2022-09-11 Auslegung zu 1. Timotheus 1, 12-17

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Kurt Udermann, Obmannstellvertreter 

24. Sonntag im Jahreskreis C nach der katholischen Leseordnung: 1. Timotheus 1,12-17

Lesung:
12 Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, 13 obwohl ich früher ein Lästerer, Verfolger und Frevler war. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat.

14 Doch über alle Maßen groß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.

15 Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste.

16 Aber ich habe gerade darum Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut erweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen. 17 Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.

(1) Der erste und zweite Timotheus- und der Titus-Brief werden als Pastoralbriefe bezeichnet. Sie wollen den Hirten und Christen in Ephesus und den kleinasiatischen Gemeinden eine Hilfe für die Stärkung des Glaubens und der Gemeindeleitung geben. Der Verfasser ist aller Wahrscheinlichkeit nicht Paulus, sondern vermutlich ein unbekannter Amtsträger, der sich der Autorität des Apostels bedient, um seinen eigenen Anweisungen Gewicht zu verleihen. Ein wichtiges Anliegen der Pastoralbriefe ist das Bekenntnis zum universalen Heilswillen Gottes, der „durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus“ geoffenbart wurde. Der heutige Lesungstext ist ein Einschub, der den Dank des Apostels für das ihm von Gott geschenkte Erbarmen ausdrückt, das zugleich allen Menschen gilt. Die Pastoralbriefe geben Auskunft über die Christengemeinden im ausgehenden ersten christlichen Jahrhundert.

(2) „Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten.“[1] Mit der Wendung: „Das Wort ist glaubwürdig“ werden in den Pastoralbriefen Glaubenssätze hervorgehoben, die den Glauben für den Taufunterricht, den Gottesdienst und konkreten Alltag fassbar und anwendbar vermitteln wollen. Der Zusatz „und wert, dass man es beherzigt“ verstärkt die Hervorhebung. Der Verfasser des Briefes bedient sich der Autorität des Völkerapostels, um klar zu machen, dass Jesu Sendung in die Welt ein besonderes Ziel hatte, nämlich die Rettung der Sünder. Aber nicht nur Jesu Einsatz für die Sünder zu seinen Lebzeiten und sein Sterben für sie sind Zeugnis dafür. Auch als Auferstandener setzt er dieses Werk beispielhaft an Paulus fort.

Paulus bezeugt das Handeln Gottes an sich durch die geschenkte Begegnung mit Jesus vor Damaskus. Dieses Ereignis scheidet sein Leben in ein Vorher und Nachher. Im Rückblick war das Vorher geprägt durch sein Leben als Sünder (Lästerer, Verfolger und Frevler). Dazwischen war seine Rettung. Nachher wurde er von Christus Jesus in Dienst genommen. Paulus betont, dass er Erbarmen fand, weil er in seinem Unglauben nicht wusste, was er tat. Darüber hinaus hebt er die übergroße Gnade Gottes hervor, die ihm in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.

Das zuteil gewordene Erbarmen führt er auf das Nichtwissen aufgrund seines Unglaubens zurück. Das mildernde Motiv des Nichtwissens findet sich schon bei Jesus. Sein erstes Wort am Kreuz (Lk 23,34) ist die Bitte um Vergebung für die, die ihn annageln: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Jesus lebte, was er in der Bergpredigt verkündet hatte. Die Apostelgeschichte berichtet, dass Petrus nach der Heilung des Gelähmten der Masse ins Gewissen redete. Er erinnerte sie, dass sie „den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders gefordert“ hatte. Dieser Hinweis traf sie mitten ins Herz. Dann sagte er: „Nun, Brüder, ich weiß, ihr habt in Unwissenheit gehandelt, ebenso wie eure Führer“ (3,17). Im autobiographischen Rückblick des Apostels Paulus ist es diese Unwissenheit, die ihn gerettet hat. Sie machte ihn der Bekehrung und der Vergebung fähig. Das gelehrte Wissen des Schriftgelehrten und Pharisäers Paulus und sein tiefes Unwissen geben sehr zu denken.

In der Erzählung von den Magiern aus dem Osten wissen die Hohenpriester und Schriftgelehrten genau, wo der Messias geboren wird. Sie erkennen ihn aber nicht. Als Wissende bleiben sie dennoch blind (Mt 2,4-6). Insofern muss das Wort vom Nichtwissen „gerade auch heute die vermeintlich Wissenden aufrütteln. Sind wir nicht gerade als Wissende blind? Sind wir nicht gerade durch unser Wissen unfähig, die Wahrheit selbst zu erkennen, die sich im Gewussten uns zuwenden möchte?“[2]

Das empfangene Erbarmen mit der Gabe des Glaubens und der Liebe hat aber noch einen weiteren Grund: Christus Jesus konnte gerade an ihm seine Langmut erweisen zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen. Paulus, der der Steinigung des Stephanus zustimmte, den Gekreuzigten und die Christen hasste und verfolgte, hatte Jesu Langmut und Geduld herausgefordert, was schließlich in die Begegnung der beiden vor Damaskus und seiner Bekehrung und Sendung führte. Diese Vorbildhaftigkeit zeigt einerseits, welch große Wertschätzung Paulus in den paulinischen Gemeinden am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts genoss und andererseits, dass sich dem Erbarmen Gottes und seiner Gnade alle anvertrauen dürfen. Jesu Gnade vermag auf Dauer alles.

(3) „Wir sind gerettet!“ Es gibt keine bessere Sicherheits-Polizze. Dennoch wird deren Wahrheit immer wieder bezweifelt. Sach-Wissen verbunden mit Selbstüberschätzung und Stolz führen oft zum tragischen Irrtum, man müsse oder könne seine Rettung selbst „leisten“. Wir müssen uns nicht selber retten! Das hat Christus für uns getan. Übrigens, die Gnade ist dort übermäßig, wo die Sünde mächtig ist.

Paulus wurde von seinem Hass befreit und gerettet. Unser aller Rettung „besteht in der Vergebung der Sünden und in der Erneuerung des ganzen Menschen, der Vermittlung eines authentischen Gottesverhältnisses, am Ende in der Auferstehung der Toten und dem ewigen Leben.[3]

An uns liegt es, das Zeugnis der Heiligen Schrift anzunehmen: Für die, die in Christus sind, gibt es keine Verdammnis (Röm 8,1-4); jeder, der an ihn glaubt, geht nicht zugrunde (Joh 3,16-18); wer den Sohn hat, der hat das Leben (1 Joh 5,12f).

Letztlich ist es eine Beziehungsfrage: Lebe ich in Beziehung mit dem dreifaltigen Gott? Teile ich mein Leben mit ihm, lasse ich mir von ihm in mein Leben „dreinreden“? Vertraue ich darauf, dass er mich langmütig führt, dass er es trotz aller Schicksalsschläge gut mit mir meint?

[1] Vgl. Lk 19,10

[2] J. Ratzinger, Jesus II, 231

[3] T. Söding, Gottessohn, 106f