Earth-Strike und For Forrest - ein Erlebnisbericht

von G. John

Der Wut-Auftritt unter Tränen von Greta Thunberg wird verurteilt und ins Lächerliche gezogen.

Auch mein erster Gedanke war: Das ist des Guten zuviel – doch dann schaltete ich mein Hirn ein!

Ich bin fast 40 Jahre älter als Greta. Ich bin es seit vielen Jahr(zehnt)en gewohnt, publizierend zu sprechen. Ich bin kommunikativ geschult und geübt. Und doch – wenn es um Emotion und persönliche Überzeugung geht, gehen auch mir manchmal die Pferde durch. Hier steht ein jetzt 17-jähriges Mädchen im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Ihr Publikum sind nicht einige, sondern –zig, Hunderte oder Tausende. Sie steht im Fokus von Hundertausenden und Millionen! Ich denke, ihr Auftritt war und ist echt!

Sie „brennt“ für ihre Sache und ist emotional 100%ig dabei.

Nein, da ist keine Schauspielerei dabei, lediglich pure Emotion und Überforderung eines 17-jährigen Mädchens.

Undankbarkeit wird ihr vorgeworfen? Ja, sie lebt in einer sozial gesicherten Existenz. Ja, sie kann auf ein modernes, tolerantes und wirtschaftlich gesichertes Leben zurückgreifen, wie kaum eine Generation vor ihr. Viele Millionen können das aber noch lange nicht. Und gerade aus dieser Sicherheit heraus könnte sie sich bequem zurücklehnen und sagen: Was geht mich das an?!

Bonhoeffer forderte: „Tut den Mund auf für die Stummen“ und genau DAS tut sie und mit ihr die gesamte weltweite Jugendbewegung.

Sie wählte, wie wahrscheinlich fast alle Jugendlichen unbewusst, instinktiv - denn die Erfahrung fehlt, den Weg des Widerstandes. Widerstand gegen die Zerstörung ihrer Umwelt, ihrer Gesundheit und ihrer Zukunft.

Vor 40 Jahren starteten wir an den Schulen mit der Aktion „Jute statt Plastik“. Mehr als der Erhalt der Umwelt waren in unserem Bewusstsein die soziale Verantwortung und das schlichte Überleben. Ich war auf Malta dabei, als wir vor Ort soziale Projekte wie „Hilfe zur Selbsthilfe“ gestartet hatten und ich denke, wir haben beispielgebend gehandelt. Obschon ich sagen muss, dass meine Motivation natürlich auch davon beeinflusst war, dass wir nach 3 Wochen Arbeit 14 Tage herrlichsten Badeurlaub hatten… ;-)

Die größte Sorge unserer Generation war die atomare Vernichtung, die Angst, irgend so ein Idiot könnte versehentlich auf den roten Knopf drücken. „Fighting for peace is like fucking for virginity“, so skandierten wir damals an unseren Schulen. Unter dem Schrecken der atomaren Vernichtung wuchs ich auf und wurde erwachsen.
Als Soldat, so merkwürdig es klingt, bekämpfte ich die Bedrohung der militärischen Vernichtung. 

Großartige Leute, wie Petra Kelly von den Ursprungsgrünen in Deutschland, gingen an diesen Kämpfen kaputt und nahmen sich sogar das Leben.

Nein, ich bin kein Grüner. Aus der christdemokraktisch konserativen Jugend kommend, würde ich mich heute selbst als christsozialen Marxisten bezeichnen ;-)

Umweltpolitisch hat sich leider seit damals kaum etwas bewegt. Wir erleichtern unsere Gewissen durch Kauf von so genannten Bio- und Fairtrade-Produkten! Doch sind wir mal ehrlich: Gekämpft haben wir dafür seit Jahrzehnten nicht mehr.

Was hat Greta Thunberg und die Bewegung "Fridays for future" in mir bewegt?

Ich fing an, mich zu schämen! Zu schämen dafür, dass ich als Jugendlicher gekämpft hatte und dann satt und faul wurde.
Ja, ich habe die heutige Situation unserer Umwelt und Kauf-Kultur mitverschuldet.
Ja, ich gehörte zu den „Geiz ist geil“-Jüngern.
Ja, ich habe mich schuldig gemacht und bitte die Generation 2000+ um Verzeihung. Doch: It´s never too late to mend! (Ist Englisch nicht toll?!)

Mit der „Earth Strike“-Demonstration ging die globale Aktionswoche „Week for Future“ zu Ende. Protestiert wurde in zahlreichen österreichischen Städten und Gemeinden. Allein in Wien gingen rund 30.000 vor allem jugendliche Teilnehmer auf die Straße, in Linz etwa 9.000 und bei uns in Klagenfurt „nur“ etwa 1.000.
Doch traten die jungen Leute in Klagenfurt sehr engagiert, entschieden und betont friedlich auf.

Der Marsch begann symbolschwanger um 5 vor 12 auf dem Heiligengeistplatz, vor der Heiligengeist-Kirche, deren Tore verschlossen waren mit einem Hinweisschild, die Kirche wäre wegen Reinigungsarbeiten geschlossen… So betete ein Vertreter der Aktion klimagebet.at notgedrungen mit seinem Rosenkranz vor verschlossenen Toren der katholischen Kirche. – Schade!


Old ´n Young (together for) 1 world – so war der Spruch auf meinem Demo-Shirt zum Earth-Strike am 27.09.2019 und die Forderung „Rettet Seine Schöpfung“.


Besonders beeindruckend war die Kreativität einiger Protestschilder und teilweise unglaublich (intelligent-)frecher Sprüche, die uns zum Hinterfragen und Schmunzeln anregten – was so ja wohl auch beabsichtigt war. Ein besonders frecher Spruch war: „I'm too young to watch porn - but not too young to see how our world gets fucked.“
Jugend provoziert – und das ist gut so!

Es war faszinierend zu sehen, wie immer mehr und mehr Jugendliche auf dem Heiligengeistplatz zusammenkamen, doch nicht nur Jugendliche. So gab es Abordnungen von „parents for future“, „schoepfung.at“, „artists for future“, „klimagebet.at“ und sicherlich andere Gruppen, die uns in der Menge nicht so aufgefallen sind. Beeindruckend war auch die Disziplin und Friedfertigkeit, mit der der Marsch durchgeführt wurde.
„Wir sind hier! Wir sind laut! Weil ihr uns die Zukunft klaut!“, so skandierten die jungen Leute – und wirklich lautstark! Da wird es am Wochenende in vielen Familien recht ruhig geworden sein, da den Kiddies im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme weggeblieben war. – Voller Einsatz für die Sache! Chapeau!

Unser Bundespräsident Alexander van der Bellen schrieb aus seinem Büro nach einem Blick auf die Demo in Wien:
„Ein Blick aus meinem Büro in diesem Moment. #EarthStrike
Heute sind weltweit wieder Millionen Jugendliche auf der Straße, um konkrete Maßnahmen gegen die Klimakrise einzumahnen. In #Österreich sind es Zehntausende, die für ihre Zukunft eintreten. Die #Klimakrise ist eine Jahrhundertaufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können.“
Es zeigt sich wieder einmal, welch ein Glück wir mit unserem Präsidenten haben!

Beim Stopp vor dem Sitz der Landesregierung Kärntens hatte leider kein offizieller Vertreter der Politik es für nötig erachtet, sich dem Protest zu stellen.

Nach (Annes Trittzähler hat es gemessen) guten 6 km Asphalttreten durch die Innenstadt taten uns rechtschaffen die Füße weh und wir verlagerten uns nach Abschluss der Veranstaltung zum Wörthersee-Stadion zu der Installation „For Forrest“, die mich besonders betroffen machte.

Die Installation beruht auf einem Bild von Max Peintner. Der gebürtige Tiroler Architekt hat 1970 eine ebenso erschreckende wie fesselnde Zukunftsvision mit Bleistift gezeichnet. Das Bild zeigt ein gut gefülltes Fußballstadion in einer Großstadt, dessen Besucher gebannt auf ein Spielfeld voller Bäume blicken. "Es war die Zeit des Waldsterbens", erinnert sich der mittlerweile 82-jährige Peintner. "Ich hatte ein Bild vor Augen, wo die Reste der Natur wie im Zirkus ausgestellt sind." Max Peintner sagt, er hätte das Projekt gern in einem "weißen Elefanten" umgesetzt gesehen. Zu diesen brachliegenden Riesenstadionbauten zählt auch das Wörthersee-Stadion, ein Musterbeispiel für sportlichen Größenwahn: Für drei Spiele der Europameisterschaft 2008 gebaut, werden im 30.000-Zuschauer-Stadion aktuell nur die Heimspiele des Zweitligisten Austria Klagenfurt ausgetragen. Der Zuschauerschnitt betrug in der Vorsaison knapp über 1000 Fans… (Infoquelle: Salzburger Nachrichten 5.9.2019)

Ich stand in dem Stadion, blickte auf den Mischwald von 299 Bäumen und erschauerte bei dem Gedanken, dass Menschen in der Zukunft tatsächlich sich einen Wald ansehen müssten wie in einem Zoo.
Genau zur Vermeidung der Wahrwerdung dieser Vision kämpfen und demonstrieren die Jugendlichen heute weltweit. Die Behauptung, sie würden dies nur tun, um Schule zu schwänzen, wurde in den Sommerferien glänzend wiederlegt. Tausende gingen auch an diesen Freitagen auf die Straße.

Ein junges, autistisch angehauchtes Mädchen hat mir die Augen wieder geöffnet.
Danke dafür! – 
Nach Jahrzehnten bin ich endlich wieder wach geworden – ihr auch?

LG
John

 

Fotos © ASS