Gedicht „Wo stehe ich?“ - über Dietrich Bonhoeffer und die Gegenwart
"Wo stehe ich?"
von G. John, Vereinsmitglied
Er schrieb im Schatten der üblen Macht,
von Gnade, die nicht billig das Leben verschleiert,
von Verantwortung, die den Menschen erneuert,
und hielt am Gewissen fest in finsterer Nacht.
Er sah die Kirche im bequemen Sein,
wenn Worte sich beugen im Streit,
wenn Wahrheit verstummt mit der Zeit,
und Glaube sich verliert im frommen Schein.
Er wusste: das Gute entsteht nicht allein,
im Reden von Gott in geschütztem Raum,
sondern dort, wo der Mensch in gebroch`nem Traum
die Last des Anderen trägt in seinem Sein.
Er ging den Weg, der ins Offene zwingt,
wo Denken gefährlich wird - und konkret,
wo Nachfolge nicht nur im Innern besteht,
sondern Handlung, die in die Geschichte dringt.
Wir sehen die Welt in beschleunigter Zeit,
in Kriegen, die Grenzen und Leben verschieben,
in Stimmen, die sich in Algorithmen schreiben,
im Streit um Wahrheit und Deutung und Leid.
Wir leben verbunden - und dennoch allein,
in Netzen, die Nähe und Distanz neu entwerfen,
in Märkten, die Wünsche und Angst neu schärfen,
im Ringen um Sinn im globalen Sein.
Und mitten im Lärm unsrer brüchigen Zeit,
im Schatten von Macht, von Angst und von Leid,
steht Bonhoeffers Frage noch immer bereit:
Nicht „Wer bin -“ sondern „Wo stehe ich?“
