Rundbrief 2026-06 Ich bring alles wieder
HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Juni 2026!
Am 5. April 1943 wurde Dietrich Bonhoeffer in Berlin von der Gestapo verhaftet und in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Berlin Tegel inhaftiert. In seinem ersten Brief an seine Eltern Paula und Karl Bonhoeffer vom 14. April 1943 schreibt er: „Verzeiht, daß ich Euch Sorgen mache, aber ich glaube, daran bin diesmal weniger ich, als ein widriges Schicksal schuld. Dagegen ist es gut, Paul Gerhardts Lieder zu lesen und auswendig zu lernen, wie ich es jetzt tue.“ (Quelle: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Dietrich Bonhoeffer Werke Band 8, S. 44)
2026 ist der 350. Todestag des evangelischen Pfarrers und Liederdichters Paul Gerhardt, dessen Lieder Dietrich Bonhoeffer Kraft, Trost und Hoffnung für seine Zeit in der Haft bis zu seiner Ermordung am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg gegeben haben. Paul Gerhardts Lieder strahlen eine tiefe Hoffnung und Zuversicht und einen unerschütterlichen Glauben aus, die nicht nur Bonhoeffer ermutigt und inspiriert haben, sondern auch Menschen unserer Zeit. Obwohl der dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) tiefgreifende Spuren in Paul Gerhardts Leben hinterlassen hat, spürt man beim Singen und Lesen seiner Lieder ein tragendes Gottvertrauen.
Paul Gerhardt wurde am 12. März 1607 in Gräfenhainichen (Sachsen) geboren. Mit 14 war er Vollwaise. Er studierte evangelische Theologie, war danach zunächst Hauslehrer und wirkte ab 1651 als evangelischer Pfarrer in Mittenwald im Spreewald. 1655 heiratete er Anna Maria Berthold, die 1668 verstarb. Vier von fünf ihrer Kinder starben nach wenigen Monaten. Von 1657 bis 1667 war er Pfarrer der Berliner Kirche St. Nikolai. Ab 1669 war er Pfarrer in Lübben im Spreewald, wo er am 27. Mai 1676 im 70. Lebensjahr verstarb.
Im evangelischen Gesangbuch (Ausgabe der Evangelischen Kirche in Österreich) sind 26 seiner Lieder überliefert. „Ich steh an deiner Krippen hier (EG 37), „Nun lasst uns gehen und treten“ (EG 58), „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85), „Du meine Seele, singe“ (EG 302), „Befiehl du deine Wege“ (EG 361), „Gib dich zufrieden und sei stille“ (EG 371), „Die güldne Sonne“ (EG 449) und „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (EG 503) dürften wohl zu den bekanntesten Liedern gehören.
In seinem Aufsatz über Kirchengemeinschaft schreibt Bonhoeffer über das Liedgut Paul Gerhardts: „Auch sein persönliches Leben war von großem Leid gezeichnet. Aber so wurde er der große Prediger des Trostes und der Freude seiner Zeit. Seine Lieder zeugen nicht mehr von großen Glaubenskämpfen der ersten Christenheit … Bei Paul Gerhardt liegt der Akzent darauf, daß ich Christum habe. Auf ihn kann ich mein Vertrauen setzen … Es ist nicht so sehr die strahlende Freude des Evangeliums, sondern jedes Trostwort Paul Gerhadts ist noch gezeichnet von dem Leid und den Tränen, die seinen Liedern vorangingen.“ (Quelle: Dietrich Bonhoeffer: Illegale Theologenausbildung Finkenwalde 1935 – 1937, Dietrich Bonhoeffer Werke Band 14, S. 716 f.)
Vor allem in der Haft wurde Paul Gerhadt für Bonhoeffer der große Prediger des Trostes und der Freude. In einigen Briefen aus der Haft wird dies sehr deutlich:
Am 14. Juni 1943 (Pfingsten) schreibt Bonhoeffer an seine Eltern Paula und Karl Bonhoeffer: „Als die Glocken heute früh läuteten, hatte ich große Sehnsucht nach einem Gottesdienst … und [habe] dann für mich allein einen so schönen Gottesdienst gehalten, daß die Einsamkeit gar nicht zu spüren war … Das P. Gerhadt’sche Pfingstlied mit den schönen Versen: ‚Du bist ein Geist der Freuden …‘ und ‚Gib Freudigkeit und Stärke …‘ sage ich mir seit gestern Abend alle paar Stunden auf und freue mich daran …“ (Quelle: Widerstand und Ergebung, a. a. O., S. 99)
Am 18.11.1943 schreibt er an seinen Freund Eberhard Bethge: „In den ersten 12 Tagen, in denen ich hier als Schwerverbrecher abgesondert und behandelt wurde - … hat sich Paul Gerhadt in ungeahnter Weise bewährt …“ (Quelle: Widerstand und Ergebung, a. a. O., S. 187)
Im November 1943 schreibt Bonhoeffer Gebete für Mitgefangene. Am Ende seines Gebetes „In besonderer Not“ heißt es: „… Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei dir und du bist bei mir, mein Gott. Herr ich warte auf dein Heil und auf dein Reich. Amen … ‚Unverzagt …‘“ (Quelle: Widerstand und Ergebung, a. a. O., S. 208)
Das Wort „unverzagt“ steht in der Strophe 7 des Paul Gerhardt‘schen Liedes „Warum soll ich mich denn grämen?“ (EG 370): „Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ, wo er ist, stets sich lassen schauen. Wollt ihn auch der Tod aufreiben, soll der Mut dennoch gut und fein stille bleiben.“
Am 19. Dezember 1943 (4. Advent) schreibt Bonhoeffer an seinen Freund Eberhard Bethge: „Mir geht in den letzten Wochen immer wieder der Vers durch den Kopf [Strophe 5 des Paul Gerhardt’schen Liedes „Fröhlich soll mein Herze springen“ (EG 36)]: ‚Lasset fahr‘n, o liebe Brüder, was euch quält, was euch fehlt, ich bring alles wieder.‘ Was heißt dies: ‚ich bring alles wieder?‘ Es geht nichts verloren, in Christus ist alles aufgehoben, aufbewahrt, allerdings in verwandelter Gestalt, durchsichtig, klar, befreit von der Qual des selbstsüchtigen Begehrens. Christus bringt dies alles wieder, und zwar so, wie es von Gott ursprünglich gemeint war, ohne die Entstellung durch unsere Sünde … Das ‚Gott sucht wieder auf, was vergangen ist‘ … Und niemand hat das so einfach und kindlich auszudrücken vermocht wie P. Gerhardt in dem Wort, das er dem Christuskind in dem Mund legt: ‚ich bring alles wieder‘.“ (Quelle: Widerstand und Ergebung, a. a. O., S. 246)
Am 25. Dezember 1943 (Weihnachten) schreibt er an seine Eltern Paula und Karl Bonhoeffer: „Auch das neue Jahr wird noch manche Sorge und Unruhe bringen; aber ich glaube, wir dürfen in dieser Silvesternacht doch mit größerer Zuversicht denn je den Vers aus dem alten Neujahrslied singen und beten [Strophe 10 des Paul Gerhardt’schen Liedes „Nun lasst und gehn und treten“ (EG 58)]: ‚Schleuß zu die Jammerpforten und laß an allen Orten nach so viel Blutvergießen die Freudenströme fließen.‘“ (Quelle: Widerstand und Ergebung, a. a. O., S. 265)
Am 24. Mai 1944 schreibt er an Renate und Eberhard Bethge anlässlich der Taufe ihres Sohnes Dietrich, dem Patenkind Bonhoeffers (Dietrich Bethge war im Oktober 2023 gast unseres vereins): „… was für ein Gemisch von Staunen, Vertrauen und kindlicher Furcht liegt auf einem solchen Gesicht eines Neugeborenen. Hat er nicht für sein Alter eigentlich schon erstaunlich viel ‚Gesicht‘ und Ausdruck? … Man kann nicht genug an die letzten Verse denken, die Ihr bei der Taufe gesungen habt!“ (Quelle: Widerstand und Ergebung, a. a. O, S. 449)
Gemeint sind die Strophen 15, 17, 18 des Paul Gerhardt‘schen Liedes „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324): „Was kränkst du dich in deinem Sinn und grämst dich Tag und Nacht? Nimm deine Sorg und wirf sie hin auf den, der dich gemacht. Er hat noch niemals was versehn in seinem Regiment, nein, was er tut und lässt geschehn, das nimmt ein gutes End. Ei nun, laß ihn ferner tun und red ihm nicht darein, so wirst du hier im Frieden ruhn und ewig fröhlich sein.“
Am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, schreibt er an seinen Freund Eberhard Bethge – anscheinend mit der Vermutung, dass auch er zum Tode verurteilt werden könnte: „Zwar beschäftigen mich die theologischen Gedanken unablässig, aber es kommen dann doch auch Stunden, in denen man sich mit den unreflektierten Lebens- und Glaubensvorgängen genügen läßt. Dann freut man sich ganz einfach auf die Losungen des Tages … und man kehrt zu den schönen Paul Gerhardtliedern zurück und ist froh über diesen Besitz.“ (Quelle: Widerstand und Ergebung, a. a. O., S. 541)
Fragen zum Nachdenken:
- Was weißt Du über Paul Gerhardt?
- Welche Lieder von ihm kennst Du?
- Welche geistlichen und weltlichen Lieder geben Dir Kraft, Trost und Hoffnung?
- Was verstehst Du unter den Worten „Ich bring alles wieder“?
- Wer oder was soll für Dich wiedergebracht werden?
Lesen wir bis zum Rundbrief Juli 2026: Psalm 86; Matthäus-Evangelium, Kapitel 11, die Verse 20 - 24
Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe
