Rundbrief 2020-07 Traudl Junge

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Juli 2020!

„Dieses Buch ist keine späte Rechtfertigung. Keine Selbstanklage…Vielmehr ist es ein Versöhnungsversuch, nicht mit meiner Umwelt, sondern mit mir selbst … Ich habe meine Vergangenheit niemals verheimlicht … Erst Mitte der sechziger Jahre begann ich langsam, mich ernsthaft mit meiner Vergangenheit und meinen wachsenden Schuldgefühlen auseinander zu setzten … Der Mensch soll auf die Stimme seines Gewissens hören … Der Mensch ist auf der Welt, um sich lernend zu verwandeln.“

Das sind Worte von Traudl Junge, die von 1942 bis 1945 Hitlers Sekretärin war. Sie wurde am 16. März 1920 als Gertraud Humps in München geboren und starb dort am 11. Feber 2002. Sie hätte also heuer ihren 100. Geburtstag gefeiert.

2002 erschien ihr Buch „Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben unter der Mitarbeit von Melissa Müller“, das auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste vom 4. bis 10. März 2002 stand. Parallel zu diesem Buch entstand auch die Filmdokumentation „Im toten Winkel“ mit hauptsächlich Wortbeiträgen von Traudl Junge über ihre Zeit als Hitlers Sekretärin. Buch und DVD stehen in unserer Bonhoeffer- Bibliothek.

