steinbeck - da wären dutzende Namen zu nennen. Es ist absurd, eine Idiotie, uns Anti-Amerikanismus vo-zuwerfen. Und ich bin sicher, daß viele meiner amerikanischen Kollegen denken wie wir. Ich hatte auch gestern den Eindruck, daß ein bißchen Angst im Bundestag herrschte - nicht Angst, nicht physische Angst vor uns hier, sondern die Angst davor, daß diese Hollanditis, diese wunderbare Krankheit, diese großartige Erscheinungsform der Gesundheit, daß die umgreifen könnte und übergreifen auch auf die CDU- und CSU-Wähler. Das ist meine Hoffnung! Das könnte auch schiefgehen bei diesem Wahloptimismus, den diese Parteien momentan ausstrahlen. Wir wollen uns auch nicht vormachen, daß wir allein den Frieden wollen! Auch das wäre eine Täuschung. Ich will noch ein Ereignis erwähnen, das mich fürchterlich beeindruckt hat, fürchterlich erschreckt hat. Es ist die Räumung der Besetzung der Startbahn West. Natürlich, wir wissen das, da ist sozusagen Recht vollzogen worden. Nein, ich meine das gar nicht so ironisch, wie Sie das möglicherweise verstehen. Es ist ja eine Sache, Recht zu haben und Recht zu bekommen; und auf dem Recht zu bestehen, das ist eine andere Sache. Ich weiß nicht, wieviele Menschen in der Welt Opfer, sagen wir etwa, des Vorfahrtsrechtes werden, des Vorfahrtsrechtes im Straßenverkehr. Ich weiß nicht, wieviele Menschen Opfer dieses Vorfahrtsrechtes werden, von dem der Autofahrer oder wer immer Gebrauch macht. Er ist ja unschuldig. Und ich glaube, wir sollten den Begriff des Vorfahrtsrechtes auch auf diese Art von Aktionen übertragen. Es ist gestern ein Wort gefallen im Bundestag von Herrn Bundeskanzler Schmidt, über das ich als Autor sehr lange reden möchte aber nicht lange reden will - es ist das Wort »zwielichtige Gestalten«. Dies ist eine ganz, ganz gefährliche Formulierung. Denn wir haben ja erlebt, daß äußerst zwielichtige Gestalten in die höchsten Regierungsämter gekommen sind. Und ich bin fast geneigt, mich selbst zu einer zwielichtigen Gestalt zu erklären. Ein merkwürdiges Wort! Man weiß ja nie so recht, wer zwielichtig ist, bis irgendeiner herausfindet, daß er zwielichtig ist. Und im Augenblick ist ja eine äußerst zwielichtige Gestalt der amerikanischen Geschichte bei der Beerdigung von Sadat auch anwesend. Es ist kalt geworden, Sie haben alle lange gewartet. Ich möchte Ihnen, im Namen auch der Vorredner, danken für Ihre Geduld, Ihnen allen danken für die Ermutigung, die Sie darstellen! Die Politiker haben ja die Wahl, uns zu apathischen Zynikern zu machen. Das ist sehr leicht geschehen. Sie können es haben, sie können eine gelähmte Bevölkerung auf der ganzen Welt haben, die gelähmt ist von diesen Waffenpesten und Waffenzahlen. Wir wollen uns nicht lähmen! Ich bedanke mich bei Ihnen allen für die Ausdauer und für Ihre Anwesenheit. Ich glaube, daß wir einen sehr sehr wichtigen Nachmittag erlebt haben. Nur eines muß ich sagen - ich käme mir wie ein Verräter an vielen und an mir selber vor, wenn ich nicht einen Menschen erwähnen würde, mit dem ich sehr befreundet bin, der friedfertigste Mensch, den ich kenne. Er ist für mich eine Art Gandhi, leider ohne den Rückhalt in seinem Land. Ich meine Andrej Sacharow, der schon erwähnt worden ist, der sehr weit entfernt von hier, sehr sehr weit entfernt, nicht verurteilt, nur verbannt, nur aus dem Verkehr gezogen ist, eine Erscheinung des Friedens - ich kenne ihn persönlich - ein Mensch, der Frieden ausstrahlt und leider an der Ausstrahlung dieses seines Friedens gehindert wird. Erlauben Sie mir, mich an die unter Ihnen zu wenden, die sich selbst als Kommunisten definieren. Ich definiere niemanden, der sich nicht selbst so definiert. Vielleicht denken Sie einmal daran, daß Ihre Glaubwürdigkeit, Ihr Hiersein, Ihre Hilfe bei den Friedensdemonstrationen bedeutend größer würde und uns helfen würde, wenn Sie einmal - Sacharow als Beispiel - an diese Menschen denken würden. Und wenn sie einmal daran denken würden, daß in der CSSR seit 1968 ein kultureller Friedhof wächst. Und ich nenne meinen Kollegen Vaclaw Havel als Beispiel dafür. Wir können das nicht vergessen, den Frieden, der von diesen Menschen ausstrahlt. Da wäre noch viel zu sagen - ich hätte noch viel zu sagen. Ich habe ein ganzes Manuskript vorbereitet, ich verzichte darauf - es ist genug. Ich glaube, es ist genug. Erlauben Sie mir zum Schluß nur eine Bitte von mir und von allen Veranstaltern, von allen Rednern: Dies ist eine Friedensdemonstration. Sorgen Sie dafür, daß sie friedlich zu Ende geht. Es ist ein bißchen naiv, wenn Politiker uns auffordern, dafür zu sorgen, daß eine solche riesige Veranstaltung friedlich zu Ende geht. Wir haben keinen Geheimdienst zur Verfügung, wir haben keine Exekutivgewalt, wir sind darauf beschränkt, Sie alle zu bitten. Und sollte jemand ohne böse Absichten ganz prophylaktisch einen Stein in der Tasche haben, im Campingbeutel -, ich bitte Sie: lassen Sie ihn fallen - überlassen Sie ihn dem Fuhrpark der StadtBonn! DenkenSie daran, daß Bonn eine friedliche Stadt ist, eine friedliche Bevölkerung - daß auch hier niemand Krieg will und das die Fensterscheiben und Schaufenster so unschuldig sind wie die Bevölkerung der Stadt Bonn! Ein allerletztes Wort an eine Menschengruppe, die möglicherweise - ich will nicht sagen wahrscheinlich - auch hier unter uns ist, an die agents provocateur. Ich weiß nicht, ob sie hier sind. Ich vermute, es gibt Gruppen, es gibt Geheimdienste in aller Welt, die interessiert daran wären, diese Geschichte hier platzen zu lassen. Also wende ich mich prophylaktisch an die möglichen agents provocateur. Eine naive Sache, solche Leute zu bitten - ich blamiere mich gerne in so einer Form der Naivität - wenn sie vorhanden sind: Wir alle hier oben und die Organisatoren erklären uns bereit, wenn sie diskret zu uns kommen, Ihnen den Verdienstausfall zu ersetzen. Ich danke Ihnen für Ihre Geduld. Sie haben alle in der Kälte ausgehalten. Ich danke Ihnen für die Ermutigung, die diese riesige, großartige Veranstaltung bedeutete.“

Dietrich Bonhoeffer hat ja auch am 28. August 1934 bei einer Tagung des ökumenischen Weltbunds für Freundschaftsarbeit auf der dänischen Insel Fanö eine Friedensrede gehalten (DBW 13, SS. 298 - 301):

„Ach daß ich hören sollte, was der Herr redet, daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen“ (Ps. 85,9). Zwischen den Klippen des Nationalismus und des Internationalismus ruft die ökumenische Christenheit nach ihrem Herrn und nach seiner Weisung. Nationalismus und Internationalismus sind Fragen der politischen Notwendigkeiten und Möglichkeiten. Aber die Ökumene fragt nicht nach diesen, sondern nach den Geboten Gottes und ruft diese Gebote Gottes ohne Rücksicht mitten hinein in die Welt. Als Glied der Ökumene hat der Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen Gottes Ruf zum Frieden vernommen und richtet diesen Befehl an die Völkerwelt aus. Unsere theologische Aufgabe besteht darum hier allein darin, dieses Gebot als bindendes Gebot zu vernehmen und nicht als offene Frage zu diskutieren. „Friede auf Erden“, das ist kein Problem, sondern ein mit der Erscheinung Christi selbst gegebenes Gebot. Zum Gebot gibt es ein doppeltes Verhalten: den unbedingten, blinden Gehorsam der Tat oder die scheinheilige Frage der Schlange: sollte Gott gesagt haben? Diese Frage ist der Todfeind des Gehorsams, ist darum der Todfeind jeden echten Friedens. Sollte Gott nicht die menschliche Natur besser gekannt haben und wissen, daß Kriege in dieser Welt kommen müssen wie Naturgesetze? Sollte Gott nicht gemeint haben, wir sollten wohl von Frieden reden, aber so wörtlich sei das nicht in die Tat umzusetzen? Sollte Gott nicht doch gesagt haben, wir sollten wohl für den Frieden arbeiten, aber zur Sicherung sollten wir doch Tanks und Giftgase bereitstellen? Und dann das scheinbar Ernsteste: Sollte Gott gesagt haben, Du sollst dein Volk nicht schützen? Sollte Gott gesagt haben, Du sollst Deinen Nächsten dem Feind preisgeben? Nein, das alles hat Gott nicht gesagt, sondern gesagt hat er, daß Friede sein soll unter den Menschen, daß wir ihm vor allen weiteren Fragen gehorchen sollen, das hat er gemeint. Wer Gottes Gebot in Frage zieht, bevor er gehorcht, der hat ihn schon verleugnet. Friede soll sein, weil Christus in der Welt ist, d. h. Friede soll sein, weil es eine Kirche Christi gibt, um derentwillen allein die ganze Welt noch lebt. Und diese Kirche Christi lebt zugleich in allen Völkern und doch jenseits aller Grenzen völkischer, politischer, sozialer, rassischer Art, und die Brüder dieser Kirche sind durch das Gebot des einen Herrn Christus, auf das sie hören, unzertrennlicher verbunden als alle Bande der Geschichte, des Blutes, der Klassen und der Sprachen Menschen binden können. Alle diese Bindungen innerweltlicher Art sind wohl gültige, nicht gleichgültige, aber vor Christus auch nicht endgültige Bindungen. Darum ist den Gliedern der Ökumene, sofern sie an Christus bleiben, sein Wort und Gebot des Friedens heiliger, unverbrüchlicher als die heiligsten Worte und Werke der natürlichen Welt es zu sein vermögen; denn sie wissen: Wer nicht Vater und Mutter hassen kann um seinetwillen, der ist sein nicht wert, der lügt, wenn er sich Christ nennt. Diese Brüder durch Christus gehorchen seinem Wort und zweifeln und fragen nicht, sondern halten sein Gebot des Friedens und schämen sich nicht, der Welt zum Trotz sogar vom ewigen Frieden zu reden. Sie können nicht die Waffen gegeneinander richten, weil sie wissen, daß sie damit die Waffen auf Christus selbst richteten. Es gibt für sie in aller Angst und Bedrängnis des Gewissens keine Ausflucht vor dem Gebot Christi, daß Friede sein soll. Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? d. h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier über Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muß gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und läßt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Mißtrauen haben, und dieses Mißtrauen gebiert wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt sich selber schützen wollen. Friede heißt sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt.

Wer von uns darf denn sagen, daß er wüßte, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfinge? (Gideon: ...des Volkes ist zuviel, das mit dir ist ... Gott vollzieht hier selbst die Abrüstung!) Noch einmal darum: Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, daß die Welt es hört, zu hören gezwungen ist?, daß alle Völker darüber froh werden müssen? Der einzelne Christ kann das nicht – er kann wohl, wo alle schweigen, die Stimme erheben und Zeugnis ablegen, aber die Mächte der Welt können wortlos über ihn hinwegschreiten. Die einzelne Kirche kann auch wohl zeugen und leiden – ach, wenn sie es nur täte - aber auch sie wird erdrückt von der Gewalt des Hasses. Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, daß die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muß und daß die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt. Warum fürchten wir das Wutgeheul der Weltmächte? Warum rauben wir ihnen nicht die Macht und geben sie Christus zurück? Wir können es heute noch tun. Das ökumenische Konzil ist versammelt, es kann diesen radikalen Ruf zum Frieden an die Christusgläubigen ausgehen lassen. Die Völker warten darauf im Osten und Westen. Müssen wir uns von den Heiden im Osten beschämen lassen? Sollten wir die einzelnen, die ihr Leben an diese Botschaft wagen, allein lassen? Die Stunde eilt – die Welt starrt in Waffen und furchtbar schaut das Mißtrauen aus allen Augen, die Kriegsfanfare kann morgen geblasen werden – worauf warten wir noch? Wollen wir selbst mitschuldig werden, wie nie zuvor? M. Claudius: „Was nützt mir Kron und Land und Volk und Ehr, die können mich nicht freun - ’s ist leider Krieg im Land und ich begehr, nicht schuld daran zu sein.“ Wir wollen reden zu dieser Welt, kein halbes, sondern ein ganzes Wort, ein mutiges Wort, ein christliches Wort. Wir wollen beten, daß uns dieses Wort gegeben werde, – heute noch – wer weiß, ob wir uns im nächsten Jahr noch wiederfinden?“

Beide Friedensreden werden in dem interessanten Artikel „Böll und Bonhoeffer“ erwähnt.

Heinrich Böll und Dietrich Bonhoeffer – was beide verbindet, verfasst von Dr. Heinrich Jürgenbehring, ev. Pfarrer, Autor und Schauspieler, abgedruckt in Verantwortung 60/2017 (Zeitschrift des Deutschen Bonhoeffer-Vereins).

„Heinrich Böll lesen. Ihn wieder lesen. Nach Jahren sich erinnern: an den Schriftsteller von Rang, den kritischen Zeitgenossen, den engagierten katholischen Christen. Heinrich Böll wurde am 21. Dezember 1917 geboren. Hundert Jahre also wäre er geworden in diesem Jahr. Grund genug, sich von neuem einzufinden in sein Werk. In die Welt seiner Romane, Kurzgeschichten, Essays und Interviews. Lebendig werden lassen die Figuren, verortet in geschichtlicher Chronologie: Kriegszeit und Nachkriegszeit. Aufzufinden in Politik und Gesellschaft. Nicht wenig hat er auf dem Herzen, der Autor Heinrich Böll. Viel Kritisches anzumerken. Er tut es deutlich, überdeutlich bisweilen. Das einzige, was ihn interessiere, so ließ Böll verlauten, sei die „Liebe und die Religion“ und dann – die Zuspitzung –, für beides sei „im innerdeutschen Katholizismus kein Platz“. Er suchte, wie er in seiner „Ästhetik des Humanen“ verlauten ließ, eine „bewohnbare Sprache in einem bewohnbaren Land“. Doch war das Gelände vergiftet, das Land nicht bewohnbar. Die Liebe hatte es schwer, im Krieg allemal. Auch im Nachkrieg. Religion war zu Dogmen, starren amtskirchlichen Regeln verkommen. Die offizielle Sprache bedrückte eher als dass sie befreite, legte Lasten auf, hinderte den aufrechten Gang. Gegenüber der Sprache der Liebe ist diese Kirchen-Welt immun. Die Gesellschaft des Nachkriegs ist es auch. War der Krieg eine Institution der Unmenschlichkeit, so fanden sich im Nachkrieg allenthalben unmenschliche Institutionen. Liebe, die der Autor Böll zum Thema macht, hat unterschiedlichste Fassetten. Sie faltet sich aus als Liebe zwischen Mann und Frau, Elternliebe, Freundesliebe, als Mitmenschlickeit. Bisweilen scheint sie nur für Augenblicke auf, weil sie durch das „Außen“, das „Verordnete“, die „Ordnungsprinzipien“ verhindert wird, „weil es sie länger nicht gibt.“ Was Bölls Werk auszeichnet, ist eine tiefe Humanität, die nicht zuletzt ihre Quelle in einem an Jesus von Nazareth orientierten Glauben hat. Der Nazarener, dieser Störenfried und Querdenker, dieser Tröster der Betrübten, Helfer der Kranken und Ausgesetzten, ein Heiland der Sünder, ein Freund der Frauen und Kinder, der zärtliche, auch ohnmächtige und leidende Jesus – er hatte es Heinrich Böll angetan. Dabei vertrat dieser keine Jesulogie, würde doch Jesus von Nazareth so auswechselbar. Böll hielt es – wie er des Öfteren betonte – mit dem „Menschgewordenen“, womit ein Überschuss über das reine Menschsein artikuliert, Jesu göttliche Herkunft angezeigt wird. Böll sucht nach einer Sprache, die dem Jesuanisch-Christusmäßigen entspricht, und so eben eine Sprache der Liebe. Er intendiert eine Sprache, die nahe beim Menschen ist, seine Lebenswelt thematisiert. Der Alltag: Freude und Glück, Liebe und Leid, dies soll schriftstellerisch zum Ausdruck kommen. Die verkirchlichte Sprache verfehlt die Situation der Menschen. Sie ist abstrakt, angefüllt mit Regeln, Katechismussätzen, die es zu befolgen gilt. Böll will auf seine Weise als Schriftsteller das „Hochheilige“ „materialisieren“. Das Jenseitige soll erscheinen im Diesseits, Transzendentes sich mitteilen in der Immanenz. Dem armen Mann aus Nazareth entspricht die Gemeinde der Armen. Ein „Ensemble der Opfer“ (Ernst Lange), großartig in ihrer Ohnmacht. Böll arbeitet an der Weltlichkeit der christlichen Botschaft. An der Diesseitigkeit des Glaubens liegt ihm. In widerständiger Welt begegnen Figuren, die Züge des Nazareners tragen, „christophor“ aufscheinende Gestalten. Und Dietrich Bonhoeffer? Das Problem der Sprache beschäftigt auch ihn, den Theologen der Bekennenden Kirche und Mann des Widerstandes gegen Hitler. In der Tegeler Haft schreibt er Gedanken nieder, die seine Leser gleichermaßen beunruhigt und angeregt haben. Diese Gedanken – Briefe zumal – sind von Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge in dem Band „Widerstand und Ergebung“ (1958) gesammelt worden. Bonhoeffer erkennt, dass die Zeit vorbei ist, da man dem Menschen der Gegenwart, dem „mündigen Menschen“, alles mit Worten, gar mit frommen Worten, sagen könnte. Abgehobene, abstrakte Sätze, Sätze aus dem dogmatischen Lehrbuch verfangen nicht. Biblische Vokabeln sind allemal zu übersetzen. Wie Böll sucht auch Bonhoeffer eine Sprache, die geerdet ist, eine weltliche Sprache. Er intendiert eine „weltliche Interpretation“, eine „nichtreligiöse Interpretation biblischer Begriffe“. Eine neue Sprache möchte er finden, „wie die Sprache Jesu.“ So steht es in einem Brief an sein Patenkind im Jahre 1944. Eine kirchenkritische Bemerkung bleibt nicht aus. Die Bekennende Kirche habe nur „um ihre Selbsterhaltung gekämpft“. Sie sei deshalb nicht fähig, „Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und die Welt zu sein.“ Parallele zwischen Böll und Bonhoeffer, sie ist erkennbar schon hier! Freilich – um genau zu sein – eine direkte Abhängigkeit Bölls von Bonhoeffer gibt es eher nicht. Doch findet sich gleichsam ein Dritter im Bunde: der Franzose Leon Bloy (französischer Schriftsteller und katholischer Sprachphilosoph, 1846 – 1917). Böll hat ihn ausdrücklich als seinen Anreger genannt. Die Blickrichtung bei allen dreien ist gleich. Die Menschlichkeit des armen Nazareners, dem eine dienende Kirche und eine solidarische Gesellschaft zu entsprechen hat. Ich versuche an zentralen Topoi des christlichen Glaubens nachzuzeichnen, wie eine „entmystifizierte“ Sprache bei Böll, eine „weltliche Interpretation“ bei Bonhoeffer sich darstellt. Ich beginne mit der Gottesfrage. „Gott“ als Wort menschlicher Sprache ist im Laufe der Zeit immer weniger ein Wort der Sprache Bölls. In frühen Arbeiten findet man es häufiger, später – etwa ab den „Ansichten eines Clowns“ (1963) immer weniger. Warum dies so ist, darüber gibt der Autor Auskunft. Er finde, so sagt er, „den Begriff, das Wort Gott schrecklich…, nicht das, was damit gemeint ist. Was hat man nur aus Gott gemacht? Man hat ihn eigentlich zum Abladeplatz der menschlichen Schmerzen und Schwierigkeiten gemacht.“ Gott sei ein „Füllwort“ geworden. Man solle dies Wort nicht mehr gebrauchen. Gott wird gedacht in der „Kategorie des Habens“. Sie treiben „mit dem Kostbarsten“ Handel: „mit Gott“. Missbrauch des Gottesnamens, wie er in „Und sagte kein einziges Wort“ (1953) sich findet.

In der Erzählung „Der Zwerg und die Puppe“ (1951) heißt es: „Es hat ihn [Gott] gegeben, aber wir haben ihn getötet, und er ist nicht auferstanden.“ Oder: „Gott ist traurig …, wir müssen ihn trösten“. Zudem: „Gott … es gibt zwei Götter, einen Gott der Reichen und einen Gott der Armen … der eine ist hart und machtlos, und der andere ist sanft, aber gewaltig-gewaltig.“ Die frühen Erzählungen: die Vokabel „Gott“ begegnet noch. Aber dieser Gott ist anders. Nicht allmächtig, sondern ohnmächtig, nicht hart, sondern zärtlich. Ein christlich („christologisch“) geprägtes Gottesbild. Böll hat sich ausdrücklich zu ihm bekannt. Und Bonhoeffer? Gott habe für den modernen Menschen die Funktion eines „Lückenbüßers“. Ein „Nothelfer“ sei er, den man braucht an den Grenzen des Lebens. Bonhoeffer will aber von Gott reden in der Mitte, nicht an den Grenzen, nicht bei den Schwächen, sondern den Stärken des Menschen. Weithin sei Gott zur „Arbeitshypothese“ degradiert. Stößt der Mensch mit seinem Wissen und Können an Grenzen, dann „Gott“. Doch wie, wenn der homo sapiens die Grenzen verschiebt, immer mehr Dunkel wegarbeitet? Die Arbeits- und Wohnungslosigkeit Gottes wäre vorprogrammiert. Bonhoeffer widerspricht wie Böll der Vorstellung vom Gott „im Oben“, dem Allmächtigen und Allwissenden. Gott ist „in seiner Ohnmacht mächtig“ und „nur der leidende Gott kann helfen.“ So Bonhoeffer. Der transzendente, der metaphysische Gott ist der Gott der „Religiösen“. Der wahrhaft christliche Gott ist der „Gott im Unten“, der mitleidende Gott. Dieser Gott ist die Liebe. Bei Böll wie bei Bonhoeffer. Und Jesus Christus? Für den Bonhoeffer der Tegeler Briefe geht es um den mit-leidenden Christus, den Christus patiens, Bruder allem Erdenleid. Bei Böll verhält es sich nicht anders. In Interviews und Aufsätzen spricht er von dem „Menschgewordenen“. Keineswegs redet er einer Jesulogie das Wort. Bisweilen sprechen Bölls Figuren direkt über Jesus Christus: Fendrichs Vater („Das Brot der frühen Jahre“) schrieb auf einen Zettel: „Ich sah in der Straßenbahn ein Gesicht, wie es Jesus Christus in der Agonie gehabt haben muss.“ Der Buchtitel „Und sagte kein einziges Wort“ verweist auf das Leiden Christi. Das Schweigen Jesu vor der „Kirchenbehörde“ wird thematisiert: „ … sie schlugen ihn ans Kreuz … und [er] sagte kein einziges Wort“. Das Verhalten der Amtskirche wirkt als Kontrast. Der Bischof hat einen „fürstlichen Schritt“. Sein Gang sah „wie eine sanfte Veränderung des Stechschritts aus.“ Und dann lapidar: „Der Bischof war dumm.“ Sodann: „Christophore Figuren“, bei Böll sind sie zu finden. Man entdeckt sie oft nicht auf den ersten Blick. Die Figur ist verfremdet, ungewöhnlich nach gängig kirchlichem Maßstab. So zum Beispiel Hans Schnier, der Clown („Ansichten eines Clowns“, 1963), Sohn der Braunkohlenschniers, „keiner Kirche steuerpflichtig“, ausgestattet mit äußerst sensiblen Sinnesorganen, Augenblicke sammelnd, bedrückende Augenblicke. Seine Freundin Marie verlässt ihn, heiratet den Katholiken Züpfner. Der Clown findet, die wahre Ehe sei seine Liebesverbindung zu Marie gewesen, die auf Liebe gegründete „Ehe“, eine nicht zu lösende sakramentale Verbindung. Das Eheverständns der Amtskirche verträgt sich mit dieser Auffassung nicht. Schnier ist ein Clown. Er spielt ihn nicht nur. Er ist ein Narr, der Wahrheit kündet. Der Roman schildert sein Scheitern. Er wird zum „Ausgesetzten“, zum „Abfälligen“. Ebenso Lev im „Gruppenbild mit Dame“ (1971), der durch „Leistungsverweigerung“ in einer unbarmherzigen kapitalistischen Gesellschaft, mit seinem „Solidaritätskomplex“, seiner Freundschaft mit ausländischen Müllfahrern eben aus dem Blickwinkel der Reichen und Moralisten zum „Abfall“, zum „Müll“ wird. Die Züge des solidarischen Nazareners – unschwer sind sie zu erkennen. Böll und Bonhoeffer – im „Jesusbild“ finden sie zusammen. Zwei Schnittpunkte seien noch erwähnt. Bölls Einsatz für den Frieden ist bekannt. Reden und kämpfen für den Frieden – gegen die Nachrüstung, den sog. Nato-Doppelbeschluss. Böll im Bonner Hofgarten. Seine berühmte Friedensrede. Böll in Mutlangen. Böll als Mann der Friedensbewegung. Das war in den achtziger Jahren. Bonhoeffer hat in seiner Fanöer Rede 1934 eindeutig für die Ächtung des Krieges plädiert. Er betont die Unvereinbarkeit von Frieden und Sicherheit, wünscht ein großes ökumenisches Konzil, das den Christen ins Gewissen redet. Dieses Konzil könne so sprechen, „daß die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi im Namen Christi ihren Söhnen die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über eine rasende Welt.“ Einsatz für den Frieden in unserer Zeit: Böll und Bonhoeffer – sie hätten wohl Bundesgenossen sein können. Geistesverwandt waren sie gewiss auch in der Kirchenkritik. Dies freilich auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlicher Intensität. Böll reibt sich an der Amtskirche. Sie verrät die Botschaft des Nazareners. Böll ist immer mehr enttäuscht. Im Jahre 1976 tritt er aus der „Körperschaft“, nicht aus dem „Körper“ Katholische Kirche aus, wie er betont. Bonhoeffer hat die evangelische Kirche nach dem Kriege nicht mehr erlebt. Sein Leben endete 1945 im Martyrium. Aber er wünschte sich eine strikte kirchliche Neuorientierung nach dem Kriege. In einem Brief Bonhoeffers lesen wir: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, eventuell einen weltlichen Beruf ausüben. Sie muß an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend.“ Dem „Menschen für andere“, als den Bonhoeffer Jesus bezeichnet, entspricht eine „Kirche für andere“ – und mit anderen. Heinrich Böll hätte sich in Bonhoeffers Sätzen wohl wiederfinden können. Und Bonhoeffer – hätte er es erlebt – wäre wohl auch von seiner Kirche nicht wenig enttäuscht gewesen. Eine grundlegende Neuorientierung gab es nach Kriegsende nicht. Man machte weiter, wo man 1933 aufgehört hatte. Die Chance des „Nullpunktes“ wurde vertan, Buße wurde weder zu einer kirchlichen noch gesellschaftlichen Kategorie. Bonhoeffer und Böll heute zu lesen, bedeutet, sich mit dem, was ist, nicht abzufinden.“

Lesen wir bis zum Rundbrief Feber 2018:

Psalmen 86 – 88; Matthäus-Evangelium Kapitel 12, die Verse 15 – 21.

 

Beste Grüße, Euer Obmann Uwe