Rundbrief 2020-03 Nationalismus

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief März 2020!

George Orwell (1903 – 1950) gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der englischen Literatur. Durch seine Bücher „Farm der Tiere“, eine satirische Fabel über den sowjetischen Kommunismus stalinistischer Prägung, und „1984“, eine Zukunftsvision über einen totalitären Überwachungsstaat, wurde er weltberühmt. Sein Essay "Über Nationalismus" wurde im Mai 1945 verfasst und im Oktober 1945 unter dem Titel „Notes on Nationalism“ veröffentlicht. Dieser Essay erschien erst im Jänner 2020 in deutscher Sprache.

 
George Orwell (Sein Essay steht in unserer Bonhoeffer-Bibliothek.)

Orwell beschreibt und analysiert in seinem Essay Wesen und Formen des Nationalismus: „Mit ‚Nationalismus‘ meine ich zunächst einmal die verbreitete Annahme, dass sich Menschen wie Insekten klassifizieren lassen und ganze Gruppen von Millionen oder Abermillionen Menschen mit dem Etikett ‚gut‘ oder ‚böse‘ belegt werden können. Zweitens…meine ich damit die Angewohnheit, sich mit einer einzigen Nation oder einer anderen Einheit zu identifizieren, diese jenseits von Gut und Böse zu verorten und keine andere Pflicht anzuerkennen als die, deren Interessen zu befördern. Nationalismus ist nicht zu verwechseln mit Patriotismus…Mit ‚Patriotismus‘ meine ich die Verbundenheit mit einem bestimmten Ort und einer bestimmten Lebensweise, die man für die beste auf der Welt hält, aber anderen Menschen nicht aufzwingen möchte. Patriotismus ist von Natur aus defensiv, militärisch wie kulturell. Der Nationalismus hingegen ist untrennbar mit dem Streben nach Macht verbunden. Das dauerhafte Ziel jedes Nationalisten  besteht darin, immer mehr Macht und immer mehr Prestige anzuhäufen, nicht für sich selbst, sondern für die Nation oder einer anderen Einheit, der er seine Individualität geopfert hat…[Ich muss] wiederholen,… dass ich das Wort Nationalismus nur mangels eines besseren Begriffs gebrauche. Der Nationalismus…umfasst Bewegungen und Neigungen wie den Kommunismus, den politischen Katholizismus, den Zionismus, den Antisemitismus, den Trotzkismus und Pazifismus. Er meint nicht notwendigerweise die Loyalität gegenüber einer Regierung oder einem Land, schon gar nicht gegenüber dem eigenen Land; die Einheiten, mit denen er zu tun hat, müssen nicht einmal wirklich existieren. Um ein paar auf der Hand liegende Beispiele zu nennen: Das Judentum, der Islam, das Christentum, das Proletariat und die weiße Rasse sind allesamt Gegenstand leidenschaftlicher nationalistischer Empfindungen, doch die Existenz dieser Einheiten lässt sich begründet in Frage stellen, und für keine von ihnen gibt es eine universell anerkannte Definition…Der Nationalist verfährt nicht nach dem Prinzip, sich schlicht auf die Seite des Stärkeren zu schlagen. Im Gegenteil, nachdem er sich für eine Seite entschieden hat, redet er sich ein, diese sei tatsächlich die stärkere, und er kann an dieser Überzeugung sogar dann festhalten, wenn die Fakten ihr auf überwältigende Weise widersprechen. Nationalismus ist Machthunger gedämpft durch Selbsttäuschung. Jeder Nationalist ist zur eklatantesten Schandtat imstande, aber er ist sich auch – im Bewusstsein, einer Sache zu dienen, die größer ist als er selbst – unerschütterlich sicher, im Recht zu sein…“ (S. 7 - 10)

„Die Hauptmerkmale nationalistischen Denkens sind folgende: Obsession. Ein Nationalist grübelt, redet oder schreibt so gut wie nie über etwas anderes als die Überlegenheit seiner eigenen Machteinheit…Die geringste Beleidigung der eigenen Einheit oder jedes implizite Lob einer konkurrierenden Organisation erfüllt ihn mit Unbehagen, das er nur durch eine scharfe Erwiderung lindern kann…Instabilität. Die Intensität, mit der nationalistische Loyalitäten vertreten werden, verhindert nicht, dass sie sich übertragen lassen…Es ist ganz normal, das bedeutende nationale Führer oder die Begründer nationalistischer Bewegungen dem Land, das sie glorifizieren, gar nicht angehören…Beispiele dafür sind Stalin, Hitler, Napoleon…Gleichgültigkeit gegenüber der Realität. Alle Nationalisten verfügen über die Fähigkeit, Ähnlichkeiten zwischen ähnlichen Tatsachengefügen nicht zu erkennen…Der Nationalist besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, jene Gräueltaten, die von der der eigenen Seite begangen wurden, nicht nur nicht zu missbilligen, sondern sie zudem zu überhören…Jeder Nationalist ist getrieben von der Überzeugung, dass sich die Vergangenheit ändern lässt. Er verbringt einen Teil seiner Zeit in einer Fantasiewelt, in der Dinge so passieren, wie sie geschehen sollten…“ (S. 15 – 22)            

„Der Nationalismus ist ein enorm weites Feld. Die Welt wird von unzähligen Täuschungen und Hassgefühlen gepeinigt, die sich auf höchst komplexe Weise überschneiden, und einige der finsteren Varianten haben das europäische Bewusstsein noch nicht einmal erfasst…Warum der Nationalismus einen solchen Aufstieg erlebt und sich dermaßen ausbreitet, ist eine viel zu große Frage, als dass sie an dieser Stelle geklärt werden könnte…“ (S. 25)

Vielleicht liegt eine oder die Antwort in der Dummheit, die durch den Nationalismus geweckt und gefördert wird. Von dieser Dummheit schreibt Bonhoeffer in seiner Analyse „Nach zehn Jahren. Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943“: „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit…Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist…So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein…Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt…Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte...Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun…darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden…Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen…Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet…Das Wort der Bibel sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.“ (Bonhoeffer, DBW 8, S. 26 – 28)      

Orwells Begriff des Nationalismus enthält eine Besonderheit, die sehr aktuell ist und wahrscheinlich auch bleibt. Orwell begrenzt nämlich Nationalismus nicht auf politische Nationen, sondern bezieht ihn auch auf Religionen, politische Ideologien, Klassen und Menschenrassen. Alle Formen dieses Nationalismus brachten und bringen letztendlich Leid, Gewalt und Hass. Daher muss unser Bonhoefferverein HAPAX jede Form des von Orwell beschriebenen Nationalismus entschieden ablehnen und verneinen.

Eine Frage zum Nachdenken: Wie würdest Du die Frage von Orwell beantworten, warum der Nationalismus in Vergangenheit und Gegenwart Zulauf hatte und hat? 

Lesen wir bis zum Rundbrief April 2020: 
Psalmen 10 – 12; Matthäus-Evangelium Kapitel 16, die Verse 24 – 28.

Liebe Grüße,
Euer Obmann Uwe