Rundbrief 2016-10 Der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz

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HAPAX und ein herzliches Hallo!

Vor 40 Jahren am 18. August 1976 verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz aus der ehemaligen DDR aus Protest gegen das SED-Regime selbst.

Als Antwort auf die vielen SED-Parolen, die Gott aus der Gesellschaft verbannen wollten, lässt Pfarrer Oskar Brüsewitz ein großes Schild aufstellen: „Die auf Gott vertrauen, erhalten neue Kraft“ (Jesaja 40, 31).

 

Oskar Brüsewitz wurde am 29. Mai 1929 in Willkischken im heutigen Litauen geboren. Nach dem zweiten Weltkrieg flüchtete seine Familie von Westpreußen nach Westfalen. Oskar Brüsewitz zog dann nach Leipzig. Nach dem Theologiestudium an den Predigerschulen Wittenberg und Erfurt wurde er ev. Pfarrer in Rippicha in Sachsen-Anhalt. Anfang August 1975 eskalierte der Konflikt mit dem DDR-Staat und der Kirchenleitung der ev. Kirche. Mit einem Pferdefuhrwerk, auf dem eine Blechplatte mit der Aufschrift "Ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott" aufgestellt war, fuhr Oskar Brüsewitz nach Zeitz.

Im Juli 1976 besuchte ihn Probst Friedrich-Wilhelm Bäumer und legte Oskar Brüsewitz nahe, die Pfarrstelle aus politischen und kirchlichen Gründen zu wechseln. Er stimmte nicht zu, denn für ihn wäre die Versetzung eine Niederlage vor der Kirchenleitung und vor dem DDR-Staat. Oskar Brüsewitz bereitete nun seine Selbstverbrennung vor. Im Abschiedsbrief an seine Amtsbrüder im Kirchenkreis Zeitz charakterisierte er die Situation der Kirche als scheinbar tiefen Frieden, trotzdem tobe zwischen Licht und Finsternis ein mächtiger Krieg, Wahrheit und Lüge stünden nebeneinander.

Am Morgen des 18. August 1976 schmückte Pfarrer Oskar Brüsewitz den Frühstückstisch für seine Familie mit Rosen aus dem Garten. Dann bat er seine Tochter Esther, ihm sein Lieblingslied auf dem Klavier vorspielen: "So nimm denn meine Hände" (EG 376). Danach fuhr er von seinem Wohnort Rippicha nach Zeitz. Er hielt im Stadtzentrum gegenüber der Michaeliskirche an und stellte auf das Dach seines Autos Wartburg zwei Plakate mit der Aufschrift: „Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“

Oskar Brüsewitz übergoss sich mit Benzin und zündete sich an. Der brennende Pfarrer im schwarzen Talar lief laut schreiend über den Marktplatz auf die Kirche zu. Passanten gelang es, ihn zu stoppen und die Flammen zu ersticken. Im Krankenhaus Halle-Dölau starb Oskar Brüsewitz am 22. August 1976 als 47- jähriger Pfarrer, der ein Flammenzeichen gegen den DDR-Staat setzen wollte. Vorbilder von Oskar Brüsewitz waren buddhistische Mönche in Vietnam, die sich im Widerstand gegen die US-Besatzer verbrannten. Und der Tscheche Jan Palach, der sich mit seinem Flammentod gegen den sowjetischen Einmarsch 1968 wehrte.

Die SED-Regierung entpolitisierte die Selbstverbrennung und bewertete diese Tat als eine eines unzurechnungsfähigen Psychopathen. Die Kirchenvertreter erklärten sich solidarisch mit dem DDR-Staat und wollten auf keinen Fall in den Verdacht kommen, Handlanger der westlichen Gegner der DDR zu sein. Die Darstellung Brüsewitz’ als Psychopathen lehnten die Kirchenvertreter allerdings ab.

Die Beerdigung am 26. August 1976 wurde zu einer Art Demonstration, zu der Hunderte von Pfarrern aus der gesamten DDR kamen. Bei der Anfahrt wurden alle Teilnehmer mehrmals kontrolliert, eine Gruppe von Jugendlichen wurde ganz an der Anreise gehindert. Die große Anteilnahme bei der Beisetzung zeigte, dass viele Menschen den politischen Inhalt der Tat erkannten und sich zum Teil mit Brüsewitz identifizierten.

Die Ereignisse um die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz beeinflussten nicht nur die Atmosphäre innerhalb der evangelischen Kirche und das Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Sie wurden auch von Nichtchristen als Symptom der Zustände und als Krise der Gesellschaft der DDR begriffen. Das Geschehen stärkte das politische Selbstbewusstsein zahlreicher Theologen und ermutigte viele nach politischen Alternativen zu suchen. Der Liedermacher Wolf Biermann trat am 11. September 1976 nach elf Jahren Berufsverbot in der Prenzlauer Nikolaikirche auf und bezeichnete die Selbsttötung von Oskar Brüsewitz als „Republikflucht in den Tod“.

 

Trauerpredigt von Propst Friedrich Wilhelm Bäumer vom 26.08.1976 über Offenbarung 1,17-18: Jesus Christus spricht: "Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.“

„Liebe trauernde Angehörige, liebe Trauergemeinde!

Für uns alle, die wir uns heute hier zusammengefunden haben, bekommt dieses Wort aus dem letzten Buch der Bibel eine unerhörte Bedeutung. Es stellt uns mit all den Gedanken, die uns bewegen, seitdem wir von der Tat unsers Bruders erfahren haben, vor den einen hin, der sagen kann: Ich bin der Erste und der Letzte! Es stellt uns vor ihn hin mit dem Gewicht eines Zeugnisses, das weder von den Jahrhunderten Menschheitsgeschichte noch von den Augenblicken einer einzigen Menschenerfahrung angetastet werden durfte. Das Unerhörte daran ist, daß all unser Leben und Sterben nicht mehr irgendwoher kommt und irgendwohin geht, sondern daß es immer schon einen hinter sich hat, der um die Herkunft weiß und einen vor sich hat, der das Ziel kennt, den einen, lebendigen Herrn. So sind wir heute unter dem Eindruck dieses erschütternden, unfaßlichen Lebensendes unseres Bruders dennoch nicht

hinausgeworfen in eine bodenlose Ausweglosigkeit und in eine grenzenlose Sinnlosigkeit, aufgerissen durch den Widerstreit unserer Empfindungen. Aber wir sind allerdings ganz auf Ihn geworfen, der in seinem Wort zu uns spricht und der hinter unserer bodenlosen Ausweglosigkeit und grenzenlosen Sinnlosigkeit die Spur erkennen kann, die zum Ziel führt. Ich weiß, daß unser Bruder für Ihn leben wollte. Darum müssen wir mit Ihm rechnen und müssen uns Ihm stellen, wenn wir heute unserem Bruder den letzten Dienst zu tun haben. Aber wir haben Fragen, unruhige, leidenschaftliche, bittere Fragen. Und wo immer Antworten versucht werden, bleiben sie doch in den halben Wahrheiten und in den Rätseln, die der andere uns mit seinem Wesen stellt, stecken. Wer kann ein Menschenherz ergründen, das umgetrieben ist von den Widersprüchen unserer Zeit. Wer will sich zum Richter machen über das unruhige Gewissen. Wenn aber Er, der der Erste und der Letzte, der Eine,

der das Leben hat, ist, die Strecke absteckt, die wir' nicht übersehen können und die uns schreckt, dann bleibt es eben nicht dabei, daß ja doch

alles Fragen und Suchen und Prüfen keinen Zweck hat, dann bleibt es eben nicht dabei, daß das geduldige Wagen des nächsten Schrittes, das vertrauensvolle Hineintreten in den neuen Tag ja doch keinen Sinn haben kann. Nein, dann fängt die Hoffnung an, davon zu leben, daß Er da ist, ,Jesus Christus, gestern und heute und morgen´. Es ist die Erfahrung in unserer Kirche, die uns über diesem Grabe mit außerordentlichem Ernst zur Buße ruft, daß wir uns unterwegs auf den angefochtenen Wegen diesen Zuspruch der Gegenwart Gottes, seine Zusagen, unsere Wege mitzugehen, nicht zu sagen wagen oder es nur unglaubwürdig tun. Wir haben allen Grund, es tief betroffen zu beklagen, daß in der Gemeinschaft unserer Kirche ein solcher Entschluß, wie ihn unser Bruder für sich gefaßt hat, nicht abgewendet werden konnte. Wer sich erst einmal hineinverfangen hat in die dunklen Netze der eigenen und und einsamen Gedankenvorgänge, der vergißt leicht, daß Gottes heilige Gegenwart sich vor unseren Augen in dem zu erkennen gegeben hat, der seinen Weg bis an das Kreuz gegangen ist, und zwar für uns gegangen ist. Jesus Christus ist unsere Wege gegangen, er ist dem Leiden der Menschen nicht aus dem Wege gegangen, er hat an den Entscheidungen der Menschen gelitten, er konnte über der geschäftigen und selbstsicheren Gleichgültigkeit der Menschen weinen, er mußte in die äußerste Verlassenheit hinein. Und Jesus Christus betete: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Nun sind wir von ihm mitgenommen vor den Richterstuhl und vor den Gnadenstuhl Gottes. Und er schämt sich dabei unser nicht. Darum gilt beides: Er weiß mehr und Gültigeres als wir von dem, was unseren Bruder zu seiner Tat getrieben hat. Er hat sein „fürchte dich nicht“ auch da bereit, wo wir nicht hinreichen, wo wir versagen. Und zugleich gilt: Er entläßt uns nicht aus dem Ruf zur Nachfolge auf Seinem Wege. Seine Nachfolge ist nicht abhängig von Voraussetzungen, die die Welt bietet oder nicht bietet, sie ist aber abhängig davon, daß wir auf der Spur Jesu Christi bleiben. Die Fragen, vor die uns unser Bruder mit seiner Entscheidung, die er für sich getroffen hat, stellt, werden wir nicht so schnell beantworten oder gar abschütteln können, Fragen, die uns in unserer geistlichen, in unserer kirchlichen, in unserer politischen und in unserer menschlichen Existenz aufgeschreckt haben. Wir müssen vor der dunklen Grenze, die uns gesetzt ist, die uns auch durch dieses Sterben gesetzt ist, halt machen. Das stellt alle unsere Beurteilungen, unsere Rückfragen, unsere Vorwürfe, unsere Sorgen, unsere Angst und selbst unser Gewissen unter eine Vorläufigkeit, über die wir nicht hinaus können.

Keiner von uns kann sagen: „Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von

Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes". Wir sind darauf angewiesen, dass der, der diesen Schlüssel in seiner Hand hält, die ganze Wahrheit aufschließt. Er wird es tun nach seiner Verheißung. Darauf leben wir zu. Laßt uns aus dem Ernst dieser Stunde heraus Gott bitten, dass seine Barmherzigkeit über seiner Kirche und über seiner Welt nicht aufhört. Euch, Gattin, Kinder und Anverwandte schließe er fest ein in seinen Frieden, daß Ihr es täglich neu hören könnt, wie Er in die Traurigkeit und in die Unruhe, in die Einsamkeit und in das Fragen des Herzens hinein spricht: ‚Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.‘“ Amen

Oskar Brüsewitz und Dietrich Bonhoeffer waren Christen im Widerstand gegen totalitäre und menschenverachtende Regime. Die Gedenktafeln für Brüsewitz und Bonhoeffer verdeutlichen dies.

Auf der Gedenktafel für Oskar Brüsewitz in der Einumer Straße 11 in Hildesheim (war eimmal ein Wohnort von Brüsewitz) steht: „Sein tragischer Tod soll uns an alle Opfer der SED-Diktatur erinnern.“

Auf dem Gedenkstein für Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg, in dem er am 9. April 1945 ermordet wurde, steht: „Im Widerstand gegen Diktatur und Terror gaben ihr Leben für Freiheit, Recht und Menschenwürde…“

 

Lesen wir bis zum nächsten Rundbrief im November 2016:

Psalmen 46 - 48; Matthäus-Evangelium Kapitel 8, die Verse 28 – 34

Beste Grüße, Euer Obmann Uwe