2019-03 Widerstand als Verantwortung

Posted in Blog

HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief März 2019!

In meinem Rundbrief Feber 2019 ging es um Widerstand. In diesem geht es um den Widerstand Bonhoeffers aus der Sicht von Dietrichs jüngster Schwester Susanne Dreß.

Sie hielt nach dem Zweiten Weltkrieg Vorträge über ihren Bruder, unter anderem auch einen über die Beweggründe zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus ihrer Brüder Dietrich und Klaus.

„Widerstand aus Verantwortung. Ein Vortrag von Susanne Dreß im Gedenken an ihre Brüder Klaus und Dietrich aus dem Jahre 1966“, in: Jutta Kaslowski (Hg.): Aus dem Leben der Familie. Die Aufzeichnungen von Dietrich Bonhoeffers jüngster Schwester Susanne Dreß,

Gütersloh 2018, S. 633 – 637. Siehe zu diesem Buch auch den Rundbrief Dezember 2018!

Diesen Vortrag zitiere ich im Folgenden in Auszügen:

„…Wie kam es zum Widerstand gegen Hitler? Wie kam es, dass Männer und Frauen Freiheit und Leben gegen den Terror und die Versklavung des Menschen auf Spiel setzten? Dem Wahnsinnigen das Steuer zu entreißen, das sahen sie klar als ihre Aufgabe. Es ist ihnen nicht gelungen. Sie haben nicht Geschichte gemacht, sie sind von der Geschichte fortgerissen worden. Doch dass wir ihrer heute noch gedenken, ist ein Zeichen dafür, dass die Werte, die sie vertraten, nicht mit ihnen gestorben sind…Wenige Männer des Widerstands sahen den Erfolg ihres Lebenseinsatzes, aber sie verloren nicht die Hoffnung, dass die Zukunft ihnen gehöre, wenn sie selbst nicht aufgaben…Sie standen in verschiedenen Aufgabenkreisen, sie hatten verschiedene Weltanschauungen, sie kamen aus verschiedenen Traditionen, sie hatten verschiedene Lebensgewohnheiten. Aber all das wurde überbrückt durch das gemeinsame Wissen um die Gefahr…Sie kamen als unbedingte Gegner Hitlers zusammen…Sie kamen aus den Gewerkschaften…Sie kamen aus der Landwirtschaft…Sie kamen aus der Wissenschaft…Sie kamen aus der Beamtenschaft…Sie kamen auch aus der Wehrmacht…Sie kamen vor allem aus bewusst christlichen Kreisen…Es waren Männer, die ihr gutes Einkommen hatten, die sichere und oft wesentliche Stellungen bekleideten…Wie oft bin ich gefragt worden: ‚Warum hat sich gerade Ihre Familie so exponiert?‘…Und ich musste antworten: ‚Weil sie so beschaffen und erzogen waren, dass es ihnen nicht lohnte, mit einem gebrochenen Gewissen, mit einem gebeugten Rückgrat zu leben. Weil sie sich vor Frau und Kindern geschämt hätten, tatenlos zusehen zu wollen.‘ Sie waren bereit zu dulden, was ihnen an Leid bestimmt war in ihrem Kampf. Aber sie waren nicht bereit hinzunehmen, was anderen an Unrecht geschah – denen, die zu schwach waren, sich zu wehren…Konnten sie als bewusste Christen es wagen, ihr Gewissen mit der Vorbereitung zum Mord zu belasten?...Viele dachten so. Aber es ging den Männern und Frauen des Widerstands nicht so sehr darum, ein unbeflecktes Gewissen…zu bewahren. Es ging ihnen darum, den Wahnsinnigen vom Steuer zu reißen…Die Widerstandskämpfer… mussten nicht nur ihr Leben, sie mussten auch ihren Verstand einsetzen. Sie waren bereit, nicht nur Gefängnis auf sich zu nehmen, sondern ihr Gewissen zu belasten mit Tarnung, Verstellung, Lüge und Gewalt…Wollte man ein totalitäres Machtsystem stürzen, dann reichte es nicht aus, nur passiven Widerstand zu leisten. Dann musste man sich entschließen, Gewalt anzuwenden…Natürlich waren die Aufgaben verteilt. Wer keine Waffen hatte, konnte nicht schießen. Mein Bruder Dietrich…arbeitete als Kurier im Amt Canaris, der Spionageabwehrabteilung, wo sich das Zentrum des geheimen Widerstandes befand. Er wurde in geheimen Friedensverhandlungen mit England eingesetzt, da er in das neutrale Ausland einreisen konnte…Mein Bruder Klaus war Jurist und Syndikus bei der Lufthansa und hatte dadurch internationale Verbindungen. Hans von Dohnanyi wurde der ‚Kopf des Unternehmens‘ im Amt Canaris genannt. Er hielt Kontakt zu den Waffenträgern…Und doch blieb der Erfolg aus – das Attentat am 20. Juli 1944 misslang…Dennoch gedenken wir immer noch dieser Widerstandskämpfer. Vielleicht sollten wir nicht so viel nach dem Erfolg fragen…Aber Früchte bleiben. Waren die Erhängten und Erschossenen nicht vielleicht der Samen, aus dessen Ersterben neues, echtes, wertvolles Leben gewachsen ist? Ein fruchtbares Sterben ist es dann gewesen, wenn die junge Generation begreift, was damals geschah, wenn sie heute für sich dieselben Rechte fordert wie die Männer des Widerstands; das Recht der freien Verantwortung für den anderen, das Recht, Verstand und Herz freizuhalten von den Massenparolen; das Recht, sein Leben einzusetzen für das als richtig Erkannte.

Ein missglückter Militärputsch ging die heutige Jugend wohl kaum etwas an. Aber das Gedenken an die Tragödie des Widerstands…sollte Kräfte freimachen zum echten, menschenwürdigen, verantwortlichen Leben für andere.“    

  

Fragen zum Nachdenken und Diskutieren:

  1. War Verantwortung ein Charakteristikum der Erziehung meiner Eltern?
  2. Ist Verantwortung ein Charakteristikum der Erziehung meiner Kinder und Enkelkinder?
  3. Welche Elemente sollte eine Veranstaltung über Bonhoeffer für die heutige Jugend haben?

Lesen wir bis zum nächsten Rundbrief im April 2019:

Psalmen 125 – 127;

Matthäus-Evangelium Kapitel 14, die Verse 13 – 21        

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe