Nächtliche Stimmen

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Langgestreckt auf meiner Pritsche
starre ich auf die graue Wand.
Draußen geht ein Sommerabend,
der mich nicht kennt,
singend ins Land.Leise verebben die Fluten des Tages
an ewigem Strand.
Schlafe ein wenig!
Stärk' Leib und Seele, Kopf und Hand!
Draußen stehen Völker, Häuser, Geister und Herzen in Brand.
Bis nach blutroter Nacht
dein Tag anbricht –
halte stand!

Nacht und Stille.
Ich horche.
Nur Schritte und Rufe der Wachen,
eines Liebespaares fernes, verstecktes Lachen.
Hörst du sonst nichts, fauler Schläfer?
Ich höre der eigenen Seele Zittern und Schwanken.
Sonst nichts?
Ich höre, ich höre,
wie Stimmen, wie Rufe,
wie Schreie nach rettenden Planken,
der wachenden, träumenden Leidensgefährten
nächtlich stumme Gedanken.
Ich höre unruhiges Knarren der Betten,
ich höre Ketten.

Ich höre, wie Männer sich schlaflos werfen und dehnen,
die sich nach Freiheit und zornigen Taten sehnen.
Wenn der Schlaf sie heimsucht im Morgengrauen,
murmeln sie träumend von Kindern und Frauen.

Ich höre glückliches Lispeln halbwüchsiger Knaben,
die sich an ihren kindlichen Träumen laben.
Ich höre sie zerren an ihren Decken
und sich vor gräßlichem Albtraum verstecken.

Ich höre Seufzen und schwaches Atmen der Greise,
die sich im Stillen bereiten zur großen Reise.
Sie sah´n Recht und Unrecht kommen und gehn,
nun wollen sie Unvergängliches, Ewiges sehn.

Nacht und Stille.
Nur Schritte und Rufe der Wachen.
Hörst du's im schweigenden Hause
beben, bersten und krachen,
wenn Hunderte die geschürte Glut ihrer Herzen entfachen?
Stumm ist ihr Chor,
weitgeöffnet mein Ohr:
„Wir Alten, wir Jungen,
wir Söhne aller Zungen,
wir Starken, wir Schwachen,
wir Schläfer, wir Wachen,
wir Armen, wir Reichen,
im Unglück Gleichen,
wir Guten, wir Bösen,
was je wir gewesen,
wir Männer vieler Narben,
wir Zeugen derer, die starben,
wir Trotzigen und wir Verzagten,
wir Unschuldigen und wir schwer Verklagten,
von langem Alleinsein tief Geplagten,
Bruder, wir suchen, wir rufen dich!
Bruder, hörst du mich?“

Zwölf kalte, dünne Schläge der Turmuhr
wecken mich.
Kein Klang, keine Wärme in Ihnen
bergen und decken mich.
Bellende böse Hunde um Mitternacht
schrecken mich.
Armseliges Geläute
trennt ein armes Gestern
vom armen Heute.
Ob ein Tag sich zum andern wende,
der nichts Neues, nichts Besseres fände,
als daß er in Kurzem wie dieser ende -
was kann mir´s bedeuten?
Ich will die Wende der Zeiten sehen,
wenn leuchtende Zeichen am Nachthimmel stehen,
neue Glocken über die Völker gehen
und läuten und läuten.
Ich warte auf jene Mitternacht,
in deren schrecklich strahlender Pracht
die Bösen vor Angst vergehen,
die Guten in Freude bestehen.

Bösewicht
tritt ins Licht,
vor Gericht.

Trug und Verrat,
arge Tat,
Sühne naht.

Mensch, o merke,
heilige Stärke
ist richtend am Werke.

Jauchzt und sprecht:
Treue und Recht
einem neuen Geschlecht!

Himmel versöhne
zu Frieden und Schöne
die Erdensöhne.

Erde, gedeih',
Mensch werde frei,
sei frei!

Ich habe mich plötzlich aufgerichtet,
als hätt' ich vom sinkenden Schiffe Festland gesichtet,
als gäbe es etwas zu fassen, zu greifen,
als sähe ich goldene Früchte reifen.
Aber wohin ich auch blicke, greife und fasse,
ist nur der Finsternis undurchdringliche Masse.

Ich versinke in Grübeln.
Ich versenke mich in der Finsternis Grund.
Du Nacht, voll Frevel und Übeln,
tu dich mir kund!
Warum und wie lange zehrst du an unsrer Geduld?
Tiefes und langes Schweigen;
dann hör ich die Nacht zu mir sich neigen:
Ich bin nicht finster, finster ist nur die Schuld!

Die Schuld! Ich höre ein Zittern und Beben,
ein Murmeln, ein Klagen sich erheben,
ich höre Männer im Geiste ergrimmen.
In wildem Gewirr unzähliger Stimmen,
ein stummer Chor
dringt zu Gottes Ohr:

„Von Menschen gehetzt und gejagt,
wehrlos gemacht und verklagt,
unerträglicher Lasten Träger,
sind wir doch die Verkläger.

„Wir verklagen, die uns in Sünde stießen,
die uns mitschuldig werden ließen,
die uns zu Zeugen des Unrechts machten -
um den Mitschuldigen zu verachten.

„Unser Auge mußte Frevel erblicken,
um uns in tiefe Schuld zu verstricken;
dann verschlossen sie uns den Mund,
wir wurden zum stummen Hund.

„Wir lernten es, billig zu lügen,
Dem offnen Unrecht uns fügen.
Geschah dem Wehrlosen Gewalt
so blieb unser Auge kalt.

„Und was uns im Herzen gebrannt,
blieb verschwiegen und ungenannt.
Wir dämpften das hitzige Blut
und zertraten die innere Glut.

„Was Menschen einst heilig gebunden
das wurde zerfetzt und geschunden,
verraten Freundschaft und Treue,
verlacht waren Tränen und Reue.

„Wir Söhne frommer Geschlechter,
einst des Rechts und der Wahrheit Verfechter,
wurden Gottes- und Menschenverächter
unter der Hölle Gelächter.

„Doch wenn uns jetzt Freiheit und Ehre geraubt,
vor Menschen erheben wir stolz unser Haupt.
Und bringt man uns in böses Geschrei,
vor Menschen sprechen wir selbst uns frei!

„Ruhig und fest steh´n wir Mann gegen Mann,
als die Verklagten klagen wir an.

„Nur vor Dir, alles Wesens Ergründer,
vor Dir sind wir Sünder.

„Leidensscheu und arm an Taten
haben wir Dich vor den Menschen verraten.

„Wir sahen die Lüge ihr Haupt erheben
und haben der Wahrheit nicht Ehre gegeben.

„Brüder sahn wir in größter Not
und fürchteten nur den eigenen Tod.

„Wir treten vor Dich als Männer,
als unsrer Sünde Bekenner.

„Herr nach dieser Zeiten Gärung,
schenk uns Zeiten der Bewährung!

„Laß´ nach so viel Irregehn
uns des Tages Anbruch sehn!

„Laß´, soweit die Augen schauen,
Deinem Wort uns Wege bauen.

„Bis Du auslöschst unsre Schuld,
halt uns stille in Geduld.

„Stille wolln wir uns bereiten,
bis Du rufst zu neuen Zeiten,

„bis du stillest Sturm und Flut
und Dein Wille Wunder tut.

„Bruder, bis die Nacht entwich,
bete für mich!“

Erstes Morgenlicht schleicht durch mein Fenster bleich und grau.
Leichter Wind fährt mir über die Stirn sommerlich lau.
„Sommertag!“ sage ich nur, „schöner Sommertag!“ Was er mir bringen mag?
Da hör ich draußen hastig verhaltene Schritte gehn.
In meiner Nähe bleiben sie plötzlich stehn.
Mir wird kalt und heiß,
ich weiß, o ich weiß!
Eine leise Stimme verliest etwas schneidend und kalt.
Fasse dich, Bruder, bald hast du's vollbracht, bald, bald!
Mutig und stolzen Schrittes hör´ ich dich schreiten.
Nicht mehr den Augenblick siehst du, siehst künftige Zeiten.
Ich gehe mit dir, Bruder, an jenen Ort,
und ich höre dein letztes Wort:
„Bruder, wenn mir die Sonne verblich,
lebe du für mich!“

Langgestreckt auf meiner Pritsche
starre ich auf die graue Wand.
Draußen geht ein Sommermorgen,
der noch nicht mein ist,
jauchzend ins Land.
Brüder, bis nach langer Nacht
unser Tag anbricht,
halten wir stand!

Quelle: Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 516 - 523