Rundbrief 2020-09 Sadako will leben

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief September 2020!

Am Montag, dem 6. August 1945, also vor 75 Jahren, explodierte um 8.15 Uhr die erste Atombombe („Little Boy" genannt) in der japanischen Stadt Hiroshima und löschte zehntausende Menschenleben (auch Tiere und Pflanzen) aus und damit die Zukunft einer ganzen Generation. Die zweijährige Sadako Sasaki lebte damals in Hiroshima. Mit zwölf Jahren starb sie wie viele Kinder Hiroshimas an den Folgen der radioaktiven Strahlung.

Als Sadako Sasaki schon im Krankenhaus lag, erzählte ihr eine Freundin, dass derjenige, der 1000 Kraniche faltet, einen Wunsch bei den Göttern frei hat. Sadako hatte den Wunsch, geheilt zu werden. Die willensstarke und lebenshungrige Sadako faltete 990 Papierkraniche. Ihr Wunsch auf Genesung blieb ihr leider verwehrt. Sadako Sasaki starb am 25. Oktober 1955 an Leukämie. Weitere Atombomben nach Hiroshima und Nagasaki sind bis heute auf besiedeltes Gebiet nicht abgeworfen worden. Neun Staaten gelten als Atommächte: USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea. Laut Wikipedia haben diese Staaten 13.865 Atomsprengköpfe.

Sadakos Aufbahrung

1961 erschien das Jugendbuch „Sadako will leben“. Autor ist der österreichische Schriftsteller Karl Bruckner. Er wurde 1906 in Wien geboren und starb dort 1982. Er war zunächst Automechaniker. Zwischen dem ersten (1914 – 1918) und zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) wanderte er nach Brasilien aus, kehrte aber Ende 1937 nach Wien zurück. Erst ab 1946 begann er zu schreiben. Sein international größter Erfolg war sein Buch „Sadako will leben“, die berührende Erzählung über das Leben des japanisches Mädchens Sadako Sasaki. Für dieses Buch erhielt er den Österreichischen Jugendbuchpreis und den Preis der Stadt Wien.  

Bruckner beschreibt in seinem mahnenden Buch, welche dramatischen Konsequenzen der Einsatz von Atomwaffen hat. Es ist der „Overkill“ – die totale Vernichtung von Menschen, Tieren und Pflanzen. In seinem Buch heißt es: „Colonel Tibbets, der Kommandant der B-29 ‚Enola Gay‘, steuerte in achttausend Metern Flughöhe das Zentrum der Stadt Hiroshima an … Die Bombe fiel … Im millionsten Teil einer Sekunde entflammte eine neue Sonne in grellweißem Licht … Und dieser Feuerball strahlte Millionen Hitzegrade gegen die Stadt Hiroshima. In dieser Sekunde verbrannten 86.100 Menschen … In dieser Sekunde hatte das Ebenbild Gottes den ersten Versuch unternommen, sich mithilfe der Wissenschaft selbst zu vernichten. Der Versuch war gelungen … Das Mädchen Sadako Sasaki wollte den neunhundertundneunzigsten Kranich aus Papier zu Ende bringen. Der Tod gewährte dem Mädchen den bescheidenen Wunsch. Noch einmal trat er zurück. Ihn drängte die Zeit nicht. Dieses Kind hatte keine Furcht vor ihm. Er durfte diese Seele ganz sanft an sich nehmen, um sie ihrem Schöpfer zurückzugeben. Sadakos Hände betasteten den Kranich. War er noch nicht fertig? Sie hätte ihn gerne betrachtet. Leider hatte die Nachtschwester wieder einmal vergessen das Licht anzudrehen. Es war doch Nacht? Ja, ganz sicher, sie sah nichts. Nein, doch. Ein leiser Schimmer war um sie. Vom Mondlicht vielleicht? Sadako hörte Stimmen. Eine klang ihr bekannt. Das war – die Stimme – der Mutter. Ja, ja – die Mutter war’s. Weshalb schluchzte sie? Vor Freude? Weil Sadako – nur mehr – zehn Kraniche – nur mehr zehn – Nein – es sind schon tausend! Gleich wird sie – gesund – sein. Gleich – Der leise Schimmer wurde zu hellem Leuchten. Sadakos Augen öffneten sich weit. Sie schaute den Himmel in seinem ewig strahlenden Glanz.“ (S. 134 – 136 und 262 – 263)

Vor diesem Overkill habe ich auch als Maturant gewarnt, als ich die im damaligen Deutschunterricht besprochene Tragödie „Antigone“ des griechischen Dichters Sophokles (497 bis 406 vor Christus) zu einer zeitbezogenen Tragödie umschrieb. In der zweiten Hauptszene sagt meine Antigone zu dem König Kreon: „ … Wir wollen Frieden, deshalb stoppe die wahnsinnige Wettrüstung … Die Erde könnte mehrmals mit diesen Waffen zerstört werden. Was werden die Götter sagen, wenn ihr Eigentum zerstört wird? Wir brauchen Abrüstung, keine Aufrüstung, denn Frieden ist wichtiger als Gewalt. Die göttliche Nächstenliebe unter den Menschen wird zum Hass … Wir müssen den Anfang machen, denn sonst wird die Erde wüst und leer sein wie in den Anfängen des Lebens.“ 

In diesem Zusammenhang verweise ich auf die berühmte und aktuelle Friedensrede Bonhoeffers von 1934. Diese findet Ihr auf unserer Homepage unter „Ausgewählte Texte Bonhoeffers“.

Bonhoeffer wollte sicherlich auch leben und mit seiner Verlobten Maria nach der Haft und nach dem Untergang Hitler-Deutschlands ein neues Leben beginnen. Das spürt man sehr eindrücklich in den Worten seines Gedichtes „Wer bin ich“, das er im Sommer 1944 aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel schrieb: „Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen? (DBW 8, S. 513 – 514; das Gedicht findet Ihr auch auf unserer Homepage unter „Ausgewählte Texte Bonhoeffers“)

Auch in seinen Briefen vom 27. Juni 1944 und 23. August 1944 aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel an seine Verlobte Maria von Wedemeyer spürt man den Wunsch Bonhoeffers nach einem erfüllten und glücklichen Leben mit ihr und auch den, wieder richtig arbeiten zu können: „Unsere Liebe sollte ja gerade erst anfangen, als wir getrennt wurden … Wir wußten, daß wir zusammengehören, und wir wissen das heute noch mehr denn je … Ach liebste, liebste Maria, kann es Dir denn nicht genügen zu wissen, daß ich durch Dich froh und glücklich geworden bin … Und vor allen Dingen müssen wir unser ganzes Leben unter den einen Gesichtspunkt stellen, daß wir zusammengehören, und danach handeln … Und so wünsche ich Dir von Herzen, liebe Maria, daß Deine neue Arbeit Dir diese Wohltat erweist und daß Du gerade in den besonderen Schwierigkeiten auch eine besondere innere Befreiung empfindest … Du glaubst nicht, als was für eine Befreiung ich es empfinden würde, endlich einmal wieder nicht nur für mich allein, sondern für andere arbeiten zu können.“ (Brautbriefe. Zelle 92, S. 196 – 199 und S. 201) 

Eine Frage zum Nachdenken und Diskutieren:

Hast Du auch einmal aufgrund von bestimmten Lebenssituationen und -umständen gesagt: „Ich will leben“?

Lesen wir bis zum Rundbrief Oktober 2020: 

Psalmen 26 – 28;

Matthäus-Evangelium Kapitel 18, die Verse 15 – 20.                   

Liebe Grüße

Euer Obmann Uwe