Rundbrief 2020-08 Tiere im Nationalsozialismus

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief August 2020!

In der nationalsozialistischen Ideologie spielte der sogenannte „Herrenmensch“ eine große Rolle, der „minderwertigen“ Menschen weit überlegen sein soll. Die Nazis haben aber auch von sogenannten „Herrentieren“ gesprochen. Diese sind ausgewählte Tiere, die die Rassentheorien der Nazis anschaulich machen sollten.

Der deutsche Journalist Jan Mohnhaupt erklärt in seinem 2020 erschienenen Buch „Tiere im Nationalsozialismus“ (steht in unserer Bonhoeffer-Bibliothek) die Bedeutung von bestimmten Tieren in der Weltanschauung der Nazis. Ich zitiere einige Auszüge aus dem Prolog seines Buches (S. 9 – 20):

„Der zoologische Garten Buchenwald … und das gleichnamige Konzentrationslager [Buchenwald liegt in der Nähe der Goethestadt Weimar] liegen weniger als einen Steinwurf voneinander entfernt. Vom Krematorium bis zum Bärenzwinger sind es vielleicht zehn, höchstens fünfzehn Schritte. Der Draht dazwischen war einst die Grenze zwischen dem Buchenwald der Häftlinge und dem der Wachmänner, Aufseher und Zivilarbeiter, er bildete die Grenze zwischen Mensch und Tier auf der einen und Untermensch auf der anderen Seite. Der Draht trennte Welten … selbst im Vernichtungslager Treblinka gab es zur Zerstreuung für die Wachmannschaften einen Taubenschlag sowie Käfige mit Füchsen und anderen Wildtieren.

Den Zoo von Buchenwald haben die Häftlinge bauen müssen … Die Posten als Tierpfleger waren begehrt, vor allem die beim Bärenzwinger, denn wer dort eingesetzt wurde, hatte stets Zugang zu Fleisch und Honig … Tatsächlich setzten die Wachmannschaften für die Arbeit mit den Bären bevorzugt Sinti und Roma ein … Die Zigeuner – so besagt es das damals gängige rassistische Klischee – verdingten sich als Artisten und Gaukler … Koch war der Kommandant des Konzentrationslagers Buchenwald … und hatte den SS-Falkenhof errichten lassen, mit Käfigen für Eulen, Adlern und Raben sowie Gattern für Wölfe, Hirsche und Wildschweine … Koch war darauf bedacht, dass die Tiere nicht geärgert wurden, und verbot per Kommandanturbefehl jegliches Füttern und Necken … Den Tieren sollte es schließlich gut gehen … Für führende Nationalsozialisten stellten Tierschutz und Verbrechen gegen die Menschlichkeit keinen Widerspruch dar, im Gegenteil, sie fühlten sich sogar einer moralischen Elite zugehörig. Wie Heinrich Himmler, der in seiner Posener Rede im Jahr 1943 damit prahlte: ‚Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10000 russische Weiber an Erkältung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergarben für Deutschland fertig wird. Wir werden niemals roh und herzlos sein, wo es nicht sein muss: das ist klar. Wir Deutsche, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen.‘ … Noch immer wird darauf verwiesen, dass Hitler bereits im ersten Jahr seiner Herrschaft ein neues Tierschutzgesetz erlassen habe, das international als fortschrittlich galt und in der Bundesrepublik bis 1972 weitgehend unverändert in Kraft blieb – ein Gesetz, durch das erstmals im Deutschen Reich Tiere um ihrer selbst willen geschützt werden sollten … Aber der Tierschutz ist eng mit den Grundüberzeugungen der NS-Ideologie verknüpft … Der auf den ersten Blick paradoxe Tierschutzgedanke der Nationalsozialisten … war vielmehr ein integraler Bestandteil der Neuordnung der Gesellschaft auf völkisch-rassistischer Grundlage. Oder anders ausgedrückt: Eine Ideologie, die den Wert von Leben daran bemisst, welchen Nutzen es der eigenen Lebensgemeinschaft bringt, unterscheidet nicht zwischen Mensch und Tier, sondern zwischen nützlichen und lebensunwertem Leben. Es entsprang demnach demselben ideologischen Geist, manche Tiere unter besonderen Schutz zu stellen und manche Menschen wiederum zu Schädlingen zu erklären und sie systematisch zu vernichten … Kommandant Karl Koch, der so sehr um das Wohl der Zootiere besorgt war, ließ Häftlinge zu seinem Vergnügen in den Bärenzwinger werfen, um zuzusehen, wie sie von den Tieren zerfleischt wurden … Mithilfe des Hundes und seines wilden Urahns werfen wir einen Blick auf die Rassenlehre, der zeigt, wie eng Alltag und Ideologie, Politik und Wissenschaft miteinander verzahnt waren. Anhand des Hausschweins können wir nicht nur die Bedeutung von Nutztieren in der NS-Zeit ablesen; seine Rolle als wichtigster Fett- und Fleischlieferant für die Volksernährung war gleichzeitig zentral für die Bemühungen der Nationalsozialisten, einen vom Ausland vollkommen unabhängigen Staat zu schaffen und die eigene arische Urkultur unter Beweis zu stellen. Welche ambivalenten Gefühle Haustiere hervorriefen, zeigt sich vor allem an der Hauskatze. Für die einen war sie ein jüdisches Tier, das sich nicht zähmen ließ. Die anderen priesen sie als Mäusejäger und hygienischen Helfer der Volksgesundheit … Auch in der Pädagogik und Erziehung der Dreißiger- und Vierzigerjahre waren Tiere prägend. Insekten … wurden genutzt, um den Kindern zu erklären, was … im nationalsozialistischen Sinne ein Schädling, Schmarotzer oder Parasit war … Während Hitler die Jäger als grüne Freimaurer verspottete, konnte Reichsjägermeister Hermann Göring … nicht genug von der Trophäenjagd bekommen … Der Zweite Weltkrieg, vor allem der Ostfeldzug, wäre ohne Millionen von Pferden nicht möglich gewesen … Für Adorno [Theodor W. Adorno war ein deutscher Philosoph, lebte von 1903 bis 1969 und emigrierte während der NS-Zeit in die USA] spiegelt sich im Umgang mit den Tieren auch das Verhältnis des Menschen zu sich selbst wider … Die Tiere offenbaren auch das Menschen- und Weltbild, das diese Zeit [NS-Zeit] hervorgebracht hat, und sind daher letztlich viel mehr als stumme Zeugen.“

In den Büchern Dietrich Bonhoeffers finden wir einige Äußerungen über Tiere:  Bonhoeffer beantwortet in seinem Brief an seinen Schwager Walter Dress vom 1. September 1928 die Frage eines Kindes, wo sein verstorbener Hund nun sei: „‘ … sagen Sie mir doch jetzt, werde ich den Herrn Wolf [das Kind nannte so seinen Schäferhund] mal wiedersehen? Der ist doch ganz gewiss im Himmel?‘ Da stand ich da und sollte antworten: ja oder nein … Da sagte ich ihm denn kurzentschlossen: Sieh mal, Gott hat den Menschen gemacht und auch die Tiere, und hat die Tiere gewiss auch lieb; und ich glaube, es ist bei Gott so, dass sich alles, was sich lieb gehabt hat auf der Erde, wirklich lieb gehabt hat, daß das bei Gott auch zusammen bleibt, denn liebhaben ist ein Stück von Gott; wie das geschieht, das wissen wir freilich nicht – Nun hättest Du das glückliche Gesicht von dem Jungen sehen sollen; er hatte ganz aufgehört zu weinen …“ (Register und Ergänzungen, DBW 18, S. 83)  

Bonhoeffer schreibt in seinem Brief aus der Haft vom 24. Juni 1943, dass er anscheinend Probleme mit Fliegen in seiner Zelle hatte: „Es ist wohl das Gefühl für das ungestörte, stille freie Leben der Natur, das den Gefangenen ein ganz besonderes  - wahrscheinlich etwas sentimentales - Verhältnis zu Tieren und Pflanzen gibt. Nur das Verhältnis zu den Fliegen in der Zelle bleibt für mich noch ganz unsentimental.“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 106)

Bonhoeffers Bruder Karl-Friedrich kritisiert in seinem Brief an Dietrich vom 30. August 1943 die Tierhaltung im Zoo: „Ich habe hier … ein kleines Bändchen über Bau und Funktion des Gehirns studiert. Dabei las ich gerade, daß die im Zoo geborenen Nachkommen wilder Tiere ein kleineres Gehirn haben als ihre wilden Stammesgenossen im Freien. Eine Wirkung der Gefangenschaft, die Dich vielleicht interessiert – entschuldige den blöden Witz.“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 141 - 142)         

Christoph von Dohnanyi, eine Neffe Bonhoeffers, schreibt in seinem Brief an seinen Onkel vom 28. September 1943 einen Hinweis zur artgerechten Tierhaltung: „Unsere kleine Ziege, ich glaube Du hast ihre Geburt noch erlebt, wächst rasend schnell … Man kann den Tieren ja nicht die eigenen Kartoffeln geben. Sie müssen eben sehr oft draußen sein und grünes fressen. Das tun sie beide sehr gern und die Alte gibt danach immer viel besser Milch.“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 167)

Bonhoeffer stellt zwei große Unterschiede zwischen Tier und Mensch heraus: „Das Tier weiß nicht um Anfang und Ende. Darum kennt das Tier keinen Haß und keinen Stolz. Der Mensch, der sich seiner eigenen Bestimmung gänzlich beraubt weiß, weil er vom Anfang her und zum Ende hin ist, ohne zu wissen, was es heißt, haßt den Anfang und ist stolz gegen ihn.“ (Schöpfung und Fall, DBW 3, S. 27)  

Aber Bonhoeffer sieht das Tier als Bruder des Menschen: „Gott bildet zunächst aus dem Erdboden, aus dem er den Menschen genommen – Mensch und Tier haben nach der Bibel denselben Leib! -, Tiere. Vielleicht, daß er unter diesen Brüdern – denn das sind sie doch, die Tiere, die mit ihm gleichen Ursprungs sind – einen Beistand fände ... Da sitzt der kluge Adam, der alle Tiere sogleich beim Namen nennt, und läßt sie an sich vorbeiziehen, die brüderliche Welt der Tiere, die mit ihm vom selben Boden genommen war. Es ist sein erster Schmerz gewesen, daß diese Brüder, die er liebte, ihm doch nicht seine eigene Erwartung erfüllten, es bleibt ihm fremde Welt, ja es bleibt für ihn in aller Bruderschaft ihm unterworfene Kreatur, die er benennt, über die er herrscht. Er bleibt allein. Es ist meines Wissens nirgends in der Geschichte der Religionen in solch bedeutsamen Zusammenhang vom Tier geredet worden.“ (Schöpfung und Fall, DBW 3, S. 90)   

Drei Fragen zum Nachdenken und Diskutieren:

  • Was bedeutet das Tier für Dich?
  • Mit welchen Tieren hast Du angenehme bzw. unangenehme Erfahrungen gemacht?
  • Welche Tiere magst Du bzw. magst Du nicht?

 

Lesen wir bis zum Rundbrief September 2020:  Psalmen 23 - 25; Matthäus-Evangelium Kapitel 18, die Verse 10 - 14. Diese Bibelstelle passt gut zum Thema des Rundbriefes.                 

Liebe Grüße,

Euer Obmann Uwe