Letzte Minuten – ein Gedankenspiel über den Tod Bonhoeffers

Letzte Minuten

ein Gedankenspiel von G. John, Vereinsmitglied

Dietrich Bonhoeffer hatte nach einer anstrengenden Fahrt zum Konzentrationslager Flossenbürg ein wenig geschlafen. Bis zum Tag zuvor hatten sie in Schönberg - 200 Kilometer entfernt - ein paar Tage Rast gemacht. Hier nahm er, ohne es zu wissen, sein letztes Mahl, Kartoffelsalat, ein. Am Morgen hielt Bonhoeffer dort noch eine Morgenandacht, bevor er vom Wachpersonal herausgeholt und in den Bus gesetzt wurde.

Bonhoeffer ahnte, dass dies seine letzte Station sein könnte. Die Bombenangriffe und der Geschützlärm waren in den letzten Tagen immer stärker geworden – der Untergang Nazi-Deutschlands und damit das Ende des Krieges schienen absehbar. Vielleicht kam ein wenig Hoffnung auf das baldige Ende auf – doch sein Ende sollte anders kommen als vielleicht erhofft.

Draußen auf dem Gang waren harte Schritte von Stiefeln zu hören, die vor seiner Zelle verstummten. Widersinnig klopfte es an seine Zellentür, bevor diese geöffnet wurde.
Die Nacht hatte sich gerade zum Tag gewandelt. Leicht verschlafen wurde es ihm plötzlich zur Gewissheit: Man holte ihn – nicht zu einem weiteren Transport, sondern zu seinem Ende. Obwohl in seinem Herzen bis zuletzt die Hoffnung auf ein weiteres, friedliches Leben gebrannt hatte, sah er sich plötzlich einer grausamen Enttäuschung ausgesetzt.

Kein Laut kam über seine erstarrten Lippen. Er stand aufrecht, gestrafft inmitten seiner Zelle.
Eine kärgliche und armselige letzte Heimstatt.
Einer der Wächter trat ein. Die anderen standen auf dem Korridor und riegelten jeden Fluchtweg ab. Das war nicht nur reine Routine, denn die meisten Todeskandidaten wehrten sich gegen das Unvermeidliche und mussten mit Gewalt zur Hinrichtung geführt werden.

„Bonhoeffer, es ist soweit.“

Wenn auch in seinem Inneren der Sturm der Verzweiflung tobte, so überkam ihn eine plötzliche Ruhe, ja Gelassenheit.
Die Verzweiflung verwandelte sich in einen unbegreiflichen Heldenmut.
Dieser Kontrast ist nur scheinbar, denn jeder echte Heldenmut erwächst nicht aus der Abwesenheit von Furcht, sondern aus der Überwindung der eigenen Ohnmacht im Angesicht des Unvermeidlichen.

Er blickte dem Wärter direkt in die Augen. Kein Hass lag in seinem Blick, nur eine tiefe, fast schmerzhafte Klarheit.
Die Worte des Mannes hallten in der engen Zelle nach, doch sie verloren ihren Schrecken.
„Es ist soweit.“
Ein simpler Satz für das Ende eines Lebens.

Bonhoeffer nickte langsam. Seine Hände, die eben noch leicht gezittert hatten, lagen nun ruhig an seiner Seite.
Er dachte an seine Familie, an Maria, seine Verlobte, und an die Zeilen, die er vor nicht allzu langer Zeit geschrieben hatte:
„„Von guten Mächten wunderbar geborgen...“
Es war kein bloßes Gedicht mehr. Es war das Fundament, das ihn genau in diesem Bruchteil der Ewigkeit trug.

Er wandte sich noch einmal um zu Payne Best, seinem Mitgefangenen, der das Entsetzen in den Augen stehen hatte. Inmitten des grauen Raums reichte er ihm die Hand. Bonhoeffers Stimme war fest, als er ihm die Worte mitgab, die bleiben sollten:
„Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“

Dann trat er einen Schritt vor, vorbei an dem Wärter, der unwillkürlich zurückwich.
Auf dem kalten Korridor warteten die anderen Männer. Ihre Gesichter waren hinter Masken aus Pflichtbewusstsein und Gleichgültigkeit verborgen. Sie waren bereit für Widerstand, für Tränen oder Flehen. Doch Bonhoeffer gab ihnen nichts davon.

Während er den langen düsteren Gang hinab zum Hof geführt wurde, wich das Gefühl der kargen Zelle einer unendlichen Weite in seinem Geist.
Draußen kündigte das erste Morgenlicht den neuen Tag an.
Für die Welt da draußen ging der Krieg seinem Ende entgegen.
Für ihn öffnete sich nun eine andere Tür.
Mit festem Schritt ging er seinem Schicksal entgegen – ungebrochen, getragen von einem tiefen, inneren Frieden, den ihm keine Waffe der Welt mehr nehmen konnte...