2022-09-18 Auslegung zu 1. Timotheus 2, 1-8

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Kurt Udermann, Obmannstellvertreter

25. Sonntag im Jahreskreis C nach der katholischen Leseordnung: 1Tim 2,1-8

Lesung: 
1 Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, 2 für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können. 3 Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; 4 er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.

5 Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: der Mensch Christus Jesus, 6 der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit, 7 als dessen Verkünder und Apostel ich eingesetzt wurde - ich sage die Wahrheit und lüge nicht -, als Lehrer der Völker im Glauben und in der Wahrheit.

8 Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit.

(1) Die Welt, in der wir leben,, ist wie sie ist, und sie ist oft der Sendung und dem Dienst, dem wir als Getaufte verpflichtet sind, nicht unbedingt förderlich, ja oft hinderlich oder sogar uns gegenüber feindlich eingestellt. Die Feindschaft den Gläubigen gegenüber kann zwar Märtyrer und standhafte Glaubenszeugen hervorbringen, aber auch viel Schmerz und Leid. Aber nicht nur der Angriff auf Leib und Leben bedrohen die Verkündigung des Glaubens, auch bestimmte geistige Strömungen und Ideologien. Das ist nicht nur heute so, dass war auch damals so, als Paulus diesen Brief an Timotheus schrieb. In jener Zeit war die Gnosis sehr attraktiv, eine Art der Erlösung durch Wissen. Sie barg die Gefahr, den christlichen Glauben auszuhöhlen und umzuinterpretieren.

(2) Paulus fordert die Christen und Christinnen durch Timotheus zu Bitten, Gebeten, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen auf und stellt die Fürbitte für die Herrscher und alle Machtausübenden in ihrem konkreten, persönlichen Lebensbereich an den Beginn. Die Begünstigten des Gebetsaufrufes sollen zwar alle Menschen sein, aber nachdem sofort die ergänzende Hinwendung zu den Machthabenden folgt, gilt wohl ihnen das Hauptinteresse. Es fällt auch uns leichter, für alle Menschen zu beten, als für die Regierenden und Politiker. Es ist, als wollte der Autor sagen, ihr habt die Machthaber, die ihr verdient. Also betet für sie. Mit dieser Gebetsaufforderung weist Paulus darauf hin, dass wir uns von der Verantwortung für die Welt nicht dispensieren sollen. Wir sind für sie mitverantwortlich. Wir dürfen ihr Geschick nicht dem Schalten und Walten anderer überlassen. Wir vollziehen unsere Verantwortung mit den uns geschenkten, eigenen Mitteln, vor allem mit dem Gebet: Bitten, Fürbitte und Danksagung.

Unser Platz in der Welt ist der Ort, an dem uns die Erfüllung unserer Aufgabe aufgetragen ist, nämlich das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen, sowie der Welt bekannt zu machen, dass alle Menschen gerettet sind und alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen sollen.

Die Danksagung gilt zuerst und vor allem Gott, der in der Geschichte sein Heil wirkt und uns in Jesus Christus mit sich versöhnt hat, der uns Beziehung mit sich schenkt und „Gott-mit-uns“ ist. Wir dürfen ihm aber auch für seine Schöpfung danken, die auf ihn hin durchsichtig ist und die uns immer wieder staunen lässt und zur Anbetung einlädt. Dank schulden die Adressaten aber auch dem Römischen Reich, seiner Rechtsordnung und den Exponenten seiner Macht, soweit sie Frieden und Gerechtigkeit aufrecht halten. Denn zwischen den Zeilen ist die Befürchtung herauszulesen, dass Gefahr in Verzug und Wachsamkeit geboten ist.

Ziel der Fürbitte sind das allgemeine Wohl, der Friede und die Sicherheit, um gut leben zu können und um die Sendung zu erfüllen, die der Gemeinde und jedem einzelnen aufgetragen ist. Ein Leben in Frömmigkeit, das Gott und Christus Jesus anerkennt und ehrt durch Beten, Gottesdienstteilnahme und Gehorsam gegenüber dem Wort Jesu ist in einer stabilen und sicheren Gesellschaft eher möglich als in einer unruhigen und gefährdeten. Das gilt auch für ein rechtschaffenes Leben in Würde.  Es soll einen Menschen anleiten, ein Gott wohlgefälliges und den Menschen zugewandtes Leben zu führen.

Die Christen wurden damals von ihrer Umwelt mit kritischen Augen beobachtet. Sie suchten ihren Platz in der Gesellschaft und richteten sich in ihr ein, weil sich die Wiederkunft Christi verzögerte und sie mit einer längeren Dauer bis zu seiner Wiederkunft rechnen mussten. Sie wollten sich der Welt nicht angleichen, sondern erstrebten eine Umwandlung der Gesellschaft im Geist Christi, denn Gott der Retter, will alle Menschen retten. Die „Rettung aller Menschen“ und der Hinweis auf die „Erkenntnis der Wahrheit“ ist gegen die Sektierer - die Anhänger der Gnosis - formuliert, die dies bestritten. Diese Wahrheit wurde bereits in Glaubenssätze gefasst, wie es das folgende Glaubensbekenntnis zeigt (Verse 5-7). Die Gnosis rechnet mit Störelementen in der Beziehung zwischen Jesus und Gott. Daher betont Paulus den einen Gott und den einen Mittler Jesus Christus, den konkreten Menschen aus Nazareth.

Der Mittler ist „Mittelsmann im Sinne des Mediators und Fürsprechers, des Friedensemissärs.“[1] Jesus ist demnach der Sachwalter Gottes bei den Menschen und zugleich auch Sachwalter der Menschen bei Gott. Durch seinen stellvertretenden Sühnetod ist er der Mittler unseres Heils. Das erinnert an Mk 10,45: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ Schließlich betont der Autor seine Glaubwürdigkeit und seine apostolische Autorität. Was von seiner Lehre abweicht, ist Irrlehre.

Ist der Grund, dass Gott einen Mittler braucht, seine Abwesenheit in der Welt? Nein! Gott will in der von Leid und Schuld beherrschten Welt sein Heil wirken. Im menschgewordenen Gottessohn schenkt er der Welt seine Liebe. Sie wurde in Jesus Opfer menschlicher Schuld. Gott hat sich der Welt nicht verweigert, sondern liebend hingegeben. Jesus trat als Mensch aus Fleisch und Blut auf, um sich den Menschen als ihren, mit ihnen solidarischen Retter, anzuvertrauen. In ihm hat sich Gott selbst sichtbar gemacht.

In einem neuen Abschnitt wird das Thema Beten weitergeführt. Die Anweisung für die Männer ist sehr knapp. Das Gebet und die Teilnahme am Gottesdienst dürfen weder von Streitigkeiten und Zorn noch von Unversöhntheit bestimmt werden. Das Gebet unversöhnter Christen entspricht nicht dem Willen Gottes.

(3) Die Aufforderung, für Regierung und Politiker auch außerhalb des „Allgemeinen Gebetes (Fürbitten)“ zu beten, weckt seltsame Gefühle. Das ist fast wie die Aufforderung, für die Feinde zu beten. Vertraut ist uns die Kritik an Regierung und Politikern. Wer aber in Betracht zieht, dass wir in einem Land mit sozialem Frieden, gerechter Umverteilung und relativ großer Freiheit leben, der wird wenigstens der Aufforderung zur Danksagung etwas abgewinnen können. Damit das so bleibt, braucht es verantwortungsbewusste Regierende und Politiker mit Rückgrat, nicht solche, die große Versprechungen abgeben und Vertreter der konkurrierenden Partei in den Schmutz ziehen. Es liegt an uns, wofür wir beten und wen wir wählen.

 

[1] T. Söding, Gottessohn, 328