„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ - Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer, Bischof i.R. Dr. Michael Bünker

Michael Bünker hielt am 20. Jänner 2026 einen Vortrag in der Reihe „im Blick“ in der Pfarre St. Hemma in Wien.
Mit seiner freundlichen Genehmigung veröffentlichen wir hier den Text zu seinem Vortrag.

Begrüßung und Einleitung

Ich beginne mit einem Blick auf die Westminster Abbey in London, gebe dann einen kurzen Überblick über das Leben von Dietrich Bonhoeffer und gehe im Weiteren auf einige inhaltliche Themen seiner Theologie ein, um am Ende mit der Frage, ob Dietrich Bonhoeffer ein evangelischer Heiliger ist, wieder zur Westminster Abbey zurückzukehren.

Über dem Westportal der Westminster Abbey stehen seit 1998 zehn Märtyrer und Märtyrerinnen des 20. Jahrhunderts. Es sind dies (von links nach rechts):  Maximilian Kolbe, Manche Masemola, Janani Luwum, Großfürstin Elisabeth von Russland, Martin Luther King, Oscar Romero, Dietrich Bonhoeffer, Esther John, Lucian Tapiedi und Wang Zhiming.

Diese Glaubenszeugen und -zeuginnen stammen aus allen Teilen der Erde und kommen zudem aus ganz verschiedenen Kirchen. Manche sind anglikanisch, andere – wie Maximilian Kolbe und Oscar Romero – römisch-katholisch, Martin Luther King war Pastor der Baptisten, dazu Christ:innen aus der Orthodoxie und eben Dietrich Bonhoeffer, ein lutherischer Christ aus Deutschland.

Die anglikanische Church of England wollte damit nicht nur darauf hinweisen, dass gerade das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert des Martyriums für zahlreiche Christinnen und Christen war, sondern auch, dass die verschiedenen Kirchen miteinander durch diese mit dem Leben bezahlten Glaubenszeugnisse in einer besonderen Ökumene verbunden sind. Kardinal Koch und Papst Franziskus habe das die "Ökumene der Märtyrer" oder "Ökumene des Blutes" genannt.

Dietrich Bonhoeffer ist mit der aufgeschlagenen Bibel dargestellt. Das ist vielsagend. Denn Bonhoeffers Widerstand gegen den Nationalsozialismus, seine tiefe Frömmigkeit und theologische Weitsicht sind biblisch begründet. Sein gesamtes Leben und Wirken hat sich auch ganz zentral aus seiner Auslegung der Bibel ergeben.

Die theologische Frage, die ihn ständig bewegte, lautete: Wer ist Jesus Christus für uns heute? Auch für uns, 120 Jahre nach seiner Geburt, ist die Auseinandersetzung mit seiner Theologie lohnend und herausfordernd, wie ich hoffentlich noch zeigen kann. Zuvor aber ein Blick auf sein Leben:

Das Leben Dietrich Bonhoeffers

Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 in Breslau geboren. Sein Vater Karl Bonhoeffer (1868-1948) war Professor für Neurologie und Psychiatrie, die Mutter, Paula von Hase (1874-1951), stammte aus einer angesehenen Pfarrer- und Professorenfamilie. 1912 übersiedelte die Familie nach Berlin und bezog eine große Villa in Grunewald. Der Vater hatte einen Ruf an die Charite angenommen. Dietrich Bonhoeffer wuchs also in einem wohlhabenden, großbürgerlichen Haus auf. Die Mutter sorgte für die christliche Erziehung, das Tischgebet und Erzählen biblischer geschichten gehörte dazu. Selbstverständlich musizierte man in der Familie gerne und viel, Dietrich lernte Klavierspielen.

Wenn man die achtköpfige Kinderschar sieht, ahnt man noch nichts von den schweren Schlägen, die sie zu erleiden hatten. Zuerst einmal ist Walter achtzehnjährig im Ersten Weltkrieg gefallen. Dietrich und sein Bruder Klaus wurden im April 1945 von den Nazis ermordet, aber auch die Männer ihrer Schwestern Ursula und Christine, das waren die Juristen Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher, die ebenfalls aktiv im Widerstand waren, si9nd ermordet worden. Dietrichs Zwillingsschwester Sabine war mit ihrem jüdischen Mann Gerhard Leibholz 1938 nach England emigriert.

Dietrich besuchte das humanistische Gymnasium und beschloss – sehr zur Überraschung, ja Enttäuschung des Vaters - Theologie zu studieren. 

Er studierte Theologie zunächst in Tübingen. 1924 fuhr er mit seinem Bruder Klaus nach Itaien und verbrachte einige Wochen in Rom. Er war sehr beeindruckt vom kirchlichen Leben dort. In sein Tagebuch schrieb er: „...ich fange… an, den Begiff ‚Kirche‘ zu verstehen.“ Dass es für das persönliche Christsein die sichtbare, erlebbare Gemeinschaft und den Gottesdienst braucht, war für die Familie Bonhoeffer durchaus ungewohnt. Am sonntäglichen Gottesdienst hat man so gut wie nie teilgenommen. Die Romreise wirkte lange nach. 1927 nennt er die römisch-katholische Kirche die „ungleiche Schwester“, für die Evangelische beten, dass sie „Einkehr halte und auf nichts schaue als aufs Wort“.

Es überrascht uns also nicht, dass Bonhoeffer sich für seine Doktorarbeit mit der Kirche beschäftigte. 1927 wurde er mit „Sanctorum communio. Eine dogmatische Untersuchung zur Soziologie der Kirche“ summa cum laude promoviert. 1930 erschien die Arbeit im Druck.  Wie der Mensch ein soziales Wesen ist, ist auch das Christsein nur als soziale Existenz, nur in der Gemeinschaft denkbar. Kirche ereignet sich konkret, wo Menschen miteinander Gottesdienst feiern, füreinander da sind, für andere beten und sich gegenseitig die Vergebung der Sünden zusprechen. Dies alles ist in Jesus Christus begründet. Daher der oft zitierte Satz: Die Kirche ist „Christus, als Gemeinde existierend“.

Bonhoeffer hatte eine steile Karriere vor sich. Er war ein „frühreifer Überflieger“ (Renate Wind), der in vier Jahren mit dem Studium (einschließlich Dissertation!) fertig und nochmals drei Jahre später habilitiert war. Und doch: „Als ich anfing mit der Theologie, habe ich mir etwas anderes darunter vorgestellt – doch vielleicht eine mehr akademische Angelegenheit. Es ist nun etwas ganz anderes draus geworden“, schrieb er 1935. Bonhoeffer war gerade erst 21 Jahre alt und damit nach damaligen Regelungen zu jung, um Pfarrer zu werden. Das ging in Berlin erst ab 25 Jahren. So ging er 1928 als Vikar in die deutschsprachige Gemeinde nach Barcelona. Im Februar 1929 kehrte er nach Berlin zurück, nahm eine Stelle als Universitätsassistent an und begann, an seiner Habilitation zu arbeiten. In dieser Arbeit nahm er Impulse auf, die er vom Theologen Karl Barth und vom Philosophen Martin Heidegger empfangen hatte.

Karl Barth (1886-1968), der von 1930 bis 1935 in Bonn lehrte, hatte mit seinem Kommentar zum Römerbrief (Der Römerbrief, 2. Auflage 1922) einen deutlichen Gegenakzent zur damals vorherrschenden liberalen Theologie gesetzt. Und Martin Heidegger (1889-1976) tat es ihm in der Philosophie gleich. 1927 war sein Aufsehen erregendes Hauptwerk „Sein und Zeit“ erschienen und seine Nähe zum Nationalsozialismus sollte erst später, vor allem nach seinem Beitritt zur NSDAP am 1. Mai 1933 und dann besonders der berühmt-berüchtigten Antrittsrede als Rektor in Freiburg am 27. Mai 1933  erkennbar hervortreten.  

1930 wurde Bonhoeffer habilitiert und hielt am 31. Juli 1930 seine Antrittsvorlesung. Immer noch zu jung, um Pfarrer zu werden! Er war der jüngste Dozent an der Berliner Universität. Also ging er nach New York und studierte am Union Theological Seminary.

Nach seiner Rückkehr wurde er am 15. November 1931 zum Pfarrer ordiniert und begann, als Studentenpfarrer an der Technischen Hochschule neben seiner Dozententätigkeit an der Universität zu arbeiten.

Er  übernahm eine Gruppe von Konfirmanden am Prenzlauer Berg, mit denen niemand sonst fertig wurde. Bonhoeffer mietete zuerst eine Wohnung, die den Jugendlichen immer offenstand. Er lebte mit ihnen, er wollte sie nicht in die Kirche zurücklocken, sondern wollte mit ihnen Kirche sein, wie um praktisch vorwegzunehmen, was er später so sagen wird: „Ich will also darauf hinaus, daß man Gott nicht noch an irgendeiner allerletzten heimlichen Stelle hineinschmuggelt, sondern daß man die Mündigkeit der Welt und des Menschen einfach anerkennt, daß man den Menschen in seiner Weltlichkeit nicht ‚madig macht’, sondern ihn an seiner stärksten Stelle mit Gott konfrontiert, daß man auf alle pfäffischen Kniffe verzichtet…“.

Bonhoeffer hatte in Rom begonnen zu begreifen, was Kirche ist. Ihm war in Barcelona und New York klar geworden, dass Kirche immer international, ökumenisch ist und sich nie aufs Nationale oder auf ein Volk einschränken lassen darf. Jetzt, als junger Pfarrer, entdeckte er die Bibel und das Gebet neu. Es war ihm klar geworden, dass man die Bibel nicht dazu verwenden darf, die eigenen Meinungen und Positionen zu bestätigen. Man muss sich durch sie herausfordern und in Frage stellen lassen. An seinen Schwager Rüdiger Schleicher schrieb er 1936:

“Die Bibel kann man nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muss bereit sein, sie wirklich zu fragen… Das liegt eben daran, daß in der Bibel Gott zu uns redet. Und über Gott kann man eben nicht so einfach von sich aus nachdenken, sondern man muß ihn fragen. … Jeder andere Ort außer der Bibel ist mir zu ungewiß geworden. Ich fürchte dort nur auf einen göttlichen Doppelgänger von mir selbst zu stoßen.” (DBW 14,145.147)

1933, nach der Machtergreifung Hitlers, gründete Martin Niemöller mit Dietrich Bonhoeffer und anderen den “Pfarrernotbund”, aus dem die Bekennende Kirche hervorging.

Bonhoeffer übernahm ab Oktober 1933 den Dienst in der Deutschen Reformierten Gemeinde St. Paul’s im Stadtteil Whitechapel und die Deutsche Evangelische Kirche in Sydenham-Forest Hill in London. In dieser Zeit wurde er zum Freund des Bischofs von Chichester, George Bell. Bonhoeffer engagierte sich für Flüchtlinge aus Deutschland und verfolgte die Entwicklung dort genau. Am 13. November 1933 fand die berüchtigte Sportpalastkundgebung der Deutschen Christen statt, bei der gefordert wurde, alles “Jüdische” aus der Kirche, ja sogar aus der Bibel zu verabschieden (also in erster Linie das Alte Testament mit seinen “Viehtreiber- und Zuhältergeschichten” und die “Sündenbocktheologie des Rabbiners Paulus”) und stattdessen eine völkische Kirche zu gründen.

Dagegen erhob sich weithin in Kirche und Theologie Protest und empörter Widerspruch, vor allem durch die die Bekennende Kirche, die sich im Mai 1934 zur Bekenntnissynode in Barmen traf und dort die berühmte Barmer Theologische Erklärung beschloss. Wichtigster Autor dieser Erklärung war Karl Barth. Bonhoeffer begrüßte das alles von Herzen. Im August 1934 kam es in Fanø in Dänemark zu einer internationalen ökumenischen Tagung, wo Bonhoeffer den Eröffnungsvortrag zum Thema “Kirche und Völkerwelt” hielt.

“Wer ruft zum Frieden, daß die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? … Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, daß die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muß und daß die Völker froh werden, weil die Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt. … Das ökumenische Konzil ist versammelt … Worauf warten wir noch?” (DBW 13, 300f.)

In dieser Zeit hatte Bonhoeffer die Absicht, nach Indien zu reisen, um dort Mahatma Gandhi und dessen gewaltlosen Widerstand kennenzulernen. Aus diesen Absichten wurde aber nichts. Im April 1935 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde Direktor eines Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde bei Stettin. Unterstützt wurde die Arbeit dort von der Gutsfrau Ruth von Kleist-Retzow, die ich erwähne, weil bei ihr Dietrich Bonhoeffer ihre Enkelin kennenlernte. Das war Maria von Wedemeyer, die einige Jahre später noch einmal in Bonhoeffers Leben treten sollte.

In dieser Zeit entstand sein Buch “Nachfolge”, das im Wesentlichen eine Auslegung der Bergpredigt Jesu (Mt 5-9) ist.

In der “Nachfolge” findet sich auch Bonhoeffers bekannte Unterscheidung von billiger und teurer Gnade:

“Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade. Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, … Gnade ohne Preis, ohne Kosten. … Billige Gnade ist die Gnade, die wir mit uns selbst haben. Teure Gnade ist der verborgene Schatz im Acker… Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft … Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat … und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist.” (DBW 4, 30f.)

Bonhoeffer galt in dieser Zeit bereits als “Pazifist und Staatsfeind”. 1936 wurde ihm die Erlaubnis, an der Universität zu lehren, entzogen. Im August 1937 wurden die Predigerseminare verboten.

Die Predigerseminare wurden ab jetzt illegal geführt. Ab 1938 durfte Bonhoeffer nicht mehr nach Berlin. Nur für familiäre Besuche gab es eine Ausnahme.

Am 20. April 1938 mussten alle Pfarrer der Berliner Kirche einen Treueeid auf Hitler ablegen. Bonhoeffer war davon nicht betroffen (er war ja formal nicht Pfarrer der Kirche), protestierte aber dennoch entschieden gegen diesen Eid.

1939 erschien als Frucht des Lebens im Predigerseminar das Buch “Gemeinsames Leben”.

Im März 1939 besuchte Bonhoeffer seine Schwester Sabine in London und fuhr dann nach New York. Er war eingeladen worden, am Union Theological Seminary als Dozent zu arbeiten. Aber er konnte das nicht annehmen. “Ich habe kein Recht, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens in Deutschland nach dem Krieg mitzuwirken, wenn ich nicht die Prüfungen dieser Zeit mit meinem Volk teile.” (Brief an Reinhold Niebuhr, DBW 15, 644).

Bonhoeffer brach  überstürzt auf und kehrte mit einem der letzten Schiffe heim nach Deutschland. Seine amerikanischen Freunde, die sich um seine Einreisemöglichkeit bemüht hatten, konnten diesen Schritt nicht verstehen. 1940 wurden die Vikarseinrichtungen der Bekennenden Kirche von der GESTAPO geschlossen, Bonhoeffer bekam ein reichsweites Redeverbot. Bald nach seiner Rückkehr schloss er sich dem militärischen Widerstand an  und trat im Oktober 1940  als V-Mann in den Dienst der Auslandsabwehr im Oberkommando der Wehrmacht unter Admiral Wilhelm Canaris.

„Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzustehen. Und mir scheint, der Friede und soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus, sei so etwas.“

Zu dieser Widerstandsgruppe kam Bonhoeffer auf Vermittlung seines Schwagers Hans von Dohnanyi. Im Auftrag der Abwehr unternahm er Reisen in die Schweiz, nach Schweden, Norwegen und Italien und traf sich unter anderem mit Bischof George Bell, mit dem er ja seit seiner Zeit in London befreundet war und der Mitglied im britischen Oberhaus war. Dazu diente ein Treffen am 1. Juni 1942 in Sigtuna (Schweden). Bonhoeffer wollte wissen, welche Pläne es von britischer Seite für die Zeit nach dem Krieg gab und ob der deutsche Widerstand einen Einfluss darauf hätte oder ob es nur das Ziel der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands gäbe. Eine Antwort auf diese Frage hätte erhebliche Auswirkungen auf den deutschen Widerstand gehabt.

Innerhalb Deutschlands engegierte er sich bei der Erarbeitung einer denkschrift durch den sogenannten „Freiburger Kreis“, die Vorschläge für eine Neuordnung Deutschlands nach dem Ende der NS-Diktatur enthielt. Ein Ergebnis dieser Arbeit der Freiburger war übrigens die soziale Marktwirtschaft, die in der Bundesrepublik Dseutschland nach 1945 das vorherrschende Wirtschaftsmodell werden sollte.

In dieser Zeit arbeitete Bonhoeffer an der „Ethik“, obwohl ihm seit 1940 ein Rede- und seit 1941 ein Schreibverbot auferlegt war. Von November 1940 bis Februar 1941 zog er sich ins Kloster Ettal zurück. Leider blieb sein Text unfertig. Erst 1949 konnte sein Freund Eberhard Bethge die „Ethik“ veröffentlichen.

Besonders wichtig in Bonhoeffers Ethik ist die Unterscheidung von „Letztem“ und „Vorletztem“ sowie die Kategorie der Verantwortung. Bonhoeffer war überzeugt, dass der Mensch nicht nach allgemeinen Prinzipien gut und richtig handelt, sondern je nach der konkreten Situation.

In einem Text an die Mitverschwörer schreibt er zur Jahreswende 1942/43:

„Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, … seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf. Wo sind diese Verantwortlichen?“ (DBW 8,23)

Es kann Situationen geben, in denen sich alle schuldig machen: Die, die einem Gesetz gehorchen und die, die es nicht tun. Das ließ sich nach Bonhoeffer auch auf die Frage anwenden, ob die Tötung Hitlers ethisch zulässig wäre oder nicht. Bonhoeffer hielt daran fest, dass es keine Ausnahme vom Fünften Gebot geben kann, das Attentat daher ein Gebot übertritt und die Beteiligten schuldig werden lässt. Aber die Übernahme dieser Schuld geschieht aus Verantwortung, vor allem aus Verantwortung für die kommenden Generationen. „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.“ Abgekürzt gesagt: Nach Bonhoeffer ist der Tyrannenmord, also das Attentat auf Hitler, legitim, ja sogar geboten, aber wer immer tötende Gewalt anwendet, lädt damit Schuld auf sich.

Am 8. Juni 1942 traf er Maria von Wedemeyer wieder, die er schon 1934 bei ihrer Großmutter Ruth von Kleist-Retzow kennengelernt hatte. Am 13. Jänner 1943 verlobten sich die beiden. Er war 36, sie 18 Jahre alt. Doch sie wurden bald durch Dietrichs Verhaftung getrennt. Gelegentlich, selten, durfte sie ihn im Gefängnis besuchen. Ihr Briefwechsel ist im Jahr 1992 veröffentlicht worden (Brautbriefe Zelle 92).

Im März 1943 wurde noch der 75. Geburtstag des Vaters im großen Kreis der Familie gefeiert. Doch schon am 5. April 1943 wurde Dietrich Bonhoeffer und sein Schwager Hans von Dohnanyi verhaftet. Der Verdacht richtete sich auf Wehrkraftzersetzung und Landesverrat. Von Bonhoeffers Beteiligung an den Umsturzplänen wusste der untersuchende Oberkriegsgerichtsrat Manfred Roeder nichts. Bonhoeffer blieb zwei Jahre lang im Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Berlin-Tegel. 

Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Dietrichs Bruder Klaus und sein Schwager Rüdiger Schleicher verhaftet. Im September 1944 wurde in Zossen das Geheimarchiv, das Hans von Dohnanyi dort untergebracht hatte, von der GESTAPO gefunden, aus dem Bonhoeffers Verstrickung in das Attentat hervorging. Ab jetzt gab es keine Hoffnung auf Freilassung mehr. Aus der Haft schrieb er zahlreiche Briefe, vor allem an die Familie, an seine Verlobte und seinen Freund Eberhard Bethge, die unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ 1951  veröffentlicht wurden. In der Haft las er viel, entwarf skizzenartig Theologisches und begann zu schreiben – Theaterstücke und Gedichte.

Das wohl berühmteste Dokument aus dieser Zeit ist sein Gedicht „Von guten Mächten“, das er seiner Braut und seiner Familie zum Jahreswechsel Ende 1944 zusandte.

In der Haft las er regelmäßig in der Bibel, dazu aber auch Thomas von Kempen („Von der Nachfolge Christi“), Theodor Fontane und Jeremias Gotthelf. Sein Lieblingsautor wurde aber Adalbert Stifter! Am 4. Juni 1943 schrieb er den Eltern: „Fast täglich lese ich etwas Stifter; das geborgene und verborgene Leben seiner Gestalten – es ist ja so altmodisch nur sympathische Menschen zu schildern – hat in dieser Atmosphäre hier etwas sehr Wohltuendes und lenkt die Gedanken auf die wesentlichen Lebensinhalte.“

Am 8. Oktober 1944 kam er ins Kellergefängnis in der Prinz-Albrecht Straße. Nur noch drei Briefe sollte er schreiben. Am 7. Februar 1945 wurde er gemeinsam mit 19 anderen wegen der Gefahr durch die Bombardierungen ins KZ Buchenwald gebracht und am 3. April von dort nach Schönberg im Bayerischen Wald. Dort hielt er den Mitgefangenen noch eine Osterandacht am 8. April (das war der Weiße Ostersonntag, Quasimodo geniti). In der Zwischenzeit war im KZ Flossenbürg der SS-Richter Otto Thorbeck aus Berlin eingetroffen, der die letzten Kilometer mit einem Fahrrad zurücklegen musste. Noch am 5. April hatte Hitler selbst die Liquidierung von Admiral Canaris und aller, die in die Verschwörung eingebunden waren, befohlen. Bonhoeffer wurde aus Schönberg nach Flossenbürg gebracht und nach einem Standgerichtsverfahren, dessen Urteil schon vor Beginn feststand,  zum Tod verurteilt. Am Morgen des 9. April wurden er und fünf weitere, darunter auch Admiral Canaris, erhängt und ihre Leichen anschließend verbrannt.  Sein Leben ist damit abgebrochen und fragmentarisch geblieben.

Exemplarische theologische Anliegen

 

Von Bonhoeffers fragmentarisch gebliebener theologischer Hinterlassenschaft möchte ich einige Themen herausgreifen, die mir exemplarisch erscheinen – also exemplarisch für ihn und zugleich herausfordernd auch für uns heute.

1) 1930 war Bonhoeffer zum ersten Mal in New York. Er studierte dort am Union Theological Seminary. Von der Wissenschaftlichkeit der dort gelehrten Theologie war er nicht wirklich beeindruckt, wohl aber von dem sozialen Engagement, das das Leben der Kirchen in den USA auszeichnete. Bonhoeffer machte die Bekanntschaft von Frank Fisher, dem Pfarrer der „Abessinian Baptist Church“ in Harlem.

Dort besuchte er die Gottesdienste, war selbst in der Sunday School tätig und hatte ganz selbstverständlichen Umgang mit den Mitgliedern der Gemeinde. Er schrieb: „Ich habe in Negerkirchen das Evangelium predigen hören“. Bonhoeffer fand so eine Kirche, die dem Evangelium verpflichtet ist und die auf der Seite der Ausgestoßenen und Erniedrigten steht. In Deutschland war es nicht die „Negerfrage“ (wie Bonhoeffer noch formulierte), sondern die „Judenfrage“, die die Kirche herausforderte.

Dass er schon sehr früh und schnell die Gefahr des nationalsozialistischen Rassenwahns erkannte und dagegen Stellung bezog, geht auf jene Monate in New York zurück. Beleg dafür sind seine Ausführungen in dem Aufsatz: „Die Kirche vor der Judenfrage“,

den er am 15. April 1933, wenige Tage nach dem Boykott jüdischer Geschäfte und der Einführung des sogenannten „Arierparagraphen“, verfasst hat. Darin finden sich bereits grundlegende Überlegungen, was in dieser Situation die Auzfgabe der Kirche sein kann.

Zuerst hat sie den Staat zu fragen, ob er seinem Auftrag und seiner Verantwortung nachkommt und Recht und Ordnung sichert. Als zweites hat sich die Kirche um die Opfer des staatlichen handelns zu kümmern, ihnen diakonisch zu helfen, und zwar unabhängig davon, ob sie Kirchenmitglieder sind oder nicht. „Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie  nicht der christlichen Gemeinde zugehören“.

„Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Solches Handeln wäre unmittelbar politisches Handeln der Kirche und ist nur dann möglich und gefordert, wenn die Kirche den Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht, d.h. wenn sie den Staat hemmungslos ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht verwirklichen sieht.“ (DBW 12, 353f.) Im Zusammenhang mit dem Einsatz für Jüdinnen und Juden fällt auch das bekannte Zitat Bonhoeffers: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Es wurde darauf hingewiesen, dass Bonhoeffer öfter mit „nur“ versehene Aussagen machte:

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“  Unser Christsein „wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten.“ und noch eins: „Nur der Glaubende ist gehorsam, nur der Gehorsame glaubt.“ Dieses zuspitzende und verschärfende „Nur“ darf aber nicht im Sinne eines exklusiven Abgrenzung verstanden werden. Bonhoeffer betont damit die Ernsthaftigkeit, mit der in der jeweiligen Situation Entscheidungen verlangt sind. Die Formuilerung soll also neue Einsichten hervorrufen und den Boden für ein neues Denken, auch theologisch, bereiten.

Grundlegend auch hier: Bonhoeffers Verantwortungsethik: „Niemand hat die Verantwortung aus der Welt das Reich Gottes zu machen… Die Verantwortung ist dem Umfang wie dem Wesen, also quantitativ und qualitativ, nach begrenzt … Nicht die Welt aus den Angeln zu heben, sondern am gegebenen Ort das sachlich – im Blick auf die Wirklichkeit – Notwendige zu tun und dieses wirklich zu tun, kann die Aufgabe sein.“ (DBW 6,224)

2) Erst sehr spät, genau: ab dem 30. April 1944 beginnt in Bonhoeffers theologischem Denken ein neuer Abschnitt. Zum erstenmal begegnet in einem Brief an Eberhard Bethge die Rede von der „religionslosen Zeit“.

„Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heuten für uns eigentlich ist. Die Zeit, in der man das den Menschen durch Worte – seien es theologische oder fromme Worte – sagen könnte, ist vorüber; ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens, und d.h. die Zeit der Religion überhaupt. Wir gehen einer völlig religionslosen Zeut entgegen, die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein.“ (DBW 8, 402f.)

Bonhoeffer meinte die herkömmliche Religion, die durch eine einfache Transzendenz und Innerlichkeit gekennzeichnet ist. Das Mündigwerden von Mensch und Welt durch die Aufklärung ist ernst zu nehmen. Die Menschen kommen sehr gut ohne Gott zurecht – auch bei ihren letzten, großen Fragen. Gott darf nicht als Arbeitshypothese, als Lückenbüßer fungieren, deshalb muss die Theologie Gottes Unverfügbarkeit festhalten, bis hin zur Formulierung (aus „Akt und Sein“): „Einen Gott, den ‚es gibt’, gibt es nicht“.  Denn:

„Gott gibt uns zu wissen, daß wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt (Markus 15,34)! Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.“

Was hier paradox formuliert ist, erhält den Sinn vom Kreuz, denn „Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz“.

Deshalb braucht es ein neues, ein ganz neues Reden von Gott, denn auch wir sind auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Bonhoeffers Konsequenz ist radikal:

„Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muß neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“

Dieses Verständnis von Religion und mündiger, säkularer Welt bleibt bei Bonhoeffer nur angedeutet und gibt Anlass zu dauernder Diskussion bis heute. Hat er nun ein Ende der Religion verkündet oder doch nicht? Wie auch immer, seine Fragmente bleiben an- und auch aufregend.

Bonhoeffer – ein Heiliger?

Am 27. Juli 1945 fand in der Holy Trinity Church am Kingsway in London ein Gottesdienst zum Gedenken an Dietrich Bonhoeffer statt. Der Gottesdienst, der von der BBC übertragen wurde, konnte auch im zerstörten Deutschland gehört werden. In Berlin saßen Karl und Paula Bonhoeffer, beide schon in hohem Alter, vor dem Radio und mussten so mit letzter Gewissheit erfahren, dass zwei ihrer Söhne, Dietrich und Klaus, noch in den letzten Tagen des Krieges von den Nazis ermordet worden waren. Der neunundzwanzigjährige Dietrich war am 9. April im KZ Flossenbürg erhängt und sein um fünf Jahre älterer Bruder Klaus in der Nacht vom 22. auf den 23. April am Lehrter Bahnhof in Berlin erschossen worden. Im Juli 1945 waren in den englischen Zeitungen die Berichte von der Befreiung des KZ Bergen-Belsen mit den schockierenden Bildern der Leichenberge erschienen. Alle Vorstellungen von den Verbrechen, die durch Deutschland und von Deutschen in den Jahren davor begangen worden waren, wurden auf schreckliche Weise übertroffen. Wie konnte man sich angesichts dieser Gräuel nach 1945 eine Wiederaufnahme Deutschlands in die Gemeinschaft der Völker vorstellen? Der Gedenkgottesdienst für Dietrich Bonhoeffer war daher ein bewusst gesetztes Signal, das der Bischof  George Bell setzte.  Für ihn war Bonhoeffer ein Repräsentant des „anderen“ Deutschland. In seiner Predigt sagte der Bischof: „Als einer aus der Gemeinschaft der Märtyrer repräsentierte er beides: den Widerstand, den die glaubende Seele im Namen Gottes allen Angriffen des Bösen entgegensetzt, und den moralischen und politischen Aufstand des menschlichen Gewissens gegen Unrecht und Gewalt.“

In der Ökumene galt Bonhoeffer also gleich nach seiner Ermordung als Märtyrer. In Deutschland und in Bonhoeffers eigener Kirche war davon noch lange nicht die Rede. Wegen seiner Beteiligung an den Umsturzvorbereitungen, die in der Widerstandsgruppe in der militärischen Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris betrieben wurden, galt er noch lange nach Kriegsende wie alle, die am 20. Juli beteiligt waren, als Landesverräter. Bestätigt wurde diese schandbare Einschätzung der Person Bonhoeffers, die zugleich eine völlige Missachtung des Rechts und der Pflicht des Widerstands in einem Verbrechensregime darstellt, durch ein Urteil des deutschen Bundesgerichtshofes aus dem Jahr 1956, das die Rechtmäßigkeit der Todesurteile vom April 1945 wegen Hoch- und Landesverrats feststellte. Erst im Jahr 2002 fand der Bundesgerichtshofspräsident Günther Hirsch klärende Worte, indem er das Urteil von 1956 als „beschämend“ bezeichnete und die Hinrichtung von Bonhoeffer als „Justizmord“ qualifizierte. Aber auch evangelische Pfarrer sprachen sich etwa dagegen aus, dass Straßen nach Bonhoeffer benannt werden und manche Bischöfe evangelischer Kirchen nahmen bewusst an Gottesdiensten zu seinem Gedenken nicht teil. Infolge der verhängnisvoll tief sitzenden theologischen Rechtfertigung der „Obrigkeit“ im deutschen Protestantismus wurde der politische Widerstand vom Glaubenszeugnis eines Märtyrers streng getrennt.

Kaum ein Theologe des 20. Jahrhunderts wird so häufig für die eigenen Anliegen herangezogen wie Dietrich Bonhoeffer. Er wird von Befreiungstheologen genauso in

Anspruch genommen wie von pietistischen Gruppen und von Kirchenkritikern ebenso

gern zitiert wie von Kirchenleitungen.

Das liegt erstens an der theologischen Bandbreite seines Werks, die sich nur mit einigem intellektuellen Aufwand konsistent denken lässt.

Das liegt zweitens an der Fragmentarität vieler seiner Texte: Nur etwa ein Fünftel hat Bonhoeffer selbst zur Veröffentlichung gebracht, anderes ist unabgeschlossen geblieben und erst posthum ediert worden. Davon sind vor allem die fragmentarischen Andeutungen betroffen, mit denen er seine theologischen Überlegungen aus der Haft beschrieben hat. Das liegt drittens und vielleicht vor allem an seinem facettenreichen, konsequenten Lebensweg und an seinem frühen, gewaltsamen Tod. Damit liegt die Gefahr der vereinseitigenden Instrumentalisierung nahe.

Zum 40. Jahrestag seiner Ermordung im Jahr 1985 kamen sowohl der damalige Verteidigungsminister Manfred Wörner mit hochrangigen Militärs als auch die kirchliche Friedensbewegung zur Gedenkstätte im KZ Flossenbürg. Konservative Militärs unter Wörner zum Nato-Doppelbeschluss haben Bonhoeffer genauso für sich beansprucht wie die mit lila Kirchentagstüchern ausgestatteten Friedensbewegten.

Der US-amerikanische Autor Eric Metaxas hat eine 2010 auf Deutsch erschienene Biographie verfasst, die Bonhoeffer als wiedergeborenen, also evangelikalen Christen schildert, der sich vehement gegen jede Form des Liberalismus gewendet haben soll. Die evangelikalen Fundamentalisten werden von Metaxas mit der Bekennenden Kirche identifiziert. Metaxas wurde ein glühender Trump-Unterstützer. Er schrieb von „Hitlary“ statt Hillary Clinton und setzte im zweiten Wahlkampf Trumps Joe Biden mit Adolf Hitler gleich.

Während der ersten Amtszeit von Donald Trump ließ im April 2019 der US Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, in der Gedenkstätte des KZ Flossenbürg eine Gedenktafel für Dietrich Bonhoeffer anbringen. Vizepräsident Mike Pence begrüßte das ausdrücklich. Bonhoeffer wird zunehmend von der neuen (alten?) „Religiösen Rechten“ vereinnahmt, in Deutschland aber auch von religiösen Kreisen innerhalb der AfD.

Das Buch von Metaxas wurde zur Grundlage des 2024 herausgekommenen Films: Bonhoeffer. Pastor, Spy, Assassin von Todd Komarnicki in den evangelikalen Angel-Studios. 86 Nachkommen Bonhoeffers protestierten in einem offenen Brief. Sie sprachen von einem unüberbietbaren Zynismus und betonten: "Vor dem Hintergrund der weltweiten Zunahme von Intoleranz, Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, von Nationalismus und autoritären Tendenzen ist es uns wichtig, öffentlich klarzustellen: Dietrich Bonhoeffer hat zeit seines Lebens gegen einen Geist der Enge, der Unfreiheit, und der Ausgrenzung gekämpft."

Dietrich Bonhoeffer – so schrieb sein Vater später – hätte gewiss nicht den Wunsch gehabt, dass Straßen nach ihm benannt werden. Er wollte auch kein Heiliger werden. Am 21. Juli 1944 schreibt er aus der Haft, in der er sich seit 5. April 1943 befand, an seinen Freund Eberhard Bethge: „Ich erinnere mich eines Gesprächs, das ich vor 13 Jahren in Amerika mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (- und ich halte es für möglich, dass er es geworden ist -); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen.“ Bei dem jungen französischen Pfarrer handelte es sich um Jean Lasserre (1908-1978), ein reformierter Pfarrer aus der Schweiz, dem Bonhoeffer anlässlich seines ersten Aufenthaltes in den USA begegnet war.

Auf diesem Hintergrund versteht sich auch die Einheit von Bonhoeffers politischem Handeln und seinem Glaubenszeugnis, die bis heute in beeindruckender Weise vorbildlich ist. Beides lässt sich nicht voneinander trennen. Im schon zitierten Brief vom Juli 1944 führt er weiter aus: „Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder… - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube…; und so wird man ein Mensch, ein Christ.“

Ich schließe und kehre zu den Märtyrer:innen an der Westminster Abbey zurück.

Dort steht Dietrich Bonhoeffer, mit der aufgeschlagenen Bibel in der Hand.

Ist er zum Heiligen geworden? Im Artikel 21 des Augsburger Bekenntnisses von 1530 heißt es: „Über die Verehrung der Heiligen wird von den Unseren gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit unser Glaube dadurch gestärkt wird, dass wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und ihnen durch den Glauben geholfen ist. Außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, jeder für seinen Lebensbereich.“ Damit sind im Bekenntnis der evangelischen Kirche selbst gute Gründe genannt, in Dietrich Bonhoeffer einen evangelischen Heiligen zu sehen. Darauf hat etwa Wolfgang Huber, der frühere Ratsvorsitzende der EKD und Mitherausgeber der Werke Bonhoeffers, immer wieder hingewiesen. Das darf aber nicht bedeuten, dass wir uns nicht kritisch mit seiner Theologie auseinandersetzen müssen. Ebenso wie seine im Grund undemokratische konservative Einstellung zu Politik und Gesellschaft und sein sehr traditionelles Frauen- und Familienbild.

Die Bedeutung Dietrich Bonhoeffers weist aber über die Person hinaus: Sie liegt ebenso in den theologischen Impulsen, die er trotz des gewaltsamen und vorzeitigen Endes seines Lebens setzen konnte. Sie sind hohe und bei weitem nicht eingelöste Vorgaben für die Besinnung auf die Aufgaben von Christinnen und Christen heute, für die Ökumene, für das Gespräch des Glaubens mit der säkularen Welt und für die Stellung der Kirche in den Herausforderungen der Zeit. Nach mehr als 80 Jahren seines Todes 1945 und nach 120 Jahren seines Geburtstages 1906 zu gedenken heißt zugleich, das Potential an Verheißung und Zukunft zu entdecken, das mit seinem Leben und Wirken gegeben ist.

Dass das alles – Theologie und Leben – nur ein Fragment ist, hat er selbst üpbrigens sehr offen gesehen. Aber – so meinte er – wenn wir an Fragmente wie Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ denken, müssen wir nicht klagen, dass auch unser Leben nur ein Fragment ist. Und wenn wir weiter daran denken – so Bonhoeffer weiter -, dass die „Kunst der Fuge“ mit dem Choral: „Vor deinen Thron tret ich hiemit“ endet, dann können wir über unser fragmentarisches Leben sogar froh werden.

Ich schließe mit einem Text, den er in der Haft geschrieben hat:

„Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.


Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.


In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.


Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“[1]

Abkürzungen:

DBW = Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe (16 Bände und 3 Ergänzungsbände), Christian Kaiser Verlag (München)

EKD = Evangelische Kirche in Deutschland

Verwendete Literatur:

Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse, Christian Kaiser Verlag München 1967 (19784).

Ferdinand Schlingensiepen, Dietrich Bonhoeffer4 1906-1945. Eine Biographie,  C.H.Beck Verlag München 20062.

Wolfgang Huber, Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit C.H.Beck Verlag München 2019.

Renate Wind, Dem Rad in die Speichen fallen: Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2006.

Christiane Tietz, Dietrich Bonhoeffer. Theologe im Widerstand, C.H.Beck Verlag München 20243.

[1] Aus: Nach zehn Jahren. Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943 (verfasst zu Weihnachten 1942), zitiert nach: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, hg. von Christian Gremmels u.a. (Gütersloh 1998), 30-31.