2016-06 Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann

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HAPAX und herzliche Grüße zum Rundbrief im Juni 2016!

Am 8. April 2016 feierte der evang. Theologe Jürgen Moltmann seinen 90. Geburtstag. Er ist einer der bedeutenden und bekanntesten Theologen der letzten 50 Jahre. Internationale Anerkennung bekam er mit seinem Werk „Theologie der Hoffnung“, das 1964 erschien.

Jürgen Moltmann wurde am 8. April 1926 in Hamburg geboren und wuchs in einer unkirchlichen Familie auf, geriet als Luftwaffenhelfer am Ende des Zweiten Weltkriegs in britische Gefangenschaft und begann dort ein Studium der Evangelischen Theologie, das er 1948 an der Universität Göttingen fortsetzte. Ab 1952 war er Pastor in Bremen und wurde 1957 Professor an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. 1963 wechselte er an die Universität Bonn. Von 1967 bis zu seiner Emeritierung 1994 arbeitete er als Professor für Systematische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Moltmann war seit 1952 mit der am 7. Juni 2016 verstorbenen feministischen Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel verheiratet. Von insgesamt zwölf Universitäten erhielt er die Ehrendoktorwürde.

Seine Theologie ist eine kontextuelle Theologie, die auf aktuelle Themen aus Politik, Naturwissenschaften, Theologie und Gesellschaft antworten will. Deutlich wird dies in seinen zwischen 1980 und 1995 erschienen fünf Beiträgen zur Systematischen Theologie: Trinität und Reich Gottes. Zur Gotteslehre, München 1980, Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre, München 1985, Der Weg Jesu Christi. Christologie in messianischen Dimensionen, München 1989, Der Geist des Lebens. Eine ganzheitliche Pneumatologie, München 1991, Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie, München 1995.

Anlässlich seines 90. Geburtstages erschien ein kleines Buch: Hoffnung für eine unfertige Welt. Jürgen Moltmann im Gespräch mit Eckart Löhr, Ostfildern 2016. Anbei findet Ihr einige Antworten von Jürgen Moltmann.

Eckart Löhr: „Bonhoeffer hat Sie ja auch sehr beeinflusst, besonders seine Briefe aus der Haft.“
Jürgen Moltmann: „Ja. Widerstand und Ergebung. Wir bekamen in der Gefangenschaft die Kriegsgefangenhilfe aus Genf mit den Büchern Gemeinsames Leben und Nachfolge. Das Gemeinsame Leben hat mich aber nicht begeistert, denn ich hatte die Nase voll vom gemeinsamen Leben in Kasernen, Unterständen und Gefangenenlagern. Ich wollte mein eigenes Leben leben und die Nachfolge war mir zu steil. Für den Anfang waren das zu steile Forderungen, und ich war erst am Anfang. Aber Widerstand und Ergebung hat mich sehr ergriffen und den Brief, in dem er die tiefe Diesseitigkeit des Christentums beschwört, habe ich schon 1945 in der Hand gehabt. Er war eine Gabe des Weltrates der Kirchen in Genf mit Predigten über Bonhoeffers Tod.“ (SS. 103 f.)

Eckart Löhr: „Würden Sie den Kirchen vorwerfen, dass sie zu harmlos geworden sind?“
Jürgen Moltmann: „Ja! Der katholischen bis Benedikt XVI. Der jetzige Papst Franziskus ist nicht mehr harmlos. Aber die evangelische Kirche ist die Rechtfertigung der Merkel-Ära: Vermeide Fehler und traue dir nichts zu. Und so ist auch der Kirchentag 2015 in Stuttgart gewesen. Alle Demonstranten für die Kriegsdienstverweigerung wurden ausgeladen und alle ernsten Themen wurden beiseitegeschoben. Die evangelische Kirche geht nach meiner Überzeugung an ihrer eigenen Harmlosigkeit zugrunde. Ein Glaube, der nichts fordert, tröstet auch nicht. Und wenn wir an die Märtyrer im Dritten Reich denken und sie mit den Wellnessreligionen, die in den Kirchen verbreitet werden, vergleichen, dann fragt man sich, ob es noch einmal zu einer Bekennenden Kirche wie im Dritten Reich kommen könnte, oder ob die evangelische Kirche nur noch mit der Kultur identisch ist, wie sie im Augenblick in Deutschland gelebt wird.“ (SS. 41 f.)

Eckart Löhr: „Wie sehen Sie die Zukunft des Christentums?“
Jürgen Moltmann: „Wir sind immer noch privilegiert und haben immer noch christliche Wurzeln, die sich in der Politik und in der Kultur zeigen, aber das läuft in eine multireligiöse Gesellschaft aus…Darum ist meine Prophezeiung, wenn ich mir dies erlauben darf, dass die evangelische Kirche in zwei bis drei Generationen – wie die katholische Kirche – eine Freikirche sein wird. Sie müsste dann ihre Finanzen selbst regeln und auch für die Ausbildung selbst sorgen.“ (SS. 50 f.)

Eckart Löhr: „Wie sehen Sie die Zukunft der Ökumene in Deutschland oder auch in anderen Ländern?“
Jürgen Moltmann: „Ich sah sie mal positiv…Wir hatten gesagt: Die Konfessionen müssen sterben, damit die ökumenische Kirche geboren werden kann. Aber sie starben nicht, sondern zogen sich aus der Ökumene zurück, und der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung…ging auch nicht weiter…Mit Philipp Potter hatten wir noch eine prophetische Stimme. Dann kam ein Deutscher, Konrad Raiser, der war vorsichtiger, und dann kam ein Norweger, ein Pfarrer, von dem man wenig hört…Päpste zitieren nur Päpste und Katholiken zitieren nur katholische Theologen und Protestanten nur protestantische Theologen. Es ist ein Rückzug auf die eigene, verblichene Identität. Das ist traurig und ich hoffe, dass es noch mal zu einem ökumenischen Aufbruch kommt, aber er kommt nicht aus Europa oder Amerika, sondern aus den Minderheitskirchen der Dritten Welt…“ (SS. 107 f.)

Eckart Löhr: „Eine letzte und sehr persönliche Frage: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Jürgen Moltmann: „Ich habe Angst vor dem Tod meiner Frau (am 7. Juni 2016 gestorben!) und meiner Kinder, aber vor dem eigenen Tod überhaupt nicht. Ich habe in meiner Jugend so viel Tod erlebt. Ich habe den Tod schon hinter mir, denn ich müsste nach menschlichen Ermessen schon dreimal tot sein. Warum sollte ich Angst vor meinem Tod haben? Der Sterbeprozess mag unangenehm oder schmerzhaft sein, das weiß ich nicht…Ich bin neugierig. Und ich hoffe, ich weiß, was kommt, obwohl es eine große Überraschung wird. Insofern denke ich über den Tod hinaus und nicht bis zum Tod. Ich habe gelebt, 90 Jahre, dafür bin ich dankbar und ich könnte jederzeit abtreten. Ich bin bereit.“ (S. 109)

 

Lesen wir bis zum nächsten Rundbrief im Juli 2016:

Psalmen 34 – 36 und Matthäus 7, 12 – 23.

Beste Grüße, Euer Obmann Uwe