Rundbrief 2019-02 Widerstand
HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Feber 2019!
In diesem Rundbrief geht es um Widerstand, einem reformatorischen Impuls für heute, den Anselm Grün und Nikolaus Schneider in ihrem gemeinsamen Buch „Luther gemeinsam betrachten. Reformatorische Impulse für heute“ von 2017 erläutern.
Nikolaus Schneider ist ev. Pfarrer und Theologe. Ich kenne ihn persönlich aus meiner Zeit im Kirchenkreis Moers (Nordrhein Westfalen). Er war mein Dienstvorgesetzter. Er wurde am 3. September 1947 in Duisburg geboren (Duisburg ist auch meine Geburtsstadt). Zunächst war er Pfarrer in Duisburg-Rheinhausen, wo er sich für die Erhaltung von Arbeitsplätzen in der Kohle- und Stahlindustrie einsetzte. Dann war er Diakoniepfarrer und Superintendent des Kirchenkreises Moers. Von 2003 bis 2013 war er Präses (Oberhaupt) der ev. Landeskirche im Rheinland. 2010 bis 2014 war er Ratsvorsitzender der Ev. Kirche in Deutschland und damit ihr höchster Repräsentant. Nikolaus Schneider ist seit 1970 verheiratet und Vater dreier Töchter. Seine jüngste Tochter Meike (habe ich gekannt) starb im Februar 2005 an Leukämie. Über das Leiden und den Tod seiner Tochter schrieb er 2016 zusammen mit seiner Frau Anne das Buch „Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist. Leben und Glauben mit dem Tod eines geliebten Menschen“. 2014 wurde ihm das Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich verliehen, weil er sich für ein gemeinsames Europa und für das Zusammenwirken der ev. Kirchen in Europa eingesetzt hat. Außerdem erhielt er 2015 das Große Bundesverdienstkreuz der BRD mit Stern und Schulterband. Von Nikolaus Schneider habe ich vieles erfahren und gelernt über das Predigen und über die kritische Dimension des christlichen Glaubens gegenüber Gesellschaft, Wirtschaft und Staat.
Anselm Grün wurde am 14. Jänner 1945 in Junkershausen (Bayern) geboren und ist ein deutscher Benediktinerpater. Nach dem Abitur trat er in die Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach ein. Von 1965 bis 1971 studierte er Philosophie und katholische Theologie in St. Ottilien und in Rom. Von 1974 bis 1976 studierte Anselm Grün Betriebswirtschaftslehre in Nürnberg. Sein erstes Buch „Reinheit des Herzens“ erschien 1976. Circa 200 weitere spirituelle Bücher folgten. Von 1977 bis 2013 war er als Cellerar verantwortlich für die wirtschaftliche Leitung der Abtei. 2007 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2011 bekam er den Bayerischen Verdienstorden.
Zum reformatorischen Impuls „Widerstand“ schreiben beide (S. 178 – 182):
Nikolaus Schneider: „Luthers Widerstand gründet in seiner inneren Bindung: ‚Mein Gewissen ist gefangen in der Schrift.‘ Das Element Gewissen war und ist…ein wesentlicher Impuls für widerständiges Reden und Handeln…Das Gewissen ist aber nicht persönliche Willkür, sondern es braucht eine Bindung…Luther nannte die Schrift, aber auch die Vernunft…Eine Gewissensentscheidung sollte also auch vernünftig begründet sein…Und dann kommt diese berühmte Szene, in der er dann sagt…: ‘Wenn ihr ein klares, einfaches Wort haben wollt, dann will ich euch sagen ohne Zähne und Klauen: Mein Gewissen ist gefangen in der Heiligen Schrift. Es gibt keine Gründe der Vernunft, die mir beweisen, dass ich anders reden müsste, deshalb: Hier stehe ich, Gott helfe mir. Amen.‘ [Widerstand heißt]: zum einen die Bindung meines Gewissens an die Heilige Schrift und an die Vernunft und zum anderen meine persönliche Unvertretbarkeit, wenn ich aus meinen Glauben heraus Wiederspruch und Widerstand leisten muss. Und das sind Elemente, die kirchlich und theologisch eine ungeheure Dynamik entfaltet haben…“
Anselm Grün: „Die Kirche unmittelbar nach dem Krieg hat mit Dietrich Bonhoeffer Probleme gehabt. Es dauerte einige Zeit, ehe sein Widerstand als kirchliches Zeugnis und nicht allein als politisches anerkannt wurde. Ich denke, Dietrich Bonhoeffer war beides: in Luthers, aber auch ganz in der kirchlichen Tradition. Ich glaube schon, dass die Theologie der Märtyrer beziehungsweise ihre Spiritualität bei ihm mitschwangen, so wie bei Luther…Jesus sagt selbst: ‚Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert‘…Das bedeutet erst einmal nicht, gegen etwas zu sein, sondern einfach für etwas einzustehen und sich nicht davon abbringen zu lassen. Aber wenn es um das Gewissen geht, dann bedeutet das auch, dazu zu stehen, auch gegen einen Widerstand. Die Mönche sagen, Gewissen, also die Stimme Gottes ist dort, wo mehr Lebendigkeit Freiheit, Freude und Liebe ist…“
Nikolaus Schneider: „Ideologisch begründeter Widerstand kann Enge und Hass im Gepäck haben. Widerstand muss sich auf menschenfreundliche Inhalte gründen und beziehen, sonst verkommt er zu einer billigen Rechthaberei…“
Anselm Grün: „Für mich ist das Beispiel Jesu sehr wichtig. Jesus hat zu seiner Meinung gestanden und sich nicht verbiegen lassen, aber er hat am Kreuz noch für seine Feinde gebetet…Man kann ja zu seiner Meinung stehen, aber wenn man die anderen schlecht macht und sie als Ungläubige…beschimpft, dann geht das in Richtung Fundamentalismus… Es ist ganz wichtig, dass es nicht eine Entwertung der anderen wird, sondern ein Zu-sich-Stehen. Und wer wirklich zu sich steht, der muss andere nicht bekämpfen, sondern steht zu sich und lässt die anderen.“
Nikolaus Schneider: „Fundamentalistisch ist, wenn ich es nicht aushalte, dass noch andere Meinungen außer der meinigen da sind. Bis hin zu dem Punkt, dass ich die Wahrheit der anderen Position nicht nur bestreiten, sondern sie auch aus der Welt schaffen will…Ich erliege fundamentalistischen Tendenzen, wenn ich im irrigen Bewusstsein, Besitzer der absoluten Wahrheit Gottes zu sein, mit meiner kleinen provinziellen Wahrheitserkenntnis die ganze Welt bestimmen will.“
Widerstand gegen das menschenverachtende System des Nationalsozialismus spielt in Bonhoeffers Leben eine wichtige und entscheidende Rolle.
Bonhoeffer begründet seinen Widerstand als Folge der alleinigen Bindung an Gott: „Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf…“ (DBW 8, S. 23).
Bonhoeffer wusste aber auch, dass Widerstand zur Ergebung führen kann. Er schreibt in seinem Brief aus der Haft vom 22. Feber 1944 an Eberhard Bethge: „Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, wo die Grenzen zwischen dem notwendigen Widerstand gegen das Schicksal und der ebenso notwendigen Ergebung liegen…Die Grenzen zwischen Widerstand und Ergebung sind also prinzipiell nicht zu bestimmen; aber es muß beides da sein und beides mit Entschlossenheit ergriffen werden.“ (DBW 8, S. 333 f.).
Widerstand und Ergebung – diese beiden Begriffe reflektieren gut einen wichtigen Teil von Bonhoeffers Leben. Daher heißt das wohl berühmteste Buch Bonhoeffers mit seinen Gefängnisbriefen „Widerstand und Ergebung“. Sein bester Freund Eberhard Bethge hat es herausgegeben.
Fragen zum Nachdenken und Diskutieren:
- Was ist Widerstand für Euch?
- Wie begründet Ihr Widerstand?
- Was bedeutet Widerstand für unseren Verein?
Lesen wir bis zum nächsten Rundbrief im März 2019:
Psalmen 122 – 124; Matthäus-Evangelium Kapitel 14, die Verse 1 – 12
Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe