Sonderrundbrief Karwoche und Ostern 2020

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Sonderrundbrief!

Wegen der Coronakrise entfallen alle Gottesdienste in der Karwoche und zum Osterfest. Das ist zwar sehr bedauerlich, aber solche lebenswichtigen Vorsichtsmaßnahmen werden von den christlichen Kirchen solidarisch mitgetragen. Als Ersatz für die nicht stattfindenden Gottesdienste habe ich dieses geistliche Wort zur Karwoche und zu Ostern als Sonderrundbrief verfasst.

Grundlage ist ein Vers aus dem ersten Korintherbrief, der im Neuen Testament überliefert ist. Der Apostel Paulus schreibt im Kapitel 1, Vers 18: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.“

Jedes Jahr feiern Christinnen und Christen überall auf der Welt wichtige christliche Feste. Sie tun das, weil sie an den „Anders-Gott“ glauben, der sich nicht in ein bestimmtes Muster pressen lässt und der oft das Denken der Welt auf den Kopf stellt. In dem Glauben an diesen Gott finden die Gläubigen ihre Kraft zum Leben.

Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas schildert nicht die Geburt eines Gott-Menschen wie in der griechisch-römischen Götterwelt, sondern genau das Gegenteil. Mit Jesus ist ein richtiger Mensch geboren, jemand aus Fleisch und Blut, einer von uns. Jesus kommt als Kind eines Herrn und einer Frau „Niemand“ (Josef und Maria) zur Welt.

Er wird quasi als Bettler geboren, arm, obdachlos, ohne Herberge, bestaunt von Hirten. Was den Gläubigen Kraft und Vertrauen gibt ist, dass der Ewige und Allmächtige, der Grund und Urheber allen Seins in das ganz normale Leben mit all seinen Sorgen und Freuden eintritt. In Jesus macht sich Gott von der Welt ununterscheidbar.

Jesus hatte eine unendlich tiefe Liebe zu den Menschen, auch zu denen, die ihn verspotteten und  beseitigen wollten. Er hat oft die Rollen vertauscht, die bis heute in etablierten und feinen Gesellschaften gelten. Er hat Menschen die Füße gewaschen und damit gezeigt, dass alle Menschen gleich sind und dass niemand höher als ein anderer steht. Jesus zieht nicht herrschaftlich und elegant hoch zu Ross in Jerusalem ein, sondern auf dem Rücken eines Esels, der mehr schlecht als recht in Jerusalem hinein trabt. Jesus gerät dort in einen Konflikt mit der religiösen Elite, mit den römischen Besatzern und mit der Erwartung des Volkes auf ein neues mächtiges Israel. Jesus feiert mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl. „Deinen Tod verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“ – so heißt es in der Abendmahlsliturgie. Wenn wir das Brot teilen und den Wein trinken, dann glauben wir, dass in Brot und Wein die Macht Gottes deutlich wird, der Welt mit Liebe und Frieden zu begegnen und nicht mit Gewalt und Hass. Jesus wird gefangen genommen, gefoltert und gekreuzigt. Das Kreuz ist der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens. Wenn ein Symbol für die Merkwürdigkeit unserer christlichen Religion, für unseren „Anders-Gott“ steht, dann dieses. Bis heute wird der gekreuzigte Jesus von Christinnen und Christen in aller Welt als Sohn Gottes, als Retter der Welt, als Herr und Heiland verehrt. Weil sie davon überzeugt sind, dass in dem schwächlichen Tod am Kreuz mehr Gott zu finden ist als in allem Glanz und Gloria der Welt. Und dieser Glaube erntet bis heute Spott, weil er als Torheit und Dummheit abgestempelt wird. Aber für die Gläubigen ist das Kreuz eine Kraft. Weil Gott selbst an der Seite der Menschen steht, die die Schatten des Lebens spüren – die Armen, die Kranken, die Verlierer, die Kinder. Alle Menschen sehnen sich danach, Heil im Körper, im Geist und in der Seele zu spüren und ein glückliches und zufriedenes Leben führen zu können. Auch Christinnen und Christen haben diese Sehnsucht. Sie spüren aber auch das Schweigen Gottes und gottverlassene Augenblicke in ihrem Leben, wenn es nicht so funktioniert wie gedacht und geplant, weil Krankheiten und Krisen das Leben durcheinander bringen. Christlicher Glaube lächelt das nicht weg und weiß auch, dass es einen Gott, der unser Glück und Heil im Diesseits nicht garantiert, nicht gibt und nie gab. Aber wenn unser Leben bricht, sodass wir dann nur noch schreien können, dann schreit Gott in uns. Alles Leid und aller Schmerz, den wir verspüren, ist tatsächlich ein Teil Gottes. Gott hat mit uns zu tun, wie wir wirklich sind. Und um das ein für alle Mal deutlich zu machen, stirbt Jesus am Kreuz. Das ist der Gott, an den Christinnen und Christen glauben – der „Anders-Gott“, der für sie eben keine Torheit und Dummheit ist, sondern Weisheit und Kraft. Um beides zu spüren, können wir eine kleine spirituelle Übung machen. Schauen wir auf den Gekreuzigten und beten das Vater Unser. Nach jedem Satz machen wir eine Pause, damit die Worte des Vater Unsers und der Gekreuzigte sich verbinden können und damit wir spüren, dass das Kreuz Heil und Leben bringt.

Christinnen und Christen sind Menschen, die mit dem Licht der Auferstehung tanzen. Sie flüstern zunächst, dann werden sie immer lauter, bis es die Welt hört: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Deswegen feiern wir Ostern – der Tod hat Jesus nicht halten können. Der Tod wurde vernichtet. Die Welt ist nicht mehr die gleiche, sondern hat neuen Glanz erhalten. Ostern bedeutet, dass es mehr als dieses Leben gibt und dass wir mit Jesus auferstehen in das Licht Gottes. Und Ostern bedeutet, dass alles gut werden kann – diesseitig und jenseitig. Diese Hoffnung sollten wir teilen, weil sie Kraft für unser Leben gibt. Amen.

     

Karfreitag und Ostern, Bilder des Isenheimer Altars

 

Segen:

Gott gebe dir Licht in dunklen Momenten deines Lebens.

Er gebe dir Kraft für Wege, die du gehen musst.

Er gebe dir Hoffnung, dass alles gut werden kann.

So segne dich der dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

 

Ich wünsche Euch trotz aller Entbehrungen und Anstrengungen in dieser Zeit eine angenehme Karwoche und ein hoffnungsvolles Osterfest!

Euer Obmann Uwe