Rundbrief 2019-08 Stauffenberg

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief August 2019!

Unser Vereinsmitglied G. John hat auf unserer Homepage eine beeindruckende Liste (bitte anschauen!) mit Märtyrern veröffentlicht, die im Zusammenhang des gescheiterten Attentates auf Hitler vom 20. Juli 1944 stehen. Dieses war vor 75 Jahren.

Eine führende Person des Widerstandes war Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der in der Nacht zum 21. Juli 1944 im Bendlerblock erschossen wurde.

Der Bendlerblock war das Gebäude Bendlerstraße 11 – 13 in Berlin, in dem der Sitz des Allgemeinen Heeresamtes und des Befehlshabers des Ersatzheeres im Oberkommando des Heeres und auch das Zentrum der Widerstandsgruppe des Attentates vom 20. Juli 1944 waren.


Claus Schenk Graf von Stauffenberg
Quelle: Wikipedia

Sophie von Bechtolsheim ist die Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Sie wurde 1968 geboren, ist Historikerin und Kommunikationswissenschaftlerin, stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung 20. Juli 1944 (www.stiftung-20-juli-1944.de) und hat 2019 ein Buch über ihren Großvater veröffentlicht: „Stauffenberg. Mein Großvater war kein Attentäter“, Freiburg, Basel, Wien 2019 (steht in unserer Bonhoefferbibliothek).

Die Grundthese ihres Buches ist, dass die Persönlichkeit ihres Großvaters – wie es im Buchtitel heißt – sich nicht darauf reduzieren lässt, ein Attentäter gewesen zu sein.

Sie schreibt: „Wer war er, wer war mein Großvater? Eines aber weiß ich gewiss: Die Persönlichkeit meines Großvaters lässt sich nicht darauf reduzieren, Attentäter gewesen zu sein…Seine Geisteshaltung, seine Motive, seine Lebensleistung zusammenzuschnüren und sein ganzes Leben auf die Tat am 20. Juli 1944 hin zu stilisieren, wird ihm nicht gerecht…Ein Attentat auf Adolf Hitler sollte das Ende der nationalsozialistischen Verbrechen und einen Neubeginn unter rechtsstaatlicher Ordnung ermöglichen…Die Fixierung auf die Person Stauffenberg ist über die Jahrzehnte geblieben, obwohl nach dem 20. Juli 1944 etwa 200 Menschen, die unmittelbar an den Plänen beteiligt waren, verfolgt, verhaftet und hingerichtet wurden…Die Geschichte des 20. Juli 1944 ist kompliziert und sperrig; es bedarf sogfältiger Kenntnis und aufwendiger Lektüre, um die Zusammenhänge zu verstehen...Reduziert man Stauffenberg nur auf die Tat, wäre er tatsächlich nur der der Attentäter, der die Tat um ihrer selbst willen ausgeführt hätte. Dann hätte er keine Gedenktafel, keine Straßenbenennung, keine Rede, hätte er keine Aufmerksamkeit verdient. Stauffenberg trägt nicht die Verantwortung dafür, dass sich das öffentliche Interesse auf ihn konzentriert…Dagegen tragen wir aber die Verantwortung, uns einen solchen Menschen nicht als Objekt unserer Projektionen zu unterwerfen, sondern ihn sein zu lassen, wie er wirklich war – auch wenn wir uns dem natürlich nur annähern können…

Mein Großvater hatte im April 1944 gesagt:‘…wenn das, was im Gange ist – und es ist im Gang -, so weitergeht, kann niemand von uns mehr leben, und dann ist auch Familie sinnlos, ist Familie nicht mehr möglich, gibt es sie nicht mehr.‘“ (a. a. O., S. 7 – 16)

„Die Verschwörer des 20. Juli 1944 haben sich der Sinnlosigkeit widersetzt. Sie haben ihren Familien eine Zukunft ermöglicht. Sie haben Versöhnung ermöglicht…Es gab Chancen, den Verlauf der Geschichte zu ändern. Der 20. Juli 1944 gibt den Versuchen, diese Chance zu nutzen, ein prägnantes Datum. Darin liegt die historische Bedeutung dieses Tages. Zeitlose, hochaktuelle Bedeutung hat hingegen die moralische Dimension des 20. Juli. Hier leuchtet die geistige Freiheit des Menschen auf, seine Fähigkeit, Recht von Unrecht zu unterscheiden und in aller Konsequenz dem eigenen Gewissen zu folgen. Das Attentat vom 20. Juli 1944 wäre ohne diese moralische Dimension nichts anderes als ein mutiger Gewaltakt. Dies allein verdiente keine besondere Würdigung. Nicht der Todesmut, sondern der Gewissensmut ist vorbildlich. Mein Großvater wollte nicht das Attentat, er wollte den Umsturz, aber den Umsturz, das sah er klar, konnte es nicht ohne das Attentat geben…Mein Großvater hat sein Leben für den Versuch verloren, eine neue gerechte Ordnung zu ermöglichen. Er folgte seinem Gewissen…“ (a. a. O., S. 137 – 139)

Der entscheidende Satz in den Ausführungen der Enkelin Stauffenbergs ist: „Nicht der Todesmut, sondern der Gewissensmut ist vorbildlich.“ Diese Erkenntnis galt auch für Bonhoeffer. Er wusste sicherlich, dass ein Umsturz des Nazi-Regimes nur in Verbindung mit einem Attentat auf Hitler realisiert werden konnte. Dieser Umsturz war für Bonhoeffer vielleicht ein Zeichen dafür, das Rechte zu tun und zu wagen. Bonhoeffer schreibt August 1944 in seinem Gedicht „Stationen auf dem Weg der Freiheit“ (DBW 8, S. 570 – 572) im Abschnitt „Tat“: „Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.“ 

     

Zwei Fragen zum Nachdenken und Diskutieren:

  1. Wo geschieht für Dich in der Welt und in Deinem persönlichen Umfeld Recht und Unrecht?
  2. Wann, wo und wie hast Du das Rechte getan und gewagt?

Lesen wir bis zum Rundbrief September 2019: 
Psalmen 140 – 142; Matthäus-Evangelium Kapitel 15, die Verse 29 – 31      
   

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe