2022-11-20 Auslegung zu Kolosser 1,(9-11)12-20(21-23)

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Kurt Udermann, Obmannstellvertreter

34. Sonntag im Jahreskreis C (Christkönigssonntag) nach der katholischen Leseordnung: Kol 1,(9-11)12-20(21-23)

Lesung:
(9 Daher hören wir seit dem Tag, an dem wir davon erfahren haben, nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlichen Einsicht erfüllt werdet. 10 Denn ihr sollt ein Leben führen, das des Herrn würdig ist und in allem sein Gefallen findet. Ihr sollt Frucht bringen in jeder Art von guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes. 11 Er gebe euch in der Macht seiner Herrlichkeit viel Kraft, damit ihr in allem Geduld und Ausdauer habt.)12 Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind.

13 Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. 14 Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden.

15 Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, / der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. 16 Denn in ihm wurde alles erschaffen / im Himmel und auf Erden, / das Sichtbare und das Unsichtbare, / Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; / alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. 17 Er ist vor aller Schöpfung / und in ihm hat alles Bestand. 18 Er ist das Haupt, / der Leib aber ist die Kirche. /

Er ist der Ursprung, / der Erstgeborene der Toten; / so hat er in allem den Vorrang. 19 Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, / 20 um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. / Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, / der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.

(21 Auch ihr standet ihm einst fremd und feindlich gegenüber; denn euer Sinn trieb euch zu bösen Taten. 22 Jetzt aber hat er euch durch den Tod seines sterblichen Leibes versöhnt, um euch heilig, untadelig und schuldlos vor sich hintreten zu lassen. 23 Doch müsst ihr im Glauben bleiben, fest und in ihm verwurzelt, und ihr dürft euch nicht von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt, abbringen lassen. In der ganzen Schöpfung unter dem Himmel wurde es verkündet und ich, Paulus, bin sein Diener geworden.)

(1) Vor dem Hintergrund des heutigen Umganges und Stellenwertes der christlichen Gemeinden erstaunt die Aufmerksamkeit, das Engagement und der empathische Umgang des Verfassers mit einer Gemeinde, die er nur vom Hörensagen kennt und Gottes Wirken in ihr dankbar wahrnimmt und es zu verstärken versucht. Kirche wächst von unten.

In dieser wertschätzenden Einstellung dankt der Verfasser (höchstwahrscheinlich Paulus) Gott für das, was er in der judenchristlichen Gemeinde in Kolossä wirkt. Paulus betont, dass er und seine Mitarbeiter für die Gemeindeglieder in Kolossä beten und für sie bitten, dass sie in der Erkenntnis des Willens Gottes wachsen und Frucht bringen in der Verwirklichung guter Werke. Zweimal wird vom Wachsen in der Erkenntnis geredet. Gemeint ist eine Art „Zu-Erkenntnis“. Angesprochen sind Juden-Christen, die die Tora, Propheten und Schriften (das Alte Testament) als ihre Bibel anerkennen und darüber hinaus als ihre Vollendung auch das Evangelium Jesu Christi. Er betet auch darum, dass sie ein Leben führen, das die Quelle sichtbar macht, aus der sie leben und aus der ihre guten Werke entspringen. Diese Sendung in ihrer jüdischen und heidnischen Umgebung zu realisieren, braucht viel Geduld und Ausdauer, eine Kraft, die nur Gott geben kann (Verse 9-11).

Als Außenstehender möchte Paulus den Kolossern verdeutlichen, wie und was Gott bei ihnen gewirkt hat und wohin er sie auf dem Weg des Trauens führen möchte. Er bezeugt vor der Gemeinde seinen persönlichen Glauben, der vom Damaskus-Erlebnis bestimmt ist.

Der Lesungstext (Verse 12-20) wird in eine Überschrift und drei Abschnitte gegliedert.[1] Die Überschrift (Verse 13-14) verbindet das Schöpfungshandeln Gottes mit seinem Erlösungshandeln in Jesus Christus. In Abschnitt I (Verse 15-18a) geht es um Christus als „Erstem“ in der Schöpfung; in II (Verse 18b-20) um Christus als „Erstem“ der Auferweckung und in III (Verse 21-23) um die Aufgabe aus der Gabe der Versöhnung.  

(2) Paulus fordert die Kolosser auf, Gott zu danken, weil er sie befähigt hat „Erb-Anteil der Heiligen im Licht“[2] zu haben. Die „Heiligen im Licht“ sind Menschen aus dem Gottesvolk Israel, die in Jesus Christus das von Gott verheißene „Erbe“ erkannt haben und nun in neuem Licht leben. Bei den „Heiligen“ handelt es sich um die Glieder des Gottesvolkes Israel, die Jesus als Messias (noch) nicht angenommen haben. Die Judenchristen sollen den Messias vor den übrigen Juden, und darüber hinaus auch vor den unter ihnen lebenden Völkern (Heiden) bekennen. Denn „durch“ Abraham sollen alle Völker gesegnet werden (Gen 12,3).

In der Überschrift (Verse 13-14) wird die Geschichte Gottes mit den Menschen durch den „Sohn seiner Liebe“ thematisiert. Paulus will von Anfang an klar machen, dass Christus über allem steht, was ihr Leben bestimmt und sie fordert.

Paulus beginnt mit einem typisch jüdischen Lobpreis der Großtaten Gottes: „Er hat uns herausgerissen aus der Finsternis in sein Licht und Vergebung gewirkt.“[3] Damit bringt er seine persönlichen und pastoralen Erfahrungen zum Ausdruck. Ziel des befreienden Handelns Gottes ist das „Einpflanzen in die Königsherrschaft und in den Schutzbereich des Sohnes seiner Liebe.“ Dieser Herrschaftswechsel ermöglicht ein erlöstes, befreites und heiliges Leben in Frieden mit Gott.

  1. Der „Sohn seiner Liebe“ steht schon von Anfang an mit allen Menschen in Beziehung. Er wird als „Bild und Repräsentant des unsichtbaren Gottes“ vorgestellt, einerseits als Gegenüber der Menschen und andererseits als ihr „Erstgeborener“ (als Einer von ihnen).[4]

Aber es geht hier zunächst nicht um den auf Erden wandelnden Jesus, sondern um seinen Ursprung. Christus, der als Jesus auf Erden lebte und wirkte, ist größer als ein Mensch und hat eine Vergangenheit, die bis an den Urgrund der Schöpfung reicht. Er ist seit der Schöpfung Ebenbild des unsichtbaren Gottes. Aber er ist auch der Repräsentant Gottes, der aus der Unsichtbarkeit und Ewigkeit Gottes hervorgetreten ist.

Die Schöpfung wird zusammengefasst „in den Himmeln und auf der Erde“. In den Blick genommen sind die Menschen. „Das Ganze in den Himmeln“ bezieht sich auf die Verstorbenen[5] und das Ganze „auf der Erde“ auf die Menschen, die auf Erden leben. Es geht um die menschlichen Geschöpfe, für die Christus „Erstgeborener“ ist.

Unterschieden wird auch „das Sichtbare und das Unsichtbare“.[6] „Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten“ sind jedenfalls keine unsichtbaren Wirklichkeiten.  Gemeint sind innerseelische Autoritäten, die das Handeln des Menschen bestimmen. „Throne“ steht für den ersten Platz in der Seele (also ein „Gegenstand“ für einen unsichtbaren Sachverhalt), den man mit Prioritäten wiedergeben kann. Für „Herrschaften“ steht in derselben Logik Gültigkeiten. Dazu passen auch „Grundsätze (Prinzipien) und Befugnisse“. Gott hat das Äußere und das Innere des Menschen erschaffen und hat ihm Maßstäbe mitgegeben. Paulus beabsichtigt, den Lesern klar zu machen, dass Prioritäten und Grund-Sätze etc. von Gott durch Jesus Christus in die Seele des Menschen gelegt sind. Wo diese verletzt wurden, bietet Gott dem Menschen durch Christus Versöhnung an. Von diesem Maßstab darf sich der Mensch nicht abbringen lassen und muss sich den widersetzlichen weltlichen Regelungen entziehen.

Der Verfasser begründet, dass nichts der Autorität Christi entzogen ist (Vers 17). Denn aus der Ursprungsbeziehung ergibt sich eine permanente Angewiesenheit aller Maßstäbe auf Christus. Er ist nicht nur Grund, sondern auch Ziel aller geschaffener Elemente und aller Lebensregeln. „Erstgeborener“ (Vers 15) wird in Vers 18 durch „Haupt“ aufgenommen. Sein „Leib“ ist die „Versammlung“, meint hier aber nicht Kirche, sondern die ganze Menschheit als Einheit. Für sie ist Christus seit Anbeginn das „Haupt“, das sie in einem „Leib“ zusammenhält und die Menschen nach dem Sündenfall durch seine Menschwerdung zusammenführt.

  1. In der neuen Einheit (Verse 18-20) lenkt Paulus den Blick vom Uranfang hin auf die Menschheitsgeschichte seit dem Sündenfall bis in die Gegenwart. Christus wird jetzt als „Anführer, Erstgeborener“ bezeichnet und ist damit „Erster“ in einem Prozess der Heimführung. „Er, der immer schon ihr ‚Haupt‘ ist, ‚wurde‘ in neuer Weise inmitten aller Sterblichen nun ‚Erster‘, und damit für jeden von ihnen ‚Anführer‘ aus dem Tod in ein unzerstörbares Leben.“[7]

Gott realisiert seinen Entschluss, die sündige Menschheit wieder mit sich zu verbinden, indem er vorher im Tod seines Sohnes Frieden anbietet. Hier ist noch nicht von versöhnen[8] die Rede, sondern davon, dass Gott im Voraus „im Blut Christi“ von seiner Seite her Frieden machte, um die Menschen mit sich zu verbinden.[9] Gott verbindet wieder, was durch den Sündenfall getrennt wurde. Die Neuaufnahme dieser Beziehung gibt Gott der Menschheit sofort, als Vertrauens-Vorschuss, unabhängig von ihrer Zustimmung.

Der Vater hat in der Ohnmacht des Sohnes gezeigt, wie er sich selbst den Menschen gegenüber verhält. Um ihretwillen hat der Sohn das Blut vergossen; er nahm die Schuld der Menschen auf sich.

III. Paulus wendet sich abschließend wieder direkt an die jüdischen Adressaten des Briefes, erinnert sie an ihre feindliche Einstellung gegenüber Jesu in der Vergangenheit und geht dann auf ihre neue Situation ein, da sie das Friedens- bzw. Verbindungsangebot Gottes angenommen und sich von Gott durch Jesus, dem Christus, haben versöhnen lassen.

Gott hat sie mit sich versöhnt im Tod Christi. Das schließt ein, dass sie mit ihm in diesen Tod hineingenommen sind. Sie sollen sich als heilig und tadellos erweisen, also dieser geschenkten und angenommenen Versöhnung entsprechend leben und nicht mehr den Weg der Sünde gehen. Das ist nur möglich im Trauen.[10]

Die Christen-Gemeinde in Kolossä soll zu einem Ort werden, „wo bezeugt und ernst genommen wird, dass Gott die Welt in Christus mit sich selbst versöhnt hat, dass Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn für sie hingab.“[11]

[1] Die Verse 13-14 bilden eine Art Überschrift zum Text der Verse 15-23. Die Verse 21-23 sprechen wieder von den Adressaten und bilden eine weitere Einheit. Vers 12 gehört zur Einheit der Verse 9-12.

[2] Die unter Anführungszeichen gesetzten Übersetzungsvarianten stammen jeweils von N. Baumert, Berufung, 48.60f

[3] Das setzt voraus, dass die Adressaten wissen, dass er von Gott spricht und auch die Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 kennen.

[4] Dass Christus, der Sohn, seit Anfang am Schöpfungsvorgang der Menschheit beteiligt ist, ist für die Juden neu. Er stellt ihnen die innere Einheit von Vater und Sohn vor Augen und will ihnen so helfen, auch aufgrund seiner Damaskus-Erfahrung, anzunehmen, dass Gott wirklich einen Sohn hat.

[5] Für Juden ist die Unterwelt nicht die einzige Lokalisierung der Toten. „Generell gesprochen war in der zeitgenössischen griechischen Vorstellung kein Platz für das Reich der Toten unter der Erde.“ (Mussner)

[6] Das hat mit dem Anlass des Briefes zu tun: Einige Christusgläubige der Gemeinde konfrontierten die übrigen mit unangemessenen Aufforderungen: „nicht anfassen, nicht kosten“ etc. (2,20f) Um diese weltlich bestimmten Regelungen außer Kraft zu setzen nennt Paulus die echten Maßstäbe des Handelns. Diese sind ihrer Natur nach unsichtbar und werden deshalb vom Sichtbaren des Menschen unterschieden.

[7] N. Baumert, Berufung, 74

[8] Vom Versöhnen ist erst im Vers 22 die Rede.

[9] Zur Versöhnung bedarf es der Zustimmung eines jeden Einzelnen. Gott zwingt niemanden in die Versöhnung.

[10] N. Baumert, Berufung, 78: Dranbleiben im Trauen setzt voraus, „dass sie bereits die Zu-Erkenntnis im ‚Trauen‘ angenommen haben, wobei das Wort offen ist für ein wechselseitiges Trauen: von Gott her und als Antwort von ihnen her (Eph 2,8).“

[11] Bonhoeffer Brevier, 456