Rundbrief 2020-12 Justus Delbrück

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Dezember 2020!

Das Kalender- und besondere Gedenkjahr 2020 geht zu Ende. Vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz/Birkenau am 27. Jänner 1945 befreit, Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg am 9. April 1945 ermordet, der zweite Weltkrieg in Europa endete am 8. Mai 1945, die Nürnberger Prozesse gegen führende NS-Politiker begannen am 20. November 1945.
Vor 30 Jahren ereignete sich die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990.

Zu den im April 1945 ermordeten Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime gehören auch Mitglieder der Familie Dietrich Bonhoeffers: Bruder Klaus, die Schwäger Hans von Dohnanyi (war verheiratet mit Bonhoeffers Schwester Christine) und Rüdiger Schleicher (war verheiratet mit Bonhoeffers Schwester Ursula). Mit dem Juristen und Christ im Widerstand Justus Delbrück (Schwager von Bonhoeffers Bruder Klaus) starb ein weiteres Familienmitglied im Oktober 1945 in einem sowjetischen Internierungslager.

Justus Delbrück wurde am 25. November 1902 in Berlin geboren. Seine Eltern und viele Mitglieder seiner Familie waren Beamte, Juristen und Wissenschaftler. Justus Delbrück wurde in den Traditionen des Deutschen Kaiserreiches, aber auch in christlich-liberalem Geist erzogen. Er war zunächst evangelisch, konvertierte aber zur r. k. Kirche.

Nach einem Jurastudium in Heidelberg und Berlin wurde Justus Delbrück zunächst Regierungsassessor, später auch Regierungsrat in Schleswig, Stade und Lüneburg. Nach Machtantritt der Nazis lehnte er trotz seines Beamtenstatus’ den Eintritt in die NSDAP ab. Er schied 1935 aus dem Staatsdienst aus und wechselte in die Wirtschaft.

Nach seiner Einberufung in die Wehrmacht gelangte er 1940 in den Widerstandskreis um Hans von Dohnanyi innerhalb des Amtes Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht. In Zusammenarbeit mit Hans Oster, Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, Klaus Bonhoeffer und anderen Widerstandsgruppen wurde das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 vorbereitet. Nach dessen Scheitern wurde Justus Delbrück im August 1944 von der Gestapo verhaftet und war einer der wenigen Widerstandskämpfer, die das Kriegsende in Berlin erlebten.

Im Mai 1945 wurde Justus Delbrück dann vom Sowjetischen Geheimdienst verhaftet mit dem Vorwurf, Mitarbeiter der deutschen Abwehrorgane gewesen zu sein. Die Haft in den sowjetischen Internierungslagern Frankfurt/Oder und Jamlitz (kleiner Ort in Brandenburg) überlebte Justus Delbrück auf Grund der katastrophalen Bedingungen nicht. Er starb am 23. Oktober 1945 im Speziallager Nr. 6 in Jamlitz an Diphtherie (Infektionserkrankung der oberen Atemwege).

Aus dem alten Bahnhofsgebäude im Jamlitz wurde 1990 das Justus-Delbrück-Haus. Dieses ist ein Zentrum für demokratische Mitbestimmung und ein vorübergehendes Zuhause für Jugendliche und junge Erwachsene, die im gesellschaftlichen Abseits leben.

Justus Delbrück schätzte die Psalmen. In Anlehnung an Psalm 116, 10 (Lutherbibel 2017: „Ich glaube, auch wenn ich sage: Ich werde sehr geplagt.“) verfasste er ein berührendes Gedicht, um seine Leidenszeit und Trostlosigkeit im Gestapogefängnis in der Berliner Lehrterstraße zu bewältigen und zu überwinden.

In seinem Gedicht „In den Tiefen“ erkenne ich Parallelen zu Bonhoeffers Worten in seinem Gedicht „Von guten Mächten“ und in seinem Morgengebet für Mitgefangene. Die Worte Delbrücks und Bonhoeffers aus der Haft mögen uns in der anhaltenden Coronakrise und zum Jahresende ermutigen, getrost in das neue Jahr 2021 zu gehen und auf ein baldiges und gutes Ende der Krise zu hoffen.  

 

Justus Delbrück

„In den Tiefen, die kein Trost erreicht,
laß doch deine Treue mich erreichen.
In den Nächten, wo der Glaube weicht,
laß nicht deine Gnade von mir weichen.

Auf dem Weg, den keiner mit mir geht,
wenn zum Beten die Gedanken schwinden,
wenn mich kalt die Finsternis umweht,
wollest du in meiner Not mich finden.

Wenn die Seele wie ein irres Licht flackert
zwischen Werden und Vergehen,
wenn es mir an Trost und Rat gebricht, 
wollest du an meiner Seite stehen.

Wenn ich deine Hand nicht fassen kann,
nimm die meine du in deine Hände,

nimm dich meiner Seele gnädig an,
führe mich zu einem guten Ende.“

Quelle für Lebenslauf und Gedicht: Ebbrecht, Günter:
Justus Delbrück: Jurist, Mensch und Christ im Widerstand, 2020.

Dietrich Bonhoeffer

„Gott, zu dir rufe ich in der Frühe des Tages …
In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht;
ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht;
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden;
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld;
ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.“


... „ noch will das alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast. ...

Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.“

Quelle: Text 1: Widerstand und Ergebung, DBW 8,
S. 204 f; Text 2: a. a. O., S. 608

 

Zwei Fragen zum Nachdenken:

  1. Wann hast Du Tiefen in Deinem Leben gespürt oder erlebt?
  2. Welche Texte oder Menschen haben Dich dann getröstet und ermutigt?

Lesen wir bis zum Rundbrief Jänner 2021: 

Psalmen 35 - 37;

Matthäus-Evangelium Kapitel 19, die Verse 13 -15                    

Liebe Grüße

Euer Obmann Uwe