Rundbrief 2026-04 Merkt auf!

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief April 2026.

Leben von Menschen wurden millionenfach durch die Nazis systematisch und gnadenlos materiell, psychisch und physisch ausgelöscht. Sie haben auch das Leben von Isidor Geller durch systematische und gnadenlose Ausgrenzung und Beraubung ausgelöscht.

Auf der Grabplatte seines Grabes am Wiener Zentralfriedhof steht: „Unserem innigst geliebten Bruder. Kommerzialrat Dr. Isidor Geller. 11.9.1886 – 17.11.1938. Betrauert von seinen Geschwistern.“ (Quelle: Shelly Kupferberg: Isidor. Ein jüdisches Leben, Zürich 2022, S. 241)

Isidor Geller (eigentlich war sein Vorname Israel, der aber aufgrund seiner jüdischen Herkunft zu auffällig war) war Kommerzialrat und wirtschaftlicher Berater des damaligen österreichischen Staates. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen in Ostgalizien (heute Ukraine) und war ein hoch angesehener Bürger in der Wiener Gesellschaft und Millionär. 

Shelly Kupferberg, geboren 1974 in Tel Aviv (Israel), ist eine in Berlin lebende deutsche Journalistin. Isidor war ihr Urgroßonkel. Angestoßen durch Briefe ihres Großvaters Walter Grab (Isidors Sohn) recherchierte sie Isidors Lebensgeschichte und schildert diese in ihrem Buch „Isidor“ (siehe oben!) und gibt in diesem auch einen detaillierten Blick auf das Wien des frühen 20. Jahrhunderts und auf die Zerstörung der Demokratie durch die Nazis. Im Wiener Akademietheater wurde am 13. und 20. März 2026 und wird am 11. und 24. April 2026 das Stück „Isidor“ ausgeführt.   

Sie schreibt in ihrem Buch: „Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn nichts von ihm übrig bleibt? … Isidors in roten Samt gebettete Silbergarnitur [Besteck] ist das Einzige, was sich aus dem Besitz des reichen Mannes erhalten hat … Ich halte es in der Hand – es ist kleines Handbuch [dieses gehörte Isidor und wurde in Nürnberg entdeckt] der Kunst französischer Höflichkeit und Etikette …, vermutlich aus den 1850er Jahren. Es zeugt von Isidors Liebe für das Schöne, nicht nur im ästhetischen Sinn … Doch was sind schon Dinge im Vergleich zu Menschenleben.“ (a. a. O, S. 227 und 230 – 235)

Walter Grab, Shelly Kupferbergs Großvater, wurde am 17. Feber 1919 in Wien geboren und starb am 17. Dezember 2000 in Tel Aviv (Israel), emigrierte 1938 mit viel Glück (sein Bruder starb im KZ Auschwitz) nach Israel und war ein Historiker. Nach etwas mehr als drei Jahren nach der „Machtergreifung“ der Nazis dichtete er mit 17 Jahren am 21. April 1936 wohl in Wien einen Text gegen Krieg und für Frieden, der in dem Buch „Isidor“ abgedruckt ist und auch zum Osterfest, dem Fest des Lebens, gut passt (a. a. O, S. 242 f.):

„Merkt auf! Merket auf, ihr Völker alle!

Hört, was ich euch sage jetzt:

Durch der Reden Widerhalle,

Durch der leeren Worte Schwalle

Werdet ihr zum Krieg gehetzt.

Habt ihr alle schon vergessen,

Welcher Strom des Blutes floss,

Als, vom Völkerhass besessen,

Ihr euch habt im Mord gemessen,

mit des Lebens Weggenoss‘?

Kommt ihr euch denn nicht entsinnen

An den Hunger, an die Not,

Als, den Krieg nur zu gewinnen

Und der Schande zu entrinnen

Ihr auf euch nahmt bitteren Tod?

Nun, so wird es wieder werden,

Wenn ihr euch nicht Klarheit schafft.

Wenn ihr Ruhe wollt auf Erden,

müsst ihr anders euch gebären,

Als vergeuden so die Kraft.

Lasst Vergangenheit euch nützen,

Dass die Zukunft besser sei!

Ihr müsst friedlich euch beschützen!

Dann erst werdet ihr besitzen

Echte Freundschaft, wahre Treu.“

Zehn Jahre nach der Machtergreifung der Nazis verfasste der fast 37-jährige Bonhoeffer seine Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943 für seinen Freund Eberhard Bethge, für seinen Schwager Hans von Dohnanyi und für Generalmajor Hans Oster, der wie Bonhoeffer am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet wurde. Im letzten Kapitel „Der Blick von unten“ – dieser positive Text passt wie der von Walter Grab auch gut zu Ostern, dem Fest des Lebens – schreibt Bonhoeffer:

„Es bleibt ein Erlebnis von unvergleichlichem Wert, daß wir die großen Ereignisse der Weltgeschichte einmal von unten, aus der Perspektive der Ausgeschalteten, Beargwöhnten, Schlechtbehandelten, Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der Leidenden sehen gelernt haben. Wenn nur in dieser Zeit nicht Bitterkeit oder Neid das Herz zerfressen hat, daß wir Großes und Kleines, Glück und Unglück, Stärke und Schwäche mit neuen Augen ansehen, daß unser Blick für Größe, Menschlichkeit, Recht und Barmherzigkeit klarer, freier, unbestechlicher geworden ist, ja, daß das persönliche Leiden ein tauglicherer Schlüssel, ein fruchtbareres Prinzip zur betrachtenden und tätigen Erschließung der Welt ist als persönliches Glück. Es kommt nur darauf an, daß diese Perspektive von unten nicht zur Parteinahme für die ewig Unzufriedenen wird, sondern daß wir aus einer höheren Zufriedenheit, die eigentlich jenseits von unten und oben begründet ist, dem Leben in allen seinen Dimensionen gerecht werden, und es so bejahen.“ (Quelle: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Dietrich-Bonhoeffer-Werke Band 8, S. 38 f.)       

Weiterer Literaturtipp: Asal Dardan (geboren 1978 in Teheran / Iran, lebt als Schriftstellerin in Berlin): Betrachtungen einer Barbarin, Hamburg 2021, besonders die Seiten 97 – 120, auf denen sie auf die Auslöschung von Menschenleben durch die Nazis eingeht. Ihr Buch endet mit den Worten: „Dieses Land [gemeint ist Deutschland] neigt noch immer zu extremer Politik … [Ich] kann kaum glauben, … wie wenig gesellschaftlicher Widerstand geleistet wird … Doch noch viel mehr Menschen müssten … nein sagen zur Barbarei – in ihnen und um sie herum.“ (a. a. O, S. 184 f.)  

Fragen zum Nachdenken:

  • Wo und wodurch wird menschliches Leben ausgelöscht?
  • Welche Aussage des Textes von Walter Grab hat Dich angesprochen?
  • Welche Aussage des Textes von Dietrich Bonhoeffer hat Dich angesprochen?

 

Lesen wir bis zum Rundbrief Mai 2026: Psalm 84; Matthäus-Evangelium, Kapitel 11, die Verse 1 - 6                                        

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe