Rundbrief 2018-12 Weihnachten im Hause Bonhoeffers

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Dezember 2018!

Dietrich Bonhoeffer hatte vier Schwestern – Ursula (1902 – 1983), Christine (1903 – 1965), Sabine (1906 – 1999) und Susanne (1909 – 1991).

Im Oktober 2018 erschien das Buch „Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer“. In diesem stehen wertvolle Lebenserinnerungen von Susanne Dreß, der jüngsten Schwester Dietrich Bonhoeffers, über das familiäre, gesellschaftliche, kulturelle, religiöse und politische Leben der Familie Bonhoeffer.

Susanne Dreß wurde am 22. August 1909 in Breslau geboren und verstarb am 15. Jänner 1991 in Berlin, wo sie nahezu ihr ganzes Leben verbrachte. Sie war mit dem ev. Pfarrer Walter Dreß verheiratet, der in Berlin-Dahlem tätig war. Ihre Lebenserfüllung waren wohl ihre umfangreichen Tätigkeiten als Pfarrfrau. Sie gründete nach dem zweiten Weltkrieg das Dahlemer Hilfswerk, das hilfebedürftige Menschen mit Kleidung und Lebensmittel versorgte. Außerdem hielt sie Vorträge über ihren berühmten Bruder Dietrich.

Anschaulich erzählt sie ihre Erinnerungen über die Weihnachtszeit in ihrer Familie (S. 157 – 192), die ich in Auszügen zusammengestellt habe:

„…Einmal habe ich es gesehen, das Christkind. Vom Bett aus...Es war sehr hell und schnell. Das war am Tag vor Heiligabend…Die Zwillinge (gemeint sind Dietrich und Sabine) haben es nicht gesehen…Es wirkte erschreckend und bedrückend auf mich, dass der Glaube an einen persönlichen Eingriff göttlicher Mächte zur Gestaltung unserer Weihnachtsbescherung und unseres Familienlebens anlässlich eines kleinen Streits der Geschwister zur Illusion wurde…Da empfand ich zum ersten Mal, dass Wissen traurig machen kann…Mit Engeln hatte ich keine so engen Beziehungen…Gott und der Herr Jesus waren mir viel näher als diesen braven Boten. Nur den Erzengel Michael mochte ich…Die Weihnachtsbäckerei duftet…Es ist in jedem Jahr derselbe Teig, aus dem gebacken wird…Eigentlich beginnt Mitte Oktober die Weihnachtszeit damit, dass eines Tages nach dem Abendessen die Mädchen Mandeln, Zitronat und Pomeranzenschalen servieren…Mitte Oktober wurde es auch höchste Zeit für die Weihnachtsbesorgungen…Die Zahl war Legion, die meine Mutter zu beschenken wünschte. Außer den rund zwanzig Gabentischen bei uns im Haus schloss sie noch einen weiten Verwandten- und Freundeskreis ein…Noch vor dem ersten Advent waren alle Pakete fertig gepackt…Dietrich und ich zogen den mit Paketen überladenen Leiterwagen auf die Post…Dietrich war nun einmal als Paketbote vorgesehen, und mich nahm er zum Trost mit…Adventskalender aller Art…waren meine uneingestandene Sehnsucht…Ich hocke vor meinem Spielschrank und reiße mir vom Herzen, was sich reißen lässt…Etwas zum Bauen und Basteln..., Spieltiere, Bücher. Das ist für die Charité-Kinder aus der Nervenklinik…Manches Jahr, kurz vor der Weihnachtszeit, nimmt mein Vater mich mit in die Kinderabteilung…Einmal im Jahr soll man…sehen, was es in der Welt an Leid gibt…Krippenspiele waren damals noch eine Seltenheit..., besonders eines ist mir erinnerlich…Viele alte Hirtenlieder mit Blockflöte wurden dabei verwendet…Dietrichs Stimme ist mir noch im Ohr, als er sang ‚Ach um Gottes Lieb wir bitten, öffnet uns doch eure Hütten‘…Immer sollte ich Hirte sein…Dietrichs Winterhosen mit Wickelgamaschen an… - so war ich Hirte und dabei fromm…Und ich setzte mich hin und schrieb ein eigenes Krippenspiel…Die Vision der Maria endete mit den Worten: ‚Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen‘…Bis dahin gefiel es Dietrich…, aber den angehängten Schluss strich ich dann auf sein Zureden hin…Wesentlicher als das Wünschen war das Schenken zum Fest…Alles wurde selbst gemacht. Gekauft galt nicht…Mit Geschenken ging es unter uns sehr geheimnisvoll zu…Darum musste das Weihnachtszimmer auch schon sehr früh verschlossen werden…Es war natürlich weitaus das Billigste, zu Weihnachten ein Gedicht zu machen…An den Adventsonntagen herrschte bei uns eine feste Tradition…: Man blieb beisammen; keiner ging weg…Es wird gemalt, genäht, gepappt und sogar gesägt…Erst einmal wird gearbeitet und gesungen…Zur Vorweihnachtszeit gehörten auch die Nervositäten. Sie übertrugen sich von den gehetzten und überanstrengten Erwachsenen auf die Kinder…Ich habe in der Adventszeit mehr geweint als sonst…Die Leckereien für die bunten Teller wurden im Haus zubereitet…Die andere lukullische heilige Handlung war die Zubereitung einer Gänseleberpastete…Doch als Dietrich als junger Student irgendwie erfuhr, dass das Gänsestopfen…eine üble Tierquälerei wäre, machte er einen Aufstand gegen diesen Genuss…Unser Weihnachtsbaum kam immer aus Friedrichsbrunn (ein Ort im Harz, wo die Bonhoeffers ein Ferienhaus hatten)…Von der Konfirmation an hatte man das Recht, mitschmücken zu dürfen…Erst Äpfel, dann Kerzen, dann Tannenzapfen, dann Nüsse…, die bunten Kugeln, die Trompeten, die kleinen Wachsengel, der Schneemann aus Watte…Die Krippe war der Mittelpunkt des Weihnachtszimmers und wurde von allen bewundert…Der Heilige Abend begann am Mittag…mit der Kartoffelsuppe mit Würstchen, die…im Arbeitszimmer meines Vaters genossen wurde…‘Und es begab sich…‘ – meine Mutter liest die Weihnachtsgeschichte…Wir Kinder verteilen unsere Geschenke unter-einander…Dann ist das Festessen bereit…Ich weiß nur von Köstlichkeiten, abschließend mit dem großen bunten Teller -…Marzipan, Konfekt, Nüssen und Datteln…Nach Tisch wird dann musiziert…Der Duft des Weihnachtszimmers am ersten Feiertag morgens…, gehört zu den stärksten Genüssen meines Daseins…Das Mittagessen wurde festlich im Kreis der Familie eingenommen, ohne Gäste…Am 27. Dezember kam meine Mutter nie zum Frühstück herunter. Da hatte sie ihren ‚dritten Feiertags-Magen‘…Es war wohl eher die ganze Anstrengung der Vorbereitungen und der Festtage, die zu einem Erschöpfungszustand führte…Wenn mein Vater am 30. Dezember durch die Zimmer seiner Kinder ging und fragte: ‚Habt ihr etwas für Mama? Ich will den Geburtstagstisch für sie aufbauen!‘, dann wirkte er gar nicht mehr patriarchalisch auf mich, sondern eher ängstlich und rührend…Christrosen und Marzipan gehörten auf den Tisch und von uns Gesägtes, Genähtes und Gebackenes…Am Tag darauf, in der Silvesternacht, fand die Festzeit im Kreise der Familie und in der nächsten Freund- und Verwandtschaft dann ihren Abschluss. Kirchgang war uns hier (wie auch am Heiligen Abend) fremd…Meine Mutter las den 90. Psalm: ‚Herr Gott, du bist unsre Zuflucht für und für!‘…Ein Vers nach dem anderen wurde anschließend das lange Silvesterlied von Paul Gerhardt gesungen (gemeint ist das Lied EG 58: „Nun lasst uns gehen und treten“)…Wenn die Glocken läuteten, wünschte man sich am offenen Fenster ein gutes Jahr und die – in unserer Familie sonst nicht üblichen – Küsse wurden getauscht…Zu Neujahr waren wir dann mit Recht der Festlichkeiten überdrüssig…Jedenfalls nahm am Neujahrstag die Familie voneinander Abstand; jeder ging seine eigenen Wege…“

 

Fragen:

  1. Welche Erinnerungen von Susanne waren für Euch ansprechend bzw. fremd?
  2. Welche Erinnerungen habt Ihr an Advent, Weihnachten, Silvester und Neujahr in Euren Familien?

 

Lesen wir bis zum Rundbrief Jänner 2018:
Psalmen 116 – 118; Matthäus-Evangelium Kapitel 13, die Verse 44 – 52

 

Ich wünsche Euch eine gesegnete, besinnliche Advents- und Weihnachtszeit und einen guten Start in das neue Jahr 2019. In dem oben genannten Lied von Paul Gerhardt heißt es in der Strophe 11: „Sprich deinen milden Segen zu allen unsern Wegen.“ Gott möge auch seinen milden Segen zu allen Wegen unseres Vereins sprechen!

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe