Richtet nicht ...

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„Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1).

Das ist nicht die Ermahnung zu Vorsicht und Milde im Urteil über die Mitmenschen, wie sie auch die Pharisäer kannten, sondern es ist der Stoß ins Herz des um Gut und Böse wissenden Menschen. Es ist das Wort des aus der Einheit mit Gott Sprechenden, der nicht kam, um zu richten, sondern um zu retten (Joh 3,17). Für den Menschen in der Entzweiung besteht das Gute im Urteilen, dessen letzter Maßstab der Mensch selbst ist. Um Gut und Böse wissend ist der Mensch wesentlich Richter. Als Richter ist er gottgleich, mit dem Unterschied, daß jedes Urteil das er richtend fällt, ihn selbst trifft. Indem Jesus den Menschen als Richter angreift, fordert er die Umkehr seines ganzen Wesens, stellt er ihn gerade in der äußersten Realisierung seines Guten als Gottlosen, als Sünder hin.

Jesus fordert die Überwindung des Wissens um Gut und Böse, er fordert die Einheit mit Gott. Das Urteil über den anderen Menschen setzt immer schon die Entzweiung mit ihm voraus, es tritt hindernd vor das Tun. Das Gute, das Jesus meint, aber besteht ganz im Tun, nicht im Urteilen.

Daß schließlich die Selbstentzweiung des über die anderen zu Gericht sitzenden Menschen sich auch in psychologisch greifbaren Formen enthüllt, so zum Beispiel daß der Ernsthafte dabei seine Racheinstinkte gegen den Leichtfertigen, den er insgeheim beneidet, abreagiert, oder daß gerade der Punkt der eigenen Schwäche, wo sie an anderen beobachtet wird, zum besonders harten Aburteilen führt, daß also auf dem Boden heimlicher Verlogenheit, verzweifelnder Empörung und resignierter Laxheit gegen die eigene Schwäche der Richtgeist besonders giftige Blüten treibt – das alles darf nicht zu einer Verkennung des wahren Sachverhaltes führen.

Im Munde Jesu ist das „Richtet nicht“ der Ruf dessen, der die Versöhnung ist, an den entzweiten Menschen, der Ruf zur Versöhnung.

Wie das Gericht Jesu Christi gerade darin bestand, daß er nicht kam, um zu richten, sondern um zu retten – „Das ist das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist (Joh 3,19 vgl. Verse 17. 18) – so werden die mit Gott und Mensch in Christus Versöhnten gerade als Nichtrichtende alles richten und als Nicht um Gut und Böse Wissende alles wissen. Ihr Gericht wird im brüderlichen Zurechthelfen, im Aufrichten, auf den rechten Weg bringen, Ermahnen und Trösten bestehen (Gal 6,1 Mt 18,15ff) und wenn es sein muß auch in der zeitweiligen Aufhebung der Gemeinschaft, doch so daß der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu (1 Kor 5,5), es wird ein Richten der Versöhnung sein und nicht der Entzweiung, ein Richten durch Nichtrichten, ein Richten als Tun der Versöhnung.

Wer Gott in seiner Offenbarung in Jesus Christus weiß, wer den Gekreuzigten und Auferstandenen Gott weiß, der weiß alles, was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist. Er weiß Gott als die Aufhebung aller Entzweiung, alles Urteilens und Richtens, als den Liebenden und Lebendigen. Das Wissen des Pharisäers war tot und unfruchtbar, das Wissen Jesu und der mit ihm Verbundenen ist lebendig und fruchtbringend; das Wissen der Pharisäer ist auflösend, das neue Wissen ist erlösend und versöhnend; das Wissen der Pharisäer ist die Zerstörung alles echten Tuns; das Wissen Jesu und der Seinen besteht nur im Tun.

Quelle: Ethik, DBW 6, S. 316 - 319