Lesbos - Es gibt Grenzen; Offener Brief der Diözese Gurk/Klagenfurt und der Evang. Kirche Kärnten/Osttirol

Es gibt Grenzen - Klagenfurt, 18. Dezember 2020

Was sich derzeit in Griechenland vor unseren Augen und mit stillschweigender Duldung der anderen EU-Mitgliedsstaaten abspielt, sind schwere Menschenrechtsverletzungen.

Im neuen, provisorischen Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos leben zurzeit 7.500 Menschen: Frauen, Männer, Kinder, Alte, Kranke. Das Lager wurde nur als Übergangslösung nach dem Brand eingerichtet. Entsprechend ungeeignet sind die Zelte, in denen die Menschen hier leben müssen. Sie können Wind und Wetter in den Wintermonaten nicht ausreichend standhalten. Die Grenze der Unmenschlichkeit ist für Bischof Hermann Glettler erreicht. Deshalb hat er sich nach Moria begeben um von dort eine Botschaft an die österreichische Politik und an seine Bischofskollegen in Europa zu senden. Auch Christoph Riedl, Sozialexperte für Asyl der Diakonie Österreich, war vor Ort und fordert dringend die Evakuierung dieses Lagers. Beide rufen, ja, schreien nach Sofortmaßnahmen. Jetzt muss den Menschen, vor allem den Familien in den undichten Zelten geholfen werden. Als Kirchen wollen wir da nicht mehr wegschauen und Gründe für Hilfsblockaden mittragen. Wir schließen uns diesem Appell an! Ja, helfen vor Ort ist wichtig, wenn es denn funktioniert. Wenn man daran denkt, welche Infrastruktur internationale Hilfsorganisationen bei Erdbeben, Überschwemmungen und anderen humanitären Katastrophen in kurzer Zeit aus dem Boden stampfen können, müssen wir uns ernsthaft fragen: Warum fehlt es hier, drei Monate nach dem Brand, noch immer an allem? Wie kann es sein, dass diese Menschen einfach ihrem Schicksal überlassen werden? Auf welches Österreich werden wir einmal stolz sein können, wenn wir auf diese bewegten Jahre zurückblicken werden? Was erzählen wir unseren Kindern, wenn sie davon hören sollten, dass uns nicht einmal das zum Himmel schreiende Leid von diesen Kindern bewegt hat? Sicher nicht auf eine beschämende Geschichte des Wegsehens und der unterlassenen Hilfestellung für diese geflüchteten Menschen. Die Politik schuldet der Bevölkerung den Beweis der Existenz eines Gewissens, das länger als eine Wahlperiode eine Stimme im Land hat. Wir stehen zu der Forderung Glettlers, Riedls und vieler anderer sofort zu helfen und bekräftigen, dass für viele in unserem Land eine moralische Grenze erreicht, wenn nicht bereits überschritten ist. Außerdem stehen ausreichend Unterkünfte zur Verfügung. Die Evakuierung der Lager auf den griechischen Inseln kann keine Woche, keinen Tag mehr warten.

Im Namen der Mitglieder des Ausschusses „Kirchen für Integration und Menschenrechte“, der Diözese Gurk-Klagenfurt & der Evangelischen Kirche Kärnten/Osttirol