Rundbrief 2018-11 Maria Magdalena

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief November 2018!

Der Oktober-Rundbrief 2018 beschäftigte sich mit Maria, der Mutter Jesu. In diesem Rundbrief geht es um Maria Magdalena. Im Juni 2018 hatte ich ein besonderes Kinoerlebnis. Ich sah im Wulfenia-Kinocenter Klagenfurt den neuen Film über Maria Magdalena. Da ich aber im Kinosaal der einzige Zuschauer war, war ich sozusagen mit Jesus und Maria Magdalena alleine.

Maria Magdalena ist eine Filmbiografie von Garth Davis. Seine Premiere feierte der Film am 26. Februar 2018 in der National Gallery in London. Der Film zeigt einen Teil des Lebens von Maria Magdalena und ihre Begegnung mit Jesus von Nazareth. Die US-amerikanische Schauspielerin Rooney Mara (geboren 1985) spielt Maria Magdalena, der US-amerikanischer Schauspieler Joaquin Phoenix (geboren 1974) spielt Jesus von Nazareth.

In der Zeitschrift Dialog des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit vom Oktober 2018 steht ein interessantes christlich-jüdisches Filmgespräch über diesen Film mit der kath. Theologin Viera Pirker und der Jüdin Sarah Egger (S. 16–33). Dieses Gespräch habe ich in Auszügen zusammengefasst.

1. Maria Magdalena – Titelgeberin, und doch nicht die Hauptperson

Viera: „An diese Frau haben sich in der christlichen Tradition ganz viele Frauengeschichten aus den Evangelien angelagert. Namentlich taucht sie eigentlich nur an drei Stellen in den Evangelien auf: bei Lukas, wo ihr die Dämonen ausgetrieben werden…Sie ist Zeugin der Kreuzigung und erste Zeugin der Auferstehung…Das ist eigentlich alles, was wir von ihr wissen. In der kirchlichen Tradition hat man dann von ihr gesagt, sie ist die Sünderin, die Ehebrecherin und Hure, sie ist die Frau, die geheilt wird, sie ist auch die Frau, die Jesus salbt…Der Film erzählt intelligent eine eigene Geschichte zu ihr…“

Sarah: „Vom Spielen her ist sie ein etwas graues Mäuschen, und Jesus überstrahlt das…Der Film kam mir jedenfalls sehr authentisch vor…Ein paar Dinge, die mir in den Evangelien sehr gut gefallen haben, begegnen auch in Maria Magdalena: dass Jesus ein bisschen zwieder (das heißt grummelig, verärgert ist), dass er die Hände über den Kopf zusammenschlägt und sagt ‚Ihr seid so dumm. Ihr versteht es einfach nicht‘…“

Viera: „Ich habe beim Sehen den Eindruck bekommen, Jesus will diesen Weg, der ihm so vorgezeichnet ist, gar nicht gehen, aber er verweigert ihn auch nicht. Er weiß ja, was seine Jünger denken: Sie verfolgen einen militärischen Reich-Gottes-Gedanken. Sie hoffen, dass es einen militärischen Umsturz geben wird…Es gibt nicht so viele Szenen, in denen er als Prediger auftritt oder seine Botschaft verkündet…“

2. Die Inszenierung: Israel und Jerusalem, der Tempel und die Synagoge

Sarah: „Für mich sah die Landschaft nach Israel aus, ich wusste nicht, dass der Film in Italien gedreht wurde….Keine israelische Musik…Es geht um eine israelische Geschichte, und Israel kommt gar nicht vor.“

Viera: „Damit folgt Maria Magdalena der Tradition der Jesus-Filme. Es wäre spannend, einmal einen israelischen Film zu Jesus zu sehen – aber ich weiß gar nicht, ob Jesus für israelische Filmemacher so interessant ist?...“

Sarah: „Es war toll, das alte Judentum, unsere Geschichte, so sehen zu können. Und besonders der Tempel war einfach monumental dargestellt...Wie sich die Jünger an unterschiedlichen Stellen postiert haben, begonnen haben zu rufen, dass die Menschen an Jesus glauben sollen…Jesus wird als Berühmtheit dargestellt.“

3. Frauen und Männer in der Synagoge

Sarah: „Die Szene am Anfang habe ich negativ wahrgenommen, in der Maria Magdalena allein in die Synagoge geht und aus einem inneren Bedürfnis heraus einfach alleine beten muss…Als ob es für sie nicht angemessen wäre, ohne familiäre Begleitung in einer Synagoge zu beten…Wir wissen nicht, wie die Gebetspraxis mit den Geschlechterrollen im alten Israel korreliert hat…“

Viera: „Im Film sieht man gut eine typische patriarchale antike Gesellschaft, die der Frau keinen eigene Raum zugesteht. Dass Maria frei als Frau ihrer Sehnsucht folgen kann, Gott zu folgen…, das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Darf eine Frau eine eigene Gottesbeziehung haben und pflegen?...Welch schlimmes Verbot, wenn es nicht so wäre. Aber doch ein Verbot, das kirchengeschichtlich perpetuiert wurde.“

4. Damit sind wir jedenfalls bei der Frage, was der Film mit Feminismus zu tun hat, und mit Gender.

Sarah: „Mir kam vor, das weiche Evangelium kommt Maria Magdalene zu und das harte, kämpferische den Männern. Außerdem: Ich weiß nicht, ob ich dem historischen Jesus zutraue, so ein Feminist zu sein, wie er im Film dargestellt wird…Maria Magdalena wird etwa bei der versuchten Dämonenaustreibung gewaltvoll unter Wasser getaucht. Später bei der Taufe wirkt es, als wüsste Jesus davon. Er taucht sie extra sanft in den Fluss, so dass ihre Nase nicht unter Wasser kommt. Und er kommt zu der Einsicht, dass es richtig ist, dass auch Frauen zu Jüngerinnen werden…Antifeministisch hingegen ist die Szene, in der er offen konfrontiert wird mit dem, was Frauen, die ihren eigenen Vorstellungen folgen, erleben: Unterdrückung, Vergewaltigung, Ermordung. Als die Frau in Kana ihm sagt, was alles passiert, wenn eine Frau in eine schlechte Situation gerät, meint er beinhart, sie solle trotzdem vergeben…“

Viera: „Ich kann zugleich die Kernbotschaft nachvollziehen: ohne Vergebung geht es nicht…Das ist die Botschaft, die später Maria Magdalene auch zu Petrus sagt…“

Sarah: „…Da kommt vielleicht doch die christliche Perspektive ins Spiel, dass Jesus etwas Göttliches hat, und natürlich kann Gott sagen: Vergebt! Aber wenn ich das als Jüdin sehe, und Jesus für mich nur ein Mensch ist, dann ist diese Aufforderung zur Vergebung einfach unangemessen.“

Viera: „Zugleich passt das Wort feministisch nicht so recht, weil ich mit Feminismus auch eine kämpferische Haltung verbinde, die im Film nicht abgebildet wird.“

5. Praktische Religiosität in Maria Magdalena – Gebete, Psalmen, ein Sederessen – oder das Abendmahl?

Sarah: „Maria Magdalena betet direkt im Kreis der Jünger das Morgengebet…In dem Film ist ganz klar herausgekommen, dass Jesus in einer Tradition betet bzw. jüdische Gebete spricht. Jesus war hier so deutlich als Jude zu erkennen.“

Viera: „Mir sind die Psalmenworte sehr aufgefallen…Besonders berührt hat mich die Szene mit dem Vater Unser, das Jesus den Menschen in Kana schenkt und mit dem Friedensgruß und einer segnenden Berührung durch Maria und die anderen Jünger kombiniert…Bei dem Abendmahl habe ich aus katholischer Perspektive gemerkt, dass ich auf die Einsetzungsworte warte…Ich halte es für eine weitreichende Entscheidung des Drehbuchs, diese Worte nicht zu sagen…Das Brot wird einfach geteilt, es wird eher beiläufig herumgegeben. Jesus gibt es Maria. Maria gibt es Judas, und so geht es weiter.“

Sarah: „Ich habe nicht auf die Einsetzungsworte gewartet, sondern darauf, dass es ein großes Festmahl gibt…Dieses karge Mahl zu sehen…, das war eigenartig. Also, ich habe aufs Essen gewartet.“

Viera: „Interessant ist, dass bei diesem Jesusfilm die jüdische Tradition – auch die liturgisch-rituelle – in den Gebeten übernommen ist und die christliche nicht…der Film hatte gar kein Interesse daran, die spätere christliche und kirchliche Tradition zu erklären…“

6. Maria Magdalena hat im Film getauft.

Viera: „Ich habe mich natürlich gleich gefragt, ob das historisch so gewesen sein kann…Maria Magdalena hat die Frauen getauft. Es ist aber gar nicht sicher, ob Jesus getauft hat…Im Film wurde auf Licht und Geist getauft, mit folgenden Worten: ‚Ich taufe dich mit Wasser, um dich zu reinigen. Ich taufe dich mit Licht und mit Feuer. Ich taufe dich, auf dass Du neu geboren würdest, erwachst, und bereit für den Tag, der kommt.‘ Das war schlüssig und entschieden, aber es hat auch esoterische oder gnostische Anklänge. Der Film knüpft ja auch an das gnostische Magdalenen-Evangelium an.“

Sarah: „…Nur die verwendete Taufformel klang wirklich esoterisch, wenngleich im Judentum zumindest Wasser und Feuer auch eine wichtige symbolische Bedeutung haben: Wasser steht für die bleibende Torah, und Feuer ebenso…“

Viera: „…Und Eltern legen ihre Kinder in der Taufe Gott ans Herz…Taufe ist heute auch eine Annahme der Gotteskindschaft.“

Sarah: Im Film sind nicht alle, die getauft werden, auch Jünger_innen geworden, sondern die Neugetauften verbleiben zum Teil in ihrem Kontext…, es ist sehr unklar, was das Getauft-Sein für sie bedeutet.

7. Jünger, Verständnistradition und die Kirchengeschichte

Sarah: „Wie war das für dich als Christin, den Film zu sehen?“

Viera: „Ich habe den Film ganz klar als Christin gesehen…Für mich ist es befreiend, dass die Filmemacher_innen…sich nicht so sehr an Grundfragen wie Religion ja oder nein oder Jesus – Sohn Gottes oder nicht abarbeiten…Und es wurde nichts erzählt, was nicht hätte sein können. Zum Beispiel der Streit zwischen Petrus und Maria Magdalena, der den ganzen Film durchzieht…Da sind zwei Traditionen der Kirche mit hineingezogen. Die eine Kirche, die pflegend, heilend, handelnd ist, und die andere, die missionierend und inkulturierend gewirkt hat…“

8. Die Passion Jeus kaum im Bild

Viera: „Für mich war es stimmig, dass die Passion so wenig gezeigt wurde…Damit haben die Filmemacher_innen zugleich viele Textstellen der Evangelien umgangen, die potentiell antijüdisch ausgelegt und inszeniert werden können. Im Film ist Maria Magdalena bei der Verhaftung zusammengebrochen, und die Kamera bleibt bei ihr, wie sie aufwacht und schließlich Jesus auf dem Weg zum Kreuz und am Kreuz begleitet…“

Sarah: „Der Film ist jedenfalls insgesamt emotional sehr ergreifend…Dann diese Person im Film gekreuzigt zu sehen, das ist furchtbar…Auch wenn das Kreuz ein Symbol für Hoffnung und Auferstehung sein soll, stellt es doch auf der unmittelbaren bildlichen Ebene Leid dar. Ich finde es schlimm, in eine Kirche zu gehen und einen hängenden, blutenden Juden zu sehen.“

9. Die Darstellung des Judas

Viera: „…Er ist der Verräter, der Böse, das Schlechte. Im Film hingegen wird er erstaunlich frei und psychologisch auch verstehbar dargestellt…Er hat die innere Hoffnung, mit der eigenen ermordeten Familie wieder vereint zu sein,…, wenn es ein himmlisches Reich Gottes gibt. Nur deswegen möchte er Jesus durch seinen Verrat zwingen, sich als Messias zu offenbaren…“

Sarah: „Er ist nicht böse, sondern einfach meschugge…Judas ist sehr eifrig für die Sache. Er will Jesus zwingen, sich zu offenbaren und das Reich Gottes herbeizuführen – doch das geht schief. Das ist der Punkt, wo Juden sagen, okay, wenn er seine Aufgabe nicht erfüllen konnte, ist Jesus nicht der Messias. Maria Magdalena deutet diesen Moment im Film hingegen mit: ‚Das Reich Gottes ist schon da. Es ist in uns.‘ Da habe ich zum ersten Mal verstanden, warum man sagen kann, das Reich Gottes ist schon da.“

10. Gewalt der römischen Besatzung

Sarah: „Ich muss sagen, ich habe den ganzen Film darauf gewartet, dass Maria Magdalena vergewaltigt wird…Der Film zeigt gut, wie eine Besatzungsmacht funktioniert…Die wohnen in bequemen Häusern…und dann verrichten sei mal ein Massaker oder bewirken politisch, dass die armen Menschen kein Essen haben.“

Viera: „Sie setzen die Steuern hoch, aber das Eintreiben liegt bei den lokalen Behörden…“

11. Ist Maria Magdalena ein christlicher Film?

Viera: „Es ist ein christlicher Film. Er war ganz weit weg von christlicher Traditionsüberformung und reiner Nacherzählung der Geschichte in den Evangelien, aber er war christlich. Dieses Evangelium, das da erzählt wurde, oder diese frohe Botschaft der Hoffnung, der Liebe, des Handelns, das war sehr christlich in meiner Wahrnehmung.“

Sarah: „Ich fand den Film aber auch aus einem anderen Grund christlich: Es herrscht darin eine Abwesenheit von Wut. Jesus wird gekreuzigt und niemand wird wütend…“

12. Ist Maria Magdalena ein jüdischer Film?

Sarah: „Er ist nicht unjüdisch. Er bietet einen interessanten Einblick, wie Judentum zur damaligen Zeit ausgesehen haben könnte…Er wäre sogar geeignet für jüdischen Religionsunterricht, weil Jesus so eindeutig als Jude seiner Zeit dargestellt ist…“

Viera: „In der Inszenierung, den Figuren und der Ausstattung wird nicht künstlich ins heute hinein gesprochen, und genau darin kann der Film besonders stark in die Gegenwart wirken.“

Frage zum Nachdenken und Diskutieren: Als wen oder was hat Maria Magdalena Jesus gesehen?

Bonhoeffer erwähnt in seinen Werken nur einmal den Namen Maria Magdalena. In seinen Ausführungen über die Rechtfertigung des Menschen schreibt er: „Es hat also nicht Sinn noch Recht…, einer heutigen christlichen Gemeinde zu predigen, ein jeder müsse so werden wie Maria Magdalena, wie der arme Lazarus, wie der Schächer am Kreuz, er müsse werden wie diese biblischen ‚Randgestalten‘, ehe er das letzte Wort ???? Gottes zu hören vermöchte…Der Inhalt der christlichen Botschaft ist nicht, zu werden wie eine jener biblischen Gestalten, sondern zu sein – wie Christus selbst. Dazu aber führt keine Methode, sondern der Glaube allein. Anders verlöre das Evangelium seinen Preis, seinen Wert. Die teure Gnade würde billig.“ (Ethik, DBW 6, S. 141)

Lesen wir bis zum Rundbrief Dezember 2018:
Psalmen 113 – 115; Matthäus-Evangelium Kapitel 13, die Verse 36 – 43

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe