Rundbrief 2026-07 Ich bin ein Jude

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Juli 2026!

Am 6. Juni 2026 hörte ich im Radiosender Ö1 das Hörspiel „Die Juden. Ein Lustspiel in einem Aufzuge“ von Gotthold Ephraim Lessing. Er war einer der bedeutendsten Vertreter der Aufklärung, für die Emanzipation, Bildung, Menschenrechte, religiöse Toleranz und Humanität wichtige Kennzeichen waren.

Lessing wurde am 22. Jänner 1729 in Kamenz (Sachsen) als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Er studierte Theologie, Philologie und Philosophie. 1749 wurde sein Werk „Die Juden. Ein Lustspiel in einem Aufzuge“ in Leipzig uraufgeführt. 1755 erschien das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel „Miß Sara Sampson“. 1767 wurde sein Lustspiel „Minna von Barnhelm“ und 1772 sein Trauerspiel „Emilia Galotti“ uraufgeführt. 1779 erschien sein dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“, das mit seinem Appell an Toleranz und Humanität zu einem Hauptwerk der Aufklärung wurde. Am 15. Februar 1781 starb Lessing in Braunschweig (Niedersachsen).

Lessings Werk „Die Juden“ handelt von einem judenfeindlichen Baron, der von Räubern überfallen wird, die sich zur Tarnung als Juden verkleidet hatten. Er wird von einem Reisenden gerettet. Aus Dankbarkeit verspricht er dem Reisenden die Hand seiner Tochter. Als dieser bekennt, Jude zu sein, werden die allseits geäußerten antisemitischen Vorurteile des Barons ad absurdum geführt. Lessing, der sich mit der Unterdrückung des jüdischen Volkes und der jüdischen Minderheit seiner Zeit auseinandersetzte, brachte mit der Figur des Reisenden den ersten positiv dargestellten Juden auf eine deutsche Bühne. Bis dahin waren Juden nur als Schurken oder als Geld schachernde Geschäftsleute auf den Theaterbühnen zu sehen.

Gegen Ende seines Werkes heißt es (Auszüge):

Der Baron: „Was kann ihm meine Dankbarkeit Kostbares schenken, als dich [seine Tochter Lisette], die ich eben so sehr liebe, als ihn?“

Der Reisende: „Ihr Großmut setzt mich in Erstaunen … Mein Herr, Ihre Edelmütigkeit durchdringt meine ganze Seele. Allein schreiben Sie es dem Schicksale, nicht mir zu, daß Ihr Anerbieten vergebens ist. Ich bin.“

Der Baron: „Nun? was?“

Der Reisende: „Ich bin ein Jude.“

Der Baron: „Ein Jude? Grausamer Zufall!“

Lisette: „Ein Jude?“

Der Baron: „So will ich wenigstens so viel tun, als mir das Schicksal zu tun erlaubt. Nehmen sie mein ganzes Vermögen. Ich will lieber arm und dankbar, als reich und undankbar sein.“

Der Reisende: „Zu aller Vergeltung bitte ich nichts, als daß Sie künftig von meinem Volke etwas gelinder und weniger allgemein urteilen. Ich habe mich nicht vor Ihnen verborgen, weil ich mich meiner Religion schäme. Nein! Ich sahe aber, daß Sie Neigung zu mir, und Abneigung gegen meine Nation hatten. Und die Freundschaft eines Menschen, er sei wer er wolle, ist mir allezeit unschätzbar gewesen.“

Der Baron: „Ich schäme mich meines Verfahrens … Alles, was ich von Ihnen sehe, entzückt mich. Kommen Sie, wir wollen Anstalt machen, daß die Schuldigen [Täter des Überfalls] in sichere Verwahrung gebracht werden. O wie achtungswürdig wären die Juden, wenn sie alle Ihnen glichen.“

Der Reisende: Und wie liebenswürdig die Christen, wenn sie alle Ihre Eigenschaften besäßen.“ (Quelle: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. Ein Lustspiel in einem Aufzuge, Berlin 2020, S. 43 – 45)

Trotz der vielen Gedenkveranstaltungen an den Holocaust, die jedes Jahr in Deutschland und Österreich in Konzentrationslagern und an anderen öffentlichen Orten stattfinden, ist der politische und religiöse Antisemitismus in Europa wieder gegenwärtiger als sonst. Daher ist es sehr wichtig, besonders einen Satz Bonhoeffers immer wieder zu erwähnen und zu zitieren, der nicht in seinen Schriften steht, den er aber wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Reichskristallnacht am 9. November 1938 gesagt haben dürfte und der von seinen Schülern mündlich weitergegeben worden ist: „Es mag in dieser Zeit gewesen sein, daß er jenen Ausspruch tat, der sich in seinen Schülern eingeprägt hat: ‚Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen‘. (Quelle: Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse, München 1967, S. 685)       

Dieses Schreien für die Juden schließt konsequent ein Abwarten und ein Zuschauen aus und ruft vor allem Christen - aber auch Nichtchristen - eindringlich zur Tat und zum Mitleiden: „Wir sind nicht Christus, aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, daß wir an der Weite des Herzens Christi teilbekommen sollen in verantwortlicher Tat, die in Freiheit die Stunde ergreift und sich der Gefahr stellt, und in echtem Mitleiden, das nicht aus Angst, sondern aus der befreienden und erlösenden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt. Tatenloses Abwarten und stumpfes Zusehen sind keine christlichen Haltungen. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Brüder, um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden.“ (Quelle: Dietrich Bonhoeffer: Nach zehn Jahren, in Widerstand und Ergebung. Dietrich Bonhoeffer Werke Band 8, München 1998, S. 34.)     

Dietrich Bonhoeffer zeigte sich stets mit seinen Worten und Taten solidarisch mit den Juden, die er als Brüder Jesu Christi bezeichnete. Außerdem stellte er auch die kirchliche Schuld an den Opfern des Holocaustes heraus: „Eine Verstoßung d. Juden aus dem Abendland muß die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude … Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Haß, Mord, gesehen zu haben ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen. Sie ist schuldig geworden am Leben der Schwächsten und Wehrlosesten Brüder Jesu Christi.“ (Quelle: Dietrich Bonhoeffer: Ethik. Dietrich Bonhoeffer Werke Band 6, München 1992, S. 95 und S. 130)

Fragen zum Nachdenken:

  • Was weißt Du über Gotthold Ephraim Lessing?
  • Kanntest Du seine Schrift „Die Juden“?
  • Hattest bzw. hast Du Kontakt zu Juden?
  • Warum gibt es immer wieder den politischen und religiösen Antisemitismus?
  • Wann und wo hast Du abgewartet und hingeschaut, obwohl Tat und echtes Mitleiden nötig gewesen wären?    

Lesen wir bis zum Rundbrief August 2026: Psalm 87; Matthäus-Evangelium, Kapitel 11, die Verse 25 - 28

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe