Rundbrief 2026-11 Auch ich bin nur ein Mensch

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief November 2026!

„Auch ich bin nur ein Mensch … Da war ein Mensch, der fühlt, der verletzt werden kann, der Angst hat. Der geliebt werden möchte, der Trost braucht … Nun verstand ich den Menschen Reinhold Messner.“

Das sind Worte von Diane Messner, geboren 1980 und weitaus jüngere Ehefrau des berühmten Südtiroler Bergsteigers Reinhold Messner, der im September 2026 82 Jahre alt geworden ist. Er bestieg alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffgerät und durchquerte die Antarktis zu Fuß. Gemeinsam mit seiner Frau hat er das Reinhold-Messner-Haus als Ort der Begegnung in Sexten (Südtirol) im August 2025 eröffnet und das Buch „Lebenszeit. Vom Wert der Vergänglichkeit“ geschrieben, das im Oktober 2026 erschien. Dort reflektieren sie nicht nur ihre Liebe und ihr Leben, sondern auch ihre Vorstellungen von Sterben und Tod – Themen, die vor allem im November durch den katholischen Feiertag Allerheiligen und durch den evangelischen Toten- bzw. Ewigkeitssonntag angesprochen werden.

Reinhold Messner schreibt: „Noch vor zehn Jahren hatte ich kein Gefühl dafür. Ich wusste nicht, wie sich das anfühlt. Ich meinte, überhaupt nicht zu altern. Meine Fähigkeiten waren vielleicht etwas beeinträchtigt, motorisch wie geistig, aber ich konnte noch alles machen. Ich war noch da, ganz da. Inzwischen ist das anders … Ich falle meiner Frau Diane zur Last …, der Prozess ist unaufhaltsam. Und ist der schwierigste, den wir Menschen durchleben müssen … Vielleicht aber liegt genau hier der Wert der Vergänglichkeit. Nicht im Schönreden. Nicht im Trösten. Sondern im Hinschauen, Im Erkennen dessen, was verschwindet. Endlich nicht mehr so zu tun, als bliebe alles, wie es war. Endlich zu begreifen, dass auch das Verlieren von Lebenslust zum Leben gehört … Es geht mir heute nicht mehr um ein paar Jahre mehr oder weniger, es geht mir um Nähe, die Möglichkeit, mich ausdrücken. Wie vorher auch ums Tun … Immer wieder mit neuen Ideen … Wenn wir unser Leben in Einklang bringen, kann ich vielleicht noch ein Jahrzehnt in Zufriedenheit leben … - in einem glücklichen Zustand. Weil ich gestalten darf, weil ich gebraucht werde, weil ich umsorgt bin. Weil ich sie [Diane] liebe … Die Kunst besteht nicht darin, den Tod zu dulden. Der Tod ist – ohne Schmerzen, ohne Last – leicht zu ertragen, weil dann keinerlei Empfindungen mehr da sind. Das Altern, dieser unaufhaltsame Prozess, der des Zerfalls zuletzt, setzt uns zu, immer mehr zu … Also bin ich wie alle, ein Sterbender. Ohne Ausflucht … Was mir heute bleibt, ist Dankbarkeit … Dankbarkeit dafür, weiter gestalten zu dürfen. Dankbarkeit dafür, betreut zu sein – von Diane, von ihrer Fürsorge, die ich als Geschenk empfinde … Wie ich sterben möchte? Ganz einfach: einschlafen und nicht mehr aufwachen. Von wollen ist dabei nicht die Rede … Zuvor über den Tod nachgedacht zu haben ist schon viel wert … Ich sehe mit Skepsis auf alle Wiedergeburt-Theorien … Die Vorstellung, ins Nichts zu verschwinden, ist … schwer zu ertragen. Aber sie ist die einzige ehrliche Antwort auf die Frage, was danach kommt … wir haben auch das Bedürfnis, unsere Toten zu bestatten … Für meine Person könnte ich mir die Himmelsbestattung vorstellen: Der tote Körper wird von einem Mönch … präpariert und dann den Geiern zum Fraß vorgeworfen. Wie diese vielen Geier dann in großen Krisen zum Himmel aufsteigen und als schwarze Punkte verschwinden, erscheint wie ein Abschied von unserer Erde.“

Am Ende des Buches steht ein Brief von Diane an Reinhold – ein Versprechen aus Liebe: „Das Alter ist da. Unausweichlich. So wie das Sterben. Und du, Liebster, gehst nun auf Deine letzte Expedition … Aber was ich weiß: Ich bin da …, noch haben wir Zeit. Noch geht es uns gut. Dir gut … Ich verspreche dir etwas: Wenn der Weg steiler wird und Du müde wirst, dann trage ich Deinen Rucksack … Du brauchst nichts mehr zu tun. Du darfst sein … Mich wirst Du nicht verlieren. Ich werde bleiben. Bis zuletzt … Dieses Versprechen gebe ich Dir. Ich liebe Dich. Deine Waldfee.“

(Quelle: Diane & Reinhold Messner: „Lebenszeit. Vom Wert der Vergänglichkeit“, Frankfurt am Main 2026, Seiten 9 – 11, 56 – 57, 125, 127, 135 – 136, 174, 221, 309, 312, 333 – 335; Infos über das Leben und über die Aktivitäten Reinhold Messners unter www.reinholdmesser.com)

Am 17. Jänner 1943 verloben sich Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer. Dietrich ist im 37. Lebensjahr. Maria ist gerade 18 Jahre alt und hat ihr Abitur bestanden. Am 5. April 1943 wird Dietrich verhaftet und in das Militärgefängnis in Berlin-Tegel inhaftiert. Maria erhält die Nachricht von Dietrichs Verhaftung erst am 18. April 1943. Die beiden werden sich nicht mehr in Freiheit wiedersehen. Dietrich wurde 39-jährig am 9. April 1943 im Konzentrationslager Flossenbürg (Bayern) ermordet. Maria verstarb 53-jährig am 16. November 1977 in Boston (USA). Beide haben kein gemeinsames Buch geschrieben. Aber ein umfangreicher Briefwechsel zwischen Dietrich und Maria, in dem sie ihre Liebe, ihre Verbundenheit, ihr Denken und ihre Wünsche für ein gemeinsames Leben beschreiben, ist erhalten. Kurz vor ihrem Tod vertraute Maria ihrer Schwester Ruth-Alice von Bismarck (1920 – 2013) diesen Briefwechsel an. 1992 erschienen in München ihre Briefe in dem Buch „Brautbriefe Zelle 92. Dietrich Bonhoeffer. Maria von Wedemyer. 1943 – 1945“.

In zwei Briefen von Maria an Dietrich und an ihre Mutter und in einem Brief von Dietrich an Maria wird deutlich, dass nichts und niemand die beiden trennen konnte und dass Maria überzeugend zu Dietrich gehörte und Dietrich zu ihr.

Am 2. März 1944 schreibt Maria an Dietrich – ich erkenne Parallelen zu dem oben genannten Brief Dianes an Reinhold: „Du hast mich sehr glücklich gemacht, Dietrich. Ganz Bundorf [Maria lebte zeitweise in diesem bayrischen Ort] versinkt und ich bin nur noch bei Dir. Und dies bei Dir sein ist so schön, so klar und tief, daß ich ihm mit Worten keinen Ausdruck geben kann und auch nicht mag. Du bist da, bist bei mir und ich habe Dich lieb. Das ist wirklich alles. Ich muß Dir sagen, daß ich trotz allem sehr glücklich verlobt bin und daß mir das keiner nehmen kann. (Quelle: Brautbriefe Zelle 92, S. 144 - 145)

Am 19. Feber 1944 schreibt Maria aus Flossenbürg an ihre Mutter Ruth von Wedemeyer: „Leider ist meine ganze Reise nach Bundorf und Flossenbürg völlig zwecklos gewesen. Dietrich ist gar nicht da. Wer weiß, wo er steckt. In Berlin sagt man es mir nicht und in Flossenbürg wissen sie es nicht. Ein ziemlich hoffnungsloser Fall. Aber was soll ich jetzt machen … Ich glaube wirklich, es hat … wenig Sinn, jetzt nach Berlin zurückzugehen. Wenn ich sogar nicht mal mehr für Dietrich sorgen kann … Ich glaube ich bleibe erstmal da.“ (Quelle: Brautbriefe Zelle 92, Seite 214)

Maria erfährt von Dietrichs Tod erst im Juni 1945. Als ihre Schwester Ruth-Alice ein Jahr darauf Maria in Göttingen (Stadt in Niedersachsen, wo Maria studierte) besuchte, ist Dietrich das einzige Thema.

Es ist der 19. Dezember 1944. Dietrich Bonhoeffer ist im berüchtigten Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße inhaftiert und schreibt seinen letzten erhaltenen Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Am Ende steht sein Weihnachtsgruß an sie, Eltern und Geschwister. Es sind Verse, die zu den berühmtesten Worten Bonhoeffers werden sollten und sind das letzte theologische Dokument Bonhoeffers. Es ist sein Gedicht „Von guten Mächten“, das er also vor gut 82 Jahren (1944 ist auch das Geburtsjahr Reinhold Messners!) geschrieben hat.

„Meine liebste Maria! Ich bin froh, daß ich Dir zu Weihnachten schreiben kann … Es werden sehr stille Tage in unseren Häusern sein … je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt … Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie die mich decken, zweie, die mich wecken, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsene heute nicht weniger brauchen als die Kinder … Es ist nun fast 2 Jahre, daß wir aufeinander warten, liebste Maria. Werde nicht mutlos! … Hier noch ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen. Sie sind der Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister … Sei mit Eltern und Geschwistern in großer Liebe und Dankbarkeit gegrüßt. Es umarmt Dich Dein Dietrich.“  (Quelle: Brautbriefe Zelle 92, S. 208 - 210)

In den Strophen 5 und 6 des Gedichtes heißt es (a. a. O. S. 209): „Laß warm und hell die Kerzen heute flammen, die Du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen! Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.“ „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so laß uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all Deiner Kinder hohen Lobgesang.“

Dietrich und Maria haben wahrscheinlich zum Weihnachtsfest 1944 gespürt, dass es ein glückliches Wiedersehen und eine gemeinsame Zukunft nicht geben wird. Aber sie sollen in der schmerzhaften Trennung die Zuversicht und das Vertrauen haben, dass sie von guten Mächten geborgen sind und dass ihre Zeit – auch über ihren Tod hinaus – in Gottes Händen ist. Die Kerzen sind Sinnbild für Gottes Licht in einer verfinsterten Welt mit Leiden, Sterben und Tod. Sie spiegeln eine große Sehnsucht wider, dass die beiden Liebenden auf Erden wieder zusammenkommen mögen. Durch die Stille wird hörbar und fühlbar, dass Gott die sichtbare und die unsichtbare Welt geschaffen hat. Zur unsichtbaren Welt gehört auch der Himmel, also der Ort Gottes und das Licht, in dem er wohnt. Die beiden Liebenden dürften wohl mit der Hoffnung und mit dem Vertrauen gestorben sein, im Himmel Gottes Nähe schauen zu dürfen, in Gott heimkehren zu können und dann zu seiner Ehre den hohen Lobgesang anzustimmen.  

Letztendlich waren Maria und Dietrich auch nur Menschen, die fühlten, die verletzt werden konnten, die Angst hatten, die geliebt werden wollten und Trost brauchten. Dadurch bleibt ihre fragmenthafte Liebesgeschichte lebendig und unvergessen.

Fragen zum Nachdenken:

  • Was weißt du über Diane und Reinhold Messner?
  • Wann und wie hast du das Älterwerden gespürt?
  • Wie möchtest Du bestattet werden?
  • Gibt es für Dich ein neues Leben nach dem Tod?

Hinweis: Mein Rundbrief Oktober 2024 beschreibt das Leben von Maria von Wedemeyer. Diesen findest Du auf unserer Homepage unter „Rundbriefe“! 

Lesen wir bis zum Rundbrief Dezember 2026:

Psalm 91; Matthäus-Evangelium, Kapitel 12, die Verse 22 - 30

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe