Stationen auf dem Weg zur Freiheit

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Zucht

Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen,
so lerne vor allem Zucht der Sinne und deiner Seele,
daß die Begierden und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.
Keusch seien dein Geist und dein Leib,
gänzlich dir selbst unterworfen, und gehorsam,
das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.
Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit,
es sei denn durch Zucht.

Tat

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.

Leiden

Wunderbare Verwandlung.
Die starken tätigen Hände sind dir gebunden.
Ohnmächtig einsam siehst du das Ende deiner Tat.
Doch atmest du auf und legst das Rechte still und getrost
in stärkere Hände und gibst dich zufrieden.
Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,
dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Tod

Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unseres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,
daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen mißgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und im Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

Quelle: Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 570 – 572