Rundbrief 2019-05 Ein Atheist von Gottes Gnaden

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Mai 2019!

Am 16. April 2019 fand in der ev. Kirche Bad Kleinkirchheim die Lesung „Ein Atheist von Gottes Gnaden“ mit unserem Vereinsmitglied Klaus Maria Brandauer statt, dem wir für diese danken. Etwa 90 Leute hörten diese beindruckende und spannende Lesung. Klaus Maria Brandauer las Auszüge aus dem Buch „Mein letzter Seufzer“ von Luis Buñuel.

Luis Buñuel, Portrait von Salvador Dali

Luis Buñuel wurde am 22. Februar 1900 in Calanda (Spanien) geboren und starb am 29. Juli 1983 in Mexiko-Stadt. Er war ein spanisch-mexikanischer Filmemacher, wurde als surrealistischer Regisseur bekannt, zählt zu den wichtigsten Filmregisseuren des 20. Jahrhunderts und arbeitete mit dem Künstler Salvador Dalí zusammen. Eines der zentralen Themen seiner Filme ist das Leben eines erstarrten Bürgertums.

In seinem Buch „Mein letzter Seufzer“ steht der Abschnitt „Atheist von Gottes Gnaden“, den ich kurz zusammenfasse:

„Der Zufall ist der große Meister aller Dinge. Danach erst kommt die Notwendigkeit…Indem wir offen zutage liegenden Gründen folgen, die in Wirklichkeit nur eine Reihe, eine unermüdliche Häufung von Zufällen sind, können wir in schwindelerregender Weise, ohne anzuhalten, immer weiter zurückgehen in der Zeit, durch die Geschichte hindurch, durch alle Kulturen, bis zu den Urtierchen am Anfang…

Ein großartiges Beispiel für diesen historischen Zufall findet sich für mich in einem kleinen und dichten Buch,…,Pontius Pilatus von Roger Caillois. Pontius Pilatus…hat gute Gründe, sich die Hände zu waschen und Jesus zu verurteilen zu lassen. Sein politischer Berater empfiehlt es ihm, weil er sonst Unruhen in Judäa befürchtet…Allen diesen Argumenten kann Pilatus nur seine Ehrenhaftigkeit und sein Gerechtigkeitsliebe entgegensetzen. Nach einer schlaflosen Nacht trifft er seine Entscheidung und läßt Jesus frei. Der wird von seinen Jüngern mit Freude empfangen. Er lebt weiter, lehrt und stirbt in einem hohen Alter…

Dieses Buch hat meine Phantasie lange beschäftigt. Ich weiß genau, was man mir über den historischen Determinismus oder über Gottes allmächtigen Willen sagen kann, die Pilatus veranlaßt haben, sich die Hände zu waschen…Der Zufall hat es gewollt, daß er sich die Hände wusch. Wie Caillois sehe ich in dieser Geste überhaupt keine Notwendigkeit…Wenn auch unsere Geburt ganz zufällig ist…, so tritt die Rolle des Zufalls doch zurück, wenn die menschlichen Gesellschaften sich bilden…Aber wir müssen uns…davor hüten, in diesen Gesetzen, die notwendig sind, um unser Zusammenleben zu ermöglichen, eine grundlegende und wesentliche Notwendigkeit zu sehen.

In Wirklichkeit scheint es mir nicht notwendig, daß es die Welt gibt, nicht notwendig, daß wir gerade hier leben und sterben…Da ich nicht glaube – und überzeugt bin, daß auch der Glaube, wie alles andere, weitgehend dem Zufall entspringt –, sehe ich nicht, wie ich aus diesem Kreis herauskomme. Deshalb versuche ich nicht, in ihn einzudringen. Die Konsequenz…ist sehr einfach: Glauben und Nichtglauben ist dasselbe…Ich kann nicht glauben, daß Gott mich unentwegt überwacht…Ich kann nicht glauben, daß er mich in alle Ewigkeit strafen könnte. Wer bin ich für ihn? Nichts, ein Schatten aus Lehm…Ich bin ein armer Sterblicher…Gott kümmert sich nicht um uns. Wenn es ihn gibt, dann ist es so, als gäbe es ihn nicht. Eine Schlussfolgerung…: ‚Ich bin ein Atheist von Gottes Gnaden.‘

Eine Formel, die nur scheinbar einen Widerspruch enthält. Dem Zufall zur Seite steht sein Bruder, das Geheimnis. Der Atheismus, jedenfalls der meine, bringt einem zwangsläufig dahin, das Unerklärbare zu akzeptieren. Das ganze Universum ist Geheimnis. Da die Annahme einer organisierenden Gottheit…für mich nicht in Frage kommt, muß ich wohl in einer gewissen Finsternis leben…Die Wissenschaft interessiert mich nicht…Sie ignoriert den Traum, den Zufall, das Lachen, das Gefühl und den Wiederspruch, all die Dinge, die mir teuer sind…Irgendwo zwischen Zufall und Geheimnis schleicht die Imagination sich ein, die völlige Freiheit des Menschen. Diese Freiheit hat man…herabzumindern, auszulöschen versucht. Das Christentum hat zu diesem Zweck die Gedankensünde erfunden…

Psychiater und Analytiker aller Richtungen haben viel über meine Filme geschrieben. Ich danke ihnen, aber ich lese ihre Werke nicht. Es interessiert mich nicht…Ein paar Analytiker haben mich…für unanalysierbar erklärt, als gehöre ich einer anderen Kultur, einer anderen Zeit an…Ich ziehe mich langsam zurück. Letztes Jahr habe ich herausgerechnet, daß ich in sechs Tagen…nur drei Stunden in der Unterhaltung mit Freunden verbracht habe. Die übrige Zeit: Einsamkeit, Träumereien, ein Glas Wasser oder ein Kaffee, zweimal täglich der Apéritif, eine Erinnerung, die mich überkommt, ein Bild, das mich besucht…und schon ist der Abend da. Sollten die voraufgehenden Seiten konfus und langweilig wirken, bitte ich um Verzeihung. Solche Überlegungen gehören ebenso zu einem Leben wie das scheinbar Belanglose…“

Eine Anmerkung: Luis Buñuel fragte sich: „Wer bin ich für Gott?“ Eine Antwort hätte er am Ende des Bonhoeffer Gedichtes „Wer bin ich“ lesen können: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ Ob diese Antwort Bonhoeffers ihn zu einem Christen aus Gottes Gnaden gemacht hätte?

Zwei weitere Fragen zum Nachdenken und Diskutieren:

  1. Wie würdest Du ergänzen?: „Ich bin ein………..von Gottes Gnaden.
  2. Ist das Leben oder die Welt ein Zufallsprodukt oder Notwendigkeit?

Lesen wir bis zum Rundbrief Juni 2019:
Psalmen 131 - 133; Matthäus-Evangelium Kapitel 14, die Verse 34 – 36         

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe