In memoriam Hugo Portisch

von G. John, Vereinsmitglied

Das Gedächtnis ist Bedingung für Identität und Selbstwertgefühl eines Menschen – und eines Volkes.
Oder wie es der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer ausgedrückt hat:
"Die Güter der Gerechtigkeit, der Wahrheit, […] brauchen Zeit, Beständigkeit, ›Gedächtnis‹, oder sie degenerieren."
Eine innerkirchliche Oppositionsbewegung wie in Deutschland die "Bekennende Kirche" rund um Dietrich Bonhoeffer hat es in Österreich nicht gegeben. 

Eine Gedächtnisstütze Österreichs war der in der Tschechoslowakei geborene österreichische Journalist Hugo Portisch, der am 1. April 2021 im gesegneten Alter von 94 Jahren verstarb.

Hugo Portisch verstand es, in seinen Büchern und TV-Sendungen, politische österreichische Geschichte anschaulich und allgemeinverständlich, aber auch kritisch darzustellen. Vor allem mit seinen Dokumentationen Österreich I und Österreich II hat Hugo Portisch das kollektive Geschichtsbewusstsein Österreichs geprägt. 

Im Jahre 1991 schlug man ihn als Nachfolger des scheidenden Bundespräsidenten Kurt Waldheim vor, dem international Beteiligung an Kriegsverbrechen während des Nationalsozialismus vorgeworfen wurde. 
Portisch zeigte sich ob des Vertrauensbeweises geehrt, lehnte jedoch ab.
Er schrieb in diesem Zusammenhang seine Gedanken für Bundeskanzler Franz Vranitzky nieder, die dieser in seiner Rede vor dem Nationalrat am 8. Juli 1991 verwendete. In dieser Rede wurde nicht nur die - bis dahin auch von offizieller Seite hochgehaltene „Opferthese“, wonach Österreich erstes Opfer der Machtentfaltung des Deutschen Reiches unter Adolf Hitler gewesen sei - relativiert, sondern auch die Mitschuld der Österreicher am Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen eingestanden.

"... Wir bekennen uns zu allen Taten unserer Geschichte und zu den Taten aller Teile unseres Volkes, zu den guten wie zu den bösen. Und so wie wir die guten für uns in Anspruch nehmen, haben wir uns für die bösen zu entschuldigen, bei den Überlebenden und bei den Nachkommen der Toten. Dieses Bekenntnis haben österreichische Politiker immer wieder abgelegt. Ich möchte das heute ausdrücklich auch im Namen der Österreichischen Bundesregierung tun: als Maßstab für das Verhältnis, das wir heute zu unserer Geschichte haben müssen, also als Maßstab für die politische Kultur in unserem Land, aber auch als unseren Beitrag zur neuen politischen Kultur in Europa."

In der Folge wurde diese Rede Pflichtlektüre an allen Schulen Österreichs und man begann, sich intensiv damit auseinanderzusetzen.

1992 beschloss der Nationalrat die Entschädigung vertriebener Juden und Zwangsarbeiter, 2001 die Rückvergütung von während des Nationalsozialismus in Österreich enteigneten und geraubten oder im Notverkauf weit unter dem Wert abgegebenen Vermögenswerten an ihre rechtmäßigen Eigentümer.

 

Quellen: ORF, Der Standard, Bischof Manfred Scheuer, demokratiezentrum.org, politik-lexikon.at, Wikipedia