Vergangenheit

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Du gingst, geliebtes Glück und schwer geliebter Schmerz.
Wie nenn' ich dich? Not, Leben, Seligkeit,
Teil meiner selbst, mein Herz, - Vergangenheit?
Es fiel die Tür ins Schloß,
ich höre deine Schritte langsam sich entfernen und verhallen.
Was bleibt mir? Freude, Qual, Verlangen?
Ich weiß nur dies: du gingst - und alles ist vergangen.

Spürst du, wie ich jetzt nach dir greife,
wie ich mich an dir festkralle,
daß es dir wehtun muß?
Wie ich dir Wunden reiße,
daß dein Blut herausquillt,
nur um deiner Nähe gewiß zu bleiben,
du leibliches, irdisches, volles Leben?
Ahnst du, daß ich jetzt ein schreckliches Verlangen habe nach eigenen Schmerzen?
daß ich mein eigenes Blut zu sehen begehre,
nur damit nicht alles versinke
im Vergangenen?

Leben, was hast du mir angetan?
Warum kamst du? Warum vergingst du?
Vergangenheit, wenn du mich fliehst, -
bleibst du nicht meine Vergangenheit, meine?

Wie die Sonne über dem Meer immer rascher sich senkt,
als zöge es sie in die Finsternis,
so sinkt und sinkt und sinkt
ohne Aufhalten
dein Bild ins Meer des Vergangenen,
und ein paar Wellen begraben es.

Wie der Hauch des warmen Atems
sich in kühler Morgenluft auflöst,
so zerrinnt mir dein Bild,
daß ich dein Angesicht, deine Hände, deine Gestalt
nicht mehr weiß.
Ein Lächeln, ein Blick, ein Gruß erscheint mir,
doch es zerfällt,
löst sich auf,
ist ohne Trost, ohne Nähe,
ist zerstört,
ist nur noch vergangen.

Ich möchte den Duft deines Wesens einatmen,
ihn einsaugen, in ihm bleiben,
wie an einem heißen Sommertag schwere Blüten die Bienen zu Gast laden
und sie berauschen;
wie die Nachtschwärmer vom Liguster trunken werden; -
aber ein rauher Windstoß zerstört Duft und Blüten,
und ich stehe wie ein Narr
vor dem Entschwundenen, Vergangenen.

Mir ist als würden mir mit feurigen Zangen Stücke aus meinem Fleisch gerissen
wenn du, mein vergangenes Leben, davoneilst.
Rasender Trotz und Zorn befällt mich,
wilde, unnütze Fragen schleudre ich ins Leere.
Warum? Warum? Warum? Sage ich immer.
Wenn meine Sinne dich nicht halten können,
vergehendes, vergangenes Leben,
so will ich denken und wieder denken,
bis ich es finde, was ich verlor.
Aber ich spüre,
wie alles, was über mir, neben mir, unter mir ist,
rätselhaft und ungerührt über mich lächelt,
über mein hoffnungslosestes Müh´n,
Wind zu haschen,
Vergangenes zurückzugewinnen.

Auge und Seele wird böse.
Ich hasse, was ich sehe,
ich hasse, was mich bewegt,
ich hasse alles Lebendige und Schöne,
was mir Entgelt des Verlorenen sein will.
Mein Leben will ich, mein eigenes Leben fordr´ ich zurück,
meine Vergangenheit.
Dich.

Dich – eine Träne schießt mir ins Auge,
vielleicht, dass ich unter Schleiern der Tränen
dein ganzes Bild
dich ganz
wiedergewinne?
Aber ich will nicht weinen.
Tränen helfen nur Starken,
Schwache machen sie krank.

Müde erreich ich den Abend,
willkommen ist mir das Lager,
das mir Vergessen verheißt,
wenn mir Besitzen versagt ist.
Nacht, lösche aus, was brennt, schenk mir volles Vergessen,
sei mir wohltätig, Nacht, übe dein mildes Amt,
dir vertrau ich mich an.
Aber die Nacht ist weise und mächtig,
weiser als ich und mächtiger als der Tag.
Was keine irdische Kraft vermag,
woran Gedanken und Sinne, Trotz und Tränen verzagen müssen,
das schüttet die Nacht aus reicher Fülle über mich aus.
Unversehrt von feindseliger Zeit,
rein, frei und ganz,
bringt dich der Traum zu mir,
dich, Vergangenes, dich, mein Leben,
dich, den gestrigen Tag, die gestrige Stunde.
Über deiner Nähe erwache ich mitten in tiefer Nacht
und erschrecke -
bist du mir wieder verloren? Such´ ich dich ewig vergeblich,
dich, meine Vergangenheit?
Ich strecke die Hände aus
und bete - -
und ich erfahre das Neue:
Vergangenes kehrt dir zurück
als deines Lebens lebendigstes Stück
durch Dank und durch Reue.
Faß´ im Vergangenen Gottes Vergebung und Güte,
bete, daß Gott dich heut´ und morgen behüte.

Quelle: Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 468 - 471