In ihrem Buch wird sehr anschaulich geschildert, wie Hitler als Mensch und Politiker war und wie der Staatsapparat der Nazis funktionierte. Im Folgendem zitiere ich weitere Aussagen aus ihrem Buch: „Und so kam es, dass in den letzten Novembertagen 1942 zehn mehr oder weniger junge Mädchen zum ‚allerhöchsten Befehlshaber‘ beordert wurden…Hitler kam lächelnd auf uns zu, hob zur Begrüßung langsam den Arm und gab dann jeder einzelnen die Hand. Seine Stimme war ganz tief und voll, als er jede von uns fragte, wie sie heiße und woher sie käme … Ich wurde zusammen mit einer Kollegin … zum Diktat bestellt…Mir fiel auf, dass er eine Brille trug. Eine altmodische, billige Brille mit Nickelrand…Als wir noch im Wartezimmer beisammensaßen … , da erschien auf einmal Hitler in der Tür, setzte sich zu uns an den runden Tisch, fragte mich noch über meine Familie und meine Vergangenheit aus und wiederholte, dass ich sehr gut geschrieben hätte…Hitler sagte, er sei mit mir sehr zufrieden…und ob ich denn bei ihm bleiben wolle. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, ich war 22 Jahre alt, hatte von Politik keine Ahnung und fand es bloß außerordentlich schön und aufregend, eine solche besondere Stellung angeboten zu bekommen, kurzum ich sagte ‚ja‘…Am 30. Januar 1943 kam ich dann endlich wieder zu einem Diktat bei Hitler…Er trug die bekannte schwarze Hose, den feldgrauen doppelreihigen Rock, ein blütenweißes Hemd und eine schwarze Krawatte. Ich habe ihn nie in einem anderen Anzug gesehen…Nur auf der linken Brustseite steckte das goldene Parteiabzeichen, das Eiserne Kreuz und das schwarze Verwundetenabzeichen…Hitler trat auf mich zu und fragte: ‚Frieren sie nicht, Kind? Es ist kalt hier‘...Hitler begann seine Rede, indem er mit auf dem Rücken gefalteten Händen mit großen Schritten und geneigtem Kopf im Arbeitszimmer auf- und abging…Da wurde ich belehrt, dass Hitler sich gerade in dieser Temperatur [sc. 11 Grad] wohl fühle und niemals wärmer heizen ließe…Das Leben in der Wolfsschanze ging nur ein paar Tage seinen gewohnten Gang. Dann hatte ich wieder einen Reiseplan zu schreiben…, denn der gesamte Stab sollte nach Berchtesgaden bzw. auf den Obersalzberg übersiedeln, wo Hitler eine Zeit der Entspannung erleben und gleichzeitig wichtige Staatsempfänge abhalten wollte…Die Abfahrtzeit war auf 21.30 Uhr festgesetzt…Endlich fuhren wir in die Halle des Münchner Hauptbahnhofes ein…, und ich eilte zu meiner Mutter…Sie war gar nicht begeistert, und ich glaube, es wäre ihr viel lieber gewesen, ich hätte eine kleine bescheidene Stelle in München behalten…Ihre Mutterinstinkte sahen vielerlei Gefahren für mich, moralischer, aber auch lebensbedrohlicher Art. Aber ich war bedenkenlos, glücklich, dem Durchschnittsleben einer Bürokraft entronnen zu sein und hungrig nach Erlebnissen…Ich hatte mich so gefreut, die Berge einmal aus der Nähe zu sehen…Ich wollte wissen, wo der Führer wohnte…Kostbare alte Meister, schöne Plastiken und exotische Vasen und Geschenke von ausländischen Staatsmännern ließen den Eindruck entstehen, man sei in einem Museum. Es war alles wunderschön, aber fremd und unpersönlich…Auf der anderen Seite des Fensters stand ein großer Bücherschrank…[sc. mit] ‚Mein Kampf‘ in Leder gebunden…Jenseits der Straße erstreckte sich in sanften Hügeln ein zauberhaftes Gelände…Hier war des Führers ‚Auslauf‘…Dann kam Hitler…und betrat das Wohnzimmer, wo eine hungrige Gesellschaft versammelt war. Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal Eva Braun gesehen und wurde ihr vorgestellt. Sie war sehr gut gekleidet und zurechtgemacht, und mir fiel ihre Natürlichkeit und Unbefangenheit auf. Sie war so gar nicht das Ideal eines deutschen Mädchens…Eva Braun war nicht groß, aber sie hatte eine ausgesprochen hübsche Figur und war edel und gut gewachsen…Eine merkwürdige Leidenschaft hatte Hitler für rohes Leinöl. Er aß z. B. leidenschaftlich gern gebackene Kartoffeln mit Quark und goss sich dann rohes Leinöl darüber…Die Gespräche bei Tisch waren meist oberflächlich und heiter. Hitler erzählte von seinen eigenen Streichen in der Schule und während der Kampfzeit der Partei…Im Übrigen versuchte der Führer während des Essens, den Fleischessern ihre Lust an der Mahlzeit zu verekeln. Er wollte zwar niemanden zum Vegetarier bekehren, aber er begann plötzlich zu erzählen, wie scheußlich es in einem Schlachthaus zugehe…Dann hob der Führer die Tafel auf, um sich für einen Spaziergang zu rüsten…Meist ging der Führer so langsam, dass die Nachfolgenden ihn teilweise überholten…Die meisten freuten sich nach dem Spaziergang auf eine Tasse Bohnenkaffee…Hitler selbst nahm Apfelschalentee, manchmal Kümmeltee, nie etwas anderes. Dazu aß er frisch gebackenen Apfelkuchen…Hitler fuhr im Berghofgelände einen Volkswagen. Es war ein Cabriolet…Dazu fällt mir ein, dass Hitler eine seltsame Einstellung zur Mode der Damen hatte…Hitler sagte: ‚Ich verstehe gar nicht, warum ihr Frauen dauernd wechseln [sc. gemeint sind Kleider] müsst…Ebenso durfte Eva ihre Frisur nicht verändern…Hitler bevorzugte bei der leichten Unterhaltung während des Essens im kleinsten Kreis meist oberflächliche und völlig unpolitische Themen…Es gab ein dickes Buch, worin sämtliche Schallplatten des Führers verzeichnet waren…Es war fast immer das gleiche Repertoire, das Hitler spielen ließ. Lehárs Operetten, Lieder von Richard Strauss, Hugo Wolf und Richard Wagner. Als einzigen Schlager ließ Hitler die ‚Donkey-Serenade‘ spielen…Hitler sprach sonst selten über den Krieg und wenig von Politik. ‚Wir werden diesen Krieg gewinnen, denn wir kämpfen für eine Idee und nicht für den jüdischen Kapitalismus, der die Soldaten unserer Feinde antreibt. Nur Russland ist gefährlich, denn Russland kämpft mit dem gleichen Fanatismus wie wir für eine Weltanschauung. Aber das Gute wird Sieger bleiben, es gibt nichts anderes‘…Mittags waren Himmler…, Goebbels…als Ehrengäste anwesend…Ich war Himmlers Tischdame…Er war mir als Erscheinung zwar ausgesprochen unsympathisch, weil er so spießig, so beamtenmäßig und heuchlerisch aussah, nicht weil er brutal wirkte…Wenn man ihn so hörte, wie er harmlose Anekdoten erzählte und liebenswürdig und charmant plauderte, wer konnte dabei an Erschießungen, KZ und solche Dinge denken…Er erzählte, wie fabelhaft die KZs eingerichtet seien…Goebbels brachte Schwung und Witz in die Unterhaltung. Er war gar nicht schön…Inzwischen war der oberste Befehlshaber wieder in die Wolfsschanze nach Ostpreußen übersiedelt…Als ich als frisch gebackene Ehefrau im Lager eintraf,…nannte Hitler mich von nun an meist ‚junge Frau‘…Anfang Juli flog Hitler zu einer Besprechung mit Mussolini nach Italien, und ich begleitete ihn…Leider erwies sich Hitlers Besuch bei Mussolini als ziemlich wirkungslos, denn kaum vier Wochen später saß Mussolini als Gefangener in einer anderen Villa, und der Faschismus in Italien krachte in allen Fugen. Hitler schimpfte mächtig…Dann kam jener graue regnerische Tag [sc. mit der Nachricht]: ‘Stalingrad ist gefallen, unsere ganze Armee vernichtet und gefallen‘…Hitler war an diesem Abend ein müder alter Herr…Das Leben war im anbrechenden Frühjahr 1944 unregelmäßiger denn je…Hitler fand später denn je ins Bett…Eva Braun suchte Anschluss an mich. Sie fragte: ‚Wie geht es dem Führer, Frau Junge?...Ich bin erschrocken, als ich den Führer sah, er ist alt geworden und ernst. Wissen Sie, was er für Sorgen hat? Er spricht nicht mit mir über diese Dinge, aber ich glaube, die Lage ist nicht gut…‘ Als ich eines Tages von München [sc. in die Wolfsschanze] zurückkam, das ich nach einem schweren Angriff verlassen hatte, sagte ich ihm: ‚Mein Führer, alle Bilder, die Sie sehen, sind nichts gegen das Elend der Wirklichkeit‘…Niemals hatte Hitler gesehen, wie der Krieg in der Heimat aussah, wie groß die Zerstörungen und Verwüstungen waren…Da durchschnitt plötzlich ein fürchterlicher Knall die stille Luft…‘Eine Bombe ist explodiert, wahrscheinlich im Führerbunker‘…‘Dem Führer ist nichts passiert‘…‘Es war das Attentat eines Feiglings…Na, meine Damen, das ist noch mal gut gegangen. Wieder ein Beweis, dass das Schicksal mich für meine Mission ausersehen hat, sonst wäre ich jetzt nicht mehr am Leben‘, sagte Hitler…Es war also wirklich Oberst von Stauffenberg gewesen, der in seiner Aktentasche eine Ladung Sprengstoff mitgebracht und sie zwei Meter von Hitlers Platz entfernt an das Tischbein angelehnt hatte…Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn das Attentat geglückt wäre…Der Krieg wäre zu Ende gewesen. Aber diese Vision wurde schnell gelöscht durch das, was wirklich geschehen war: Das Attentat vom 20. Juli war das größte Unglück, das Deutschland und Europa treffen konnte…, weil es missglückte. Alle unglückseligen Zufälle, die den Erfolg des Attentates verhinderten, buchte Hitler als persönlichen Erfolg. Seine Zuversicht, seine Siegesgewissheit und seine Sicherheit, aber auch sein Machtbewusstsein und Größenwahn überschritten nun erst recht alle Grenzen der Vernunft…Ich nahm bald wieder an den Mahlzeiten mit Hitler teil. Er fühlte sich sehr schlecht, war schweigsam und sah alt und müde aus…Es war unkontrolliert, was Hitler im Laufe eines Tages an Medikamenten zu sich nahm…Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges war nun das Hauptquartier in das Herz Deutschlands nach Berlin, verlegt worden…Im ersten Stockwerk waren Hitlers Bibliothek und Arbeitszimmer, sein Schlafzimmer und Eva Brauns Appartement…Hitler hatte die Operation überstanden. Ein Stimmbandknoten war…entfernt worden…Inzwischen war im Park der Reichkanzlei der riesige unterirdische Bunker des Führers fertig gestellt worden. Elf Meter dicker Eisenbeton deckte die kleinen Kabinen und Räume zu…20. April 1945 – Hitlers Geburtstag! Die ersten russischen Panzer standen vor Berlin…Nun hatte Hitler ausgesprochen, was uns längst bange Gewissheit war: Er glaubte selbst nicht mehr an einen Sieg…Eva Braun wollte noch ein einziges Mal feiern…, tanzen, trinken, vergessen…Daneben fühlte ich plötzlich großes Mitleid mit Hitler. Ein grenzenlos Enttäuschter, ein von der höchsten Höhe gestürzter, gebrochener, einsamer Mensch. Ich fühlte mich plötzlich schuldig. Ich denke an all das Unglück, das droben, einige Meter über uns seinen Lauf nimmt und schon seit Jahren genommen hat, hervorgerufen durch meinen Chef…Hitler blickte uns einen Moment an: ‚Ich befehle ihnen, wegzugehen.‘ Aber wir schüttelten den Kopf…Hitler ging schleppend hinaus zu den Offizieren. ‚Meine Herren, es ist zu Ende. Ich werde hier in Berlin bleiben und mich erschießen, wenn es so weit ist…‘ Aber der Gedanke an einen Selbstmord enttäuscht mich. Der ‚erste Soldat des Reiches‘ verübt Selbstmord, während Kinder die Reichshauptstadt verteidigen…Der Führer sagt: ‚Nehmen Sie den Stenogrammblock…‘ Dann plötzlich wirft der Führer die ersten Worte: ‚Mein politisches Testament‘…Damit ist Hitlers Leben eigentlich beendet…Jetzt will ich doch wissen, wie der Führer starb. Und Günsche [sc. persönlicher Adjutant Hitlers] ist froh, reden zu können: ‚Wir haben den Führer noch einmal gegrüßt, dann ist er mit Eva in sein Zimmer gegangen und hat die Tür geschlossen…Es dauerte vielleicht zehn Minuten, aber es erschien uns eine Ewigkeit, bis der Schuss die Stille zerriss. Nach ein paar Sekunden öffnete Goebbels die Tür, und wir traten ein. Der Führer hatte sich in den Mund geschossen und außerdem noch eine Ampulle zerbissen. Der Schädel war zersprungen und sah furchtbar aus. Eva Braun hat ihre Pistole nicht benutzt, sondern nur das Gift genommen…‘ Und doch lebte ich noch. Wie durch ein Wunder erging ich dem Abtransport nach Osten...Nach langen Monaten konnte ich endlich wieder heimkehren und zurück in ein neues Leben.“

Am 1. Februar 1933 hielt Bonhoeffer den Radiovortrag „Der Führer und der Einzelne in der jungen Generation“ (DBW 12, S. 242 - 260) und stellte dort heraus, dass ein Führer den Menschen zum Guten dient und sie nicht zum Bösen verführt: „Natürlich hat es immer Führer gegeben. Wo Gemeinschaft ist, gibt es Führung…: während früher Führertum zum Ausdruck kam beim Lehrer, beim Staatsmann, beim Vater, d. h. in den gegebenen Ordnungen und Ämtern, ist jetzt der Führer zu einer selbständigen Gestalt geworden. Der Führer ist vom Amt völlig gelöst, er ist wesentlich und nur Führer…Der Führer wird sich dieser klaren Begrenzung seiner Autorität verantwortlich bewußt sein müssen. Versteht er seine Funktion anders, als sie so in der Sache begründet ist, …läßt er sich vom Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen – und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen – dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers, dann handelt er unsachlich und verbrecherisch am Geführten wie an sich selbst. Der echte Führer…muß die Geführten von der Autorität seiner Person weg zur Anerkennung der echten Autorität der Ordnungen und des Amtes führen. Der Führer muß den Geführten hineinführen in die Verantwortlichkeit gegenüber den Ordnungen des Lebens, gegenüber Vater, Lehrer Richter, Staat…Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes und des vor ihm einsam werdenden einzelnen und müssen zerbrechen. Nur der Führer, der selbst im Dienst der vorletzten und letzten Autorität steht, kann Treue finden.“

Zwei Fragen zum Nachdenken:

  1. Welche Menschen waren bzw. sind für Dich aufrichtige Führungspersönlichkeiten?
  2. Welche Lebenssituationen waren bzw. sind für Dich wie ein neues Leben?

Lesen wir bis zum Rundbrief August 2020: 
Psalmen 20 - 22; Matthäus-Evangelium Kapitel 18, die Verse 1 – 9. Diese Bibelstelle passt gut zu den Ausführungen Bonhoeffers.                 

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe