2018-05 Der evangelische Pfarrer Martin Niemöller

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Mai 2018!

Am 8. Mai 1945, also vor 73 Jahren, endete der zweite Weltkrieg in Europa, der unendlich viel Leid gebracht hat. Ein Zeitgenosse Bonhoeffers hat glücklicherweise und auch wie ein Wunder die Nazi-Zeit überlebt - der ev. Pfarrer Martin Niemöller. Er lebte von 1892 bis 1984, wuchs in einem ev. Pfarrhaus auf, war im ersten Weltkrieg Marineoffizier, war eine führende Persönlichkeit der illegalen Bekennenden Kirche und entschiedener und mutiger Gegner des Nationalsozialismus. Von 1937 – 1945 war er persönlicher Gefangener Hitlers in den Konzentrationslagern Sachsenhausen (bei Berlin) und Dachau (bei München). Nach 1945 engagierte er sich für eine Neuordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland und in der Friedensbewegung.

Ich habe ein interessantes Gespräch mit Niemöller aus dem Jahre 1963 entdeckt, das der deutsche Journalist Günter Gaus (1929 – 2004) geführt hat. Ich habe nur den Teil des Interviews zusammengefasst, der sich mit Niemöllers Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus befasst.

Gaus: „Nach Hitlers Machtantritt wird der Name Berlin-Dahlem und der Name Niemöller sehr schnell zum Begriff für den Kirchenkampf einer bestimmten Gruppe innerhalb der evangelischen Kirchen gegen den nationalsozialistischen Staat. Ich würde gern wissen, wie es gekommen ist, daß es ausgerechnet Martin Niemöller gewesen ist, der sich nicht von dem durchschnittlichen Bild des nationalgesinnten evangelisch-lutherischen Pfarrers unterschied, so schnell in die Opposition hineinfand?“Niemöller: „Ja, im Grunde verdanke ich das meinem Elternhaus. Ich habe in meinem Elternhaus als kleines Kind, lange ehe ich lesen konnte, die Begegnung mit Jesus von Nazareth gehabt, und der spielte in meinem Gebetsleben, so wie es in meinem Vaterhaus geübt wurde, die entscheidende Rolle. Der Nationalsozialismus hatte vorher in seinem Parteiprogramm drinstehen, positives Christentum wäre die Grundlage für seine Weltanschauung und seine Politik stehe auf dem Boden des positiven Christentums. Ich habe dem zunächst getraut, bis ich dann merkte, daß es mit diesem sogenannten positiven Christentum des Parteiprogramms etwas ganz anderes war, als was der normale Christ damals unter positivem Christentum verstand. Daß Jesus kein Jude gewesen sein dürfe. Deshalb ist in das Verpflichtungsformular des Pfarrernotbundes von Anfang an unter die Grundsätze, zu denen sich das Mitglied des Pfarrernotbundes bekennt, der Satz aufgenommen, daß in der Einführung des Arierparagraphen in die christliche Kirche eine Verletzung des Bekenntnisses vorliege. Diese Verletzung des Bekenntnisses habe ich sehr früh gespürt im Jahre 1933 und habe gesagt: An der Stelle gebe ich dem Nationalsozialismus, wenn er bei dieser Haltung verbleibt, nicht den kleinen Finger. Und von daher hat sich diese Geschichte dann entwickelt. Dann war ich ja Adjutant bei dem ersten Reichsbischof Bodelschwingh, der aber niemals eingeführt wurde. Als er zurücktrat – Pfingsten 1933 – und dann die Geschichte ganz in die Hände der nationalsozialistischen Partei kam, da hieß es für mich, wird nun die Kirche unter dieser nationalsozialistischen Führung tatsächlich Jesus von Nazareth wieder nach dem biblischen Zeugnis anerkennen, ihn als ihren Herrn haben und auf ihn als ihren Herrn hören, oder wird das nicht geschehen. Wenn es nicht geschieht und so lange es nicht geschieht, kann ich nicht ja dazu sagen. Das ist also der eigentliche Ansatzpunkt gewesen, von dem aus ich in den Widerstand der späteren Bekennenden Kirche oder des Pfarrernotbundes und der Sammlung der Pfarrer gelangte, die sich zu Jesus als dem Herrn der Kirche zu bekennen gedachten und dabei bleiben wollten und dafür jeden Preis zu zahlen sich entschlossen hatten.“

Gaus: „Am 25. Januar 1934 sind Sie zusammen mit anderen evangelischen Geistlichen in die Reichskanzlei zu Adolf Hitler bestellt worden. Bei dieser Gelegenheit ist es zu einem sehr scharfen Zusammenstoß zwischen Ihnen und Hitler gekommen. Können Sie uns darüber etwas erzählen?“
Niemöller: „Ja, also nicht zum Zusammenstoß zwischen mir und Hitler, sondern zwischen Hitler und mir. Das wäre die richtige Formulierung. Ich persönlich war sehr überrascht, daß ich aufgefordert wurde, denn im übrigen erschienen da bloß Bischöfe und Kirchenpräsidenten und solche Leute. Es ging um die Frage, ob mit Hitlers Zustimmung der Reichsbischof Ludwig Müller, Vertreter der nationalsozialistischen Richtung, wieder zurückgezogen werden würde. Das war alles so vorbereitet, daß die Kirchenführungen hofften, daß diese Einladung in die Reichskanzlei mit dem Ergebnis enden würde, daß der Führer sein Einverständnis erklären würde, wenn man den Reichsbischof wieder abwählte, respektive ihn zurückzöge. Wir sind hineingekommen in die Reichskanzlei, und dann passierte das große Unglück, daß plötzlich der Reichsmarschall Göring auftrat, im Cutaway angezogen, mit einer roten Mappe unterm Arm, sich hinbaute vor den Führer, ehe noch eigentlich die Verhandlung mit den Bischöfen und Kirchenführern angefangen hatte und ihm vorlas: "Der hier anwesende Pfarrer Niemöller hat heute Morgen das Gespräch geführt." Es war das erste Mal, daß ich merkte, daß man ein Telefongespräch abhörte. Ich war morgens angerufen worden von meinem Mitvorsitzenden in der jungreformatorischen Bewegung. Das war der jetzige Professor Künneth in Erlangen. Er fragte mich, ob alles vorbereitet wäre. Und da ich draußen den Wagen vor der Tür hatte, um in die Wilhelmstraße zu fahren – das war immer noch in Dahlem – so habe ich sehr hastig darauf geantwortet und am Ende nahm mir meine Vikarin – sie wollte, daß ich rechtzeitig in der Wilhelmstraße wäre – den Hörer aus der Hand und setzte das Gespräch fort. Es war gerade an der Stelle, wo ich Künneth auseinandersetzte, daß wir den Reichspräsidenten Hindenburg informiert hätten und daß er heute morgen noch dem Reichsbischof irgendetwas sagen würde, um ihm die letzte Ölung zu geben. Das war natürlich nun der Moment, wo Hitler plötzlich lebendig wurde und wach wurde, und damit hatte Göring also das Spiel gegen die evangelische Kirche, gegen die werdende Bekennende Kirche, die nicht für Ludwig Müller und seine deutsch-christlichen Tendenzen zu haben war, gewonnen. Und dann legte der Führer los und redete lange auf mich ein, und ich mußte mich nach vorne drängen – ich stand natürlich in der hintersten Linie als der ganz kleine, gewöhnliche Pastor aus Dahlem-, so daß er seine Kanonade gegen mich richten konnte. Als sie dann schließlich geendet hatte, da wußte ich ungefähr, was ich erwidern würde. Und dann hat es eine ziemlich erhebliche Auseinandersetzung gegeben. Sie endete damit, daß der Führer, nun natürlich voreingenommen, den Bischöfen einfach sagte: Sie haben doch auf der Synode in Wittenberg den Reichsbischof selber gewählt. Ich habe den nicht eingesetzt, und wenn Sie ihn loswerden wollen, müssen Sie ihn selbst loswerden. Aber ich tu dazu nichts mehr.“

Gaus: „Was haben Sie Hitler erwidert?“
Niemöller: „Was habe ich Hitler erwidert? Er hat uns verabschiedet, und ich lauerte. Ich stand nun in der vordersten Reihe als dritter Mensch, und er gab jedem die Hand. Als er den beiden ersten, Wurm und – ich weiß nicht, wer noch neben mir stand – die Hand gegeben hatte, da dachte ich, wird er dir auch noch die Hand geben. Er gab mir die Hand, und ich sagte: Herr Reichskanzler, Sie haben vorhin gesagt, die Sorge ums deutsche Volk, die überlassen Sie mir. Dann sagte ich weiter, auch wir fühlten uns fürs deutsche Volk dafür verantwortlich, daß hier reine Bahn geschaffen würde. Die Verantwortung fürs deutsche Volk, die können wir nicht weggenommen bekommen, die hat Gott uns auferlegt, und kein anderer als Gott kann die von uns wegnehmen, auch Sie nicht. Und als ich das gesagt hatte, da zog er seine Hand aus meiner Hand, die so lange ineinander geruht hatten, ziemlich abrupt los und ging zum Nächsten. Das war die ganze Geschichte, und natürlich waren die Kirchenführer dann hinterher außerordentlich böse drauf, daß diese Störung passiert war, und sie hatten mir riesig leid getan im Grund. Ich war dann ein Ausgestoßener im Kreis der Kirchenführer nach diesem Geschehnis. Bloß mein lieber westfälischer Präses Dr. Koch-Öhnhausen, der hakte mich unter, als wir zurückmarschierten zum Hospiz in der Wilhelmstraße und sagte: Na, Bruder Niemöller, da müssen wir mal eine Instanz höher gehen."Gaus: „Nun hat gerade dieser Freund, der Präses Koch, Sie einmal ein bißchen vorwurfsvoll gefragt, warum Sie denn durchaus richtige Dinge gerade so, nämlich sehr zugespitzt, sehr radikal, formulieren müßten. Und das ist eine Frage, die sich viel später oft bei Äußerungen, die Sie über die Bundesrepublik Deutschland und die Politik der Bundesregierung getan haben, erhoben hat. Bitte, wie beurteilen Sie selbst einen solchen Vorwurf? Wollen Sie manchmal verletzen? Wollen Sie es manchmal?Niemöller: Nein, nein, nicht um jemanden zu verletzen, habe ich mich manchmal in dieser burschikosen Weise ausgedrückt. Der Ausdruck von Präses Koch ist ja sprichwörtlich geworden: Bruder Niemöller, mußten Sie das gerade so sagen. Und dann habe ich wohl geantwortet: Wie hätte ich es sonst sagen sollen, so daß die Leute wirklich aufgemerkt hätten und begriffen hätten, worum es mir zu tun ist. Also mir liegt bei derartigen Ausdrücken daran, daß man so zugespitzt redet, daß die Menschen aufpassen müssen und sich überlegen müssen, was will der Kerl eigentlich. Daran hat mir gelegen, ob ich jemanden dabei verletze, das ist eine zweite Frage. Es geht darum, daß eine Überzeugung so ausgesprochen wird, daß sie gehört und zur Kenntnis genommen wird und einen gewissen Eindruck hinterläßt.“

Gaus: „Herr Kirchenpräsident, der Kirchenkampf gegen den nationalsozialistischen Staat, der ist von Ihnen selbst als eine rein kirchliche Frage der Verkündigungsfreiheit empfunden und definiert worden. Sie und die Mehrheit des Pfarrernotbundes und der späteren Bekennenden Kirche haben es abgelehnt, diesen Kampf politisch werden zu lassen. Warum haben Sie ihn nicht politisch führen wollen?“
Niemöller: Weil ich einfach auf dem Gebiet der Politik überhaupt keine Ahnung hatte oder sehr wenig Ahnung hatte, nicht mehr als ein normaler Zeitungsleser in jener Zeit; weil meine Aufgaben ganz woanders lagen. Aber entscheidend ist für mich im Grunde gewesen, daß tatsächlich das Schwergewicht meiner Einstellung gegen den Nationalsozialismus keinen politischen Akzent hatte, sondern die Frage war, wie wird das Evangelium davor bewahrt, daß es durch die nationalsozialistische sogenannte Weltanschauung zu etwas ganz anderem gemacht wird. Also die Kreuzigung Jesu, die kann in dem Sinne, wie das positive Christentum des Nationalsozialismus über Jesu gepredigt und gelehrt hat, schlechterdings nicht gewürdigt werden als ein Ereignis oder das Ereignis, in dem wirklich der Menschheit Heil angeboten und gebracht wird.“Gaus: „Offensichtlich hatte Ihr Kirchenkampf keinen politischen Akzent, denn als Sie im Sommer 1937 verhaftet und dann Anfang 1938 vor Gericht gestellt wurden, haben Sie in dieser Gerichtsverhandlung sehr deutlich ausgesagt, daß Sie bei aller Wahrung Ihres oppositionellen evangelischen Standpunktes die nationale Grundlage des damaligen Staates sehr wohl bejahten. War das eine taktische Antwort, hatte es taktische Gründe, wollten Sie sich damit nach Möglichkeit den Weg in die Gemeinde zurück offen halten, oder entsprach diese Hinwendung zum Nationalen und dem, was Sie als die nationale Grundlage auch des nationalsozialistischen Staates ansahen, Ihrer damaligen Überzeugung?“

Niemöller: „Die Vorliebe für eine nationale Entwicklung unseres Volkes und Staates, die entsprach meiner vollen Überzeugung von damals, denn man sah ja noch nicht, was sich im Laufe der nächsten zwanzig oder dreißig Jahre vorbereitete. Ich bin auch noch für die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1935 gewesen.“Gaus: „Herr Niemöller, Sie haben in diesem gleichen Prozeß Anfang 1938 unerschrocken Ihren evangelischen Standpunkt gegen den Arierparagraphen verteidigt, Sie haben aber auch gesagt, daß man es Ihnen als ehemaligem Offizier und Sproß einer westfälischen Bauernfamilie schon glauben dürfe, daß Ihnen die Juden menschlich gewiß nicht sympathisch seien. Bedrückt Sie dieses Wort heute?“Niemöller: „Ja, sicher bedrückt es mich – das war auch ein Stück Tradition. In meiner Tecklenburger Heimat gab es viele Bauern, die an jüdische Geldgeber und Viehhändler verschuldet waren. Die Stimmung in dieser ganzen Gegend war nicht systematisch, aber gefühlsmäßig traditionell antisemitisch in jener Zeit, und das ist bei mir niemals in einen bestimmten Zweifel gezogen worden. Und in der Wehrmacht von 1910 gab es auch diese gewisse Reserve dem Judentum gegenüber. Das bedaure ich heute schwer. Aber damals war mir in keiner Weise klar, was mir erst im Konzentrationslager dann wirklich überzeugend aufgegangen ist, sehr viel später, nämlich, daß ich als Christ nicht nach meinen Sympathien oder Antipathien mich zu verhalten habe, sondern daß ich in jedem Menschen, und wenn er mir noch so unsympathisch ist, den Menschenbruder zu sehen habe, für den Jesus Christus an seinem Kreuz gehangen hat genauso wie für mich, was jede Ablehnung und jedes Antiverhalten gegen eine Gruppe von Menschen irgendeiner Rasse, irgendeiner Religion, irgendeiner Hautfarbe einfach ausschließt.“

Gaus: „Sie haben diese Erkenntnis, wie Sie eben schon gesagt haben, in den Konzentrationslagern gewonnen, in die Sie nach dem Prozeß gesperrt wurden. Zunächst in das Konzentrationslager Sachsenhausen, dann in Dachau. Können Sie mir sagen, auf welche Weise und wann etwa Sie diese neuen Ansichten und Einsichten gewonnen haben?“
Niemöller: „Die sind natürlich gewachsen, ohne mir zunächst ins klare Bewußtsein zu kommen. Aber im Jahre 1944 erst, also in meinem letzten Gefangenschaftsjahr, da ist mir an einem Nachmittag eine Erkenntnis gekommen. Ich hatte niemals mit dem schwarz uniformierten Menschen gesprochen, der in meine Zelle kam, um mir Essen zu bringen oder Geschirr abzuholen oder sonst was. Ich stand als nationaler Mensch, so wie ich meine Nation verstand und wie ich sie gerettet sehen wollte, auf dem Standpunkt, diese Bande in schwarzen Uniformen, die geht mich nichts an. Und da, als der SS-Mann aus meiner Zelle rausgegangen ist, da ist mir plötzlich – aber das war auch wieder wie ein Blitz – eine Erkenntnis aufgegangen, und ich habe mich fragen müssen, kannst du eigentlich sagen, dieser Mensch geht dich nichts an? Kannst du eigentlich so tun, als ob das ein Unterschied wäre? Später habe ich es dann in einer noch sehr viel klareren Weise erkannt und habe es auch oft zum Ausdruck gebracht und habe gesagt, ich kann doch als Christ gar nicht glauben, daß Jesus für mich gestorben ist, ausgerechnet für mich, wenn ich sage: Aber für den, und wenn es Josef Stalin ist, für den ist er nicht gestorben. Das gibt eine ganz andere, natürlich eine grundumgestellte Haltung zu dem, was uns an Menschen sympathisch oder nicht sympathisch ist. Das "Liebet eure Feinde" bekommt von daher natürlich ein ganz anderes Gesicht als das Gesicht eines Gebotes, das sich nur schwer erfüllen lässt und zu dem man sich in irgendeiner Weise nötigen muß.“

Gaus: Diese neue Erkenntnis, die Sie nach dem Kriege dann getragen hat, haben Sie erst gewonnen in Form der Hinwendung zu den KZ-Wächtern, die Sie damals bewacht haben?
Niemöller: „Wir werden ja leicht versucht, wir Menschen, wenn wir mit einer Sache, in der wir drin gewesen sind und einem Gedankengang, in dem wir gesteckt haben, wenn wir damit Schiffbruch leiden. Und für mich war die evangelische Kirche in meinem ersten Jahr im Konzentrationslager, also ‘38/39, eine ungeheure Enttäuschung. Ich studierte damals das katholische Meßbuch und das Brevier, das mir tatsächlich in meine Zelle lanciert war. Und da habe ich den Eindruck bekommen, die sind ja bessere Christen, als das bei uns in der evangelischen Kirche ist. Und von daher habe ich den Gedanken monatelang erwogen, ob ich nicht katholisch werden dürfte oder müßte. Und das Fehlurteil bei der ganzen Geschichte ist immer, wenn man das Ideal einer anderen Größe mit den praktischen Erfahrungen einer Größe vergleicht, zu der man selber gehört. Dann kommt das Urteil „Die anderen sind besser“ sehr leicht. Die gemeinsame Gefangenschaft mit meinen römisch-katholischen Freunden in Dachau hat mir dann wieder den Sinn zurechtgerückt, und ich habe gesehen, daß auch in der katholischen Kirche diese menschlichen Unzulänglichkeiten genauso schwer wiegen wie bei uns in der evangelischen Kirche und daß man auf diese Art und Weise aus dem Dilemma, in dem man sich findet, gar nicht herauskommt.“

Gaus: Herr Kirchenpräsident, Sie haben noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein durchaus traditionelles Verhältnis zum Krieg und zum Soldatentum gehabt. Später sind Sie zum Pazifisten geworden.“
Niemöller: „Jawohl. Ich habe mit meinem früheren Gemeindeglied, dem Professor Hahn, dem Nobelpreisträger und früheren Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, vorher Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, ein Gespräch gehabt, ehe ich zu der Weltkirchenversammlung nach Evanstone 1954 reiste. Damals waren die ersten Versuche mit Wasserstoffbomben gewesen. In diesem Gespräch äußerte sich Hahn sehr eindeutig dahin, daß es kein Problem für die Wissenschaft mehr wäre, einen Apparat zu konstruieren, mit dem man alles Leben auf der Erdoberfläche auslöschen könnte. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht, hat mich tief bewegt. Ich habe damals auch ein paar schlaflose Nächte gehabt, und dann habe ich mir überlegt, was heißt das nun eigentlich. Und als Theologe und Christ habe ich mich dadurch bewegen lassen, das ganze Neue Testament noch mal mit einer Frage im Kopf zu lesen, mit der ich es noch nie gelesen hatte, nämlich, wie steht eigentlich die Heilsbotschaft des Neuen Testaments, wie steht die eigentlich zu der Gewaltanwendung von Menschen gegen Menschen beziehungsweise zum Gebot „Du sollst nicht töten“. Ich bin bei dieser Lektüre des Neuen Testamentes, das ich vor Evanstone noch einmal von A-Z gelesen habe unter diesem Aspekt, zu der Überzeugung gelangt, als Christ kann ich da eigentlich nur sagen, die Macht Gottes, mit der Gott nach der Botschaft des Neuen Testamentes die Feindschaft und die Unmenschlichkeit seiner Menschenkinder überwindet und besiegt, die findet ja Ausdruck und die wird Wirklichkeit in dem Kreuz Christi, der sich selber opfert, aber nicht daran denkt, einen Feind etwa mit Gewalt zu überwinden. Gott überwindet seine Gegner nicht mit Gewalt, sondern mit seiner sich selbst aufopfernden Hingabe und Liebe.“


Die berühmtesten und bekanntesten Worte von Niemöller dürften wohl diese sein:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Literaturtipp: Heymel, Michael: Martin Niemöller. Vom Marineoffizier zum Friedenskämpfer, Darmstadt 2017 (steht in unserer Bonhoeffer-Bibliothek).

Eine würdige und sinnvolle Ergänzung zu Niemöllers Ausführungen und zum Kriegsende am 8. Mai 1945 ist der „Mauthausen-Schwur“, den der österreichische Widerstandskämpfer Heinrich Dürmayer (1995 – 2000) am 16. Mai 1945 für das Internationale Komitee im Namen aller ehemaligen politischen Häftlinge von Mauthausen (KZ in Oberösterreich) verlas:

„Der vieljährige Aufenthalt im Lager hat in uns das Verständnis für die Werte einer Verbrüderung der Völker vertieft. Treu diesen Idealen schwören wir, solidarisch und im gemeinsamen Einverständnis, den weiteren Kampf gegen den Imperialismus und nationale Verhetzung zu führen. So, wie die Welt durch die gemeinsame Anstrengung aller Völker von der Bedrohung durch die hitlerische Übermacht befreit wurde, so müssen wir diese erkämpfte Freiheit als das gemeinsame Gut aller Völker betrachten. Der Friede und die Freiheit sind die Garantien des Glücks der Völker, und der Aufbau der Welt auf neuen Grundlagen sozialer und nationaler Gerechtigkeit ist der einzige Weg zur friedlichen Zusammenarbeit der Staaten und Völker. Wir wollen nach erlangter Freiheit und nach Erkämpfung der Freiheit unserer Nationen die internationale Solidarität des Lagers in unserem Gedächtnis bewahren und daraus die Lehren ziehen: Wir werden einen gemeinsamen Weg beschreiten, den Weg der unteilbaren Freiheit aller Völker, den Weg der gegenseitigen Achtung, den Weg der Zusammenarbeit am großen Werk des Aufbaus einer neuen, für alle gerechten, freien Welt. Wir werden immer gedenken, mit welch großen blutigen Opfern aller Nationen diese neue Welt erkämpft wurde. Im Gedenken an das vergossene Blut aller Völker, im Gedenken an die Millionen, durch den Nazifaschismus ermordeten Brüder geloben wir, daß wir diesen Weg nie verlassen werden. Auf den sicheren Grundlagen internationaler Gemeinschaft wollen wir das schönste Denkmal, das wir den gefallenen Soldaten der Freiheit setzen können, errichten: DIE WELT DES FREIEN MENSCHEN. Wir wenden uns an die ganze Welt mit dem Ruf: Helft uns bei dieser Arbeit. Es lebe die internationale Solidarität! Es lebe die Freiheit!“

Lesen wir bis zum Rundbrief Juni 2018:

Psalmen 98 – 100; Matthäus-Evangelium Kapitel 12, die Verse 46 – 50.

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